Scharfzüngige Verwunderung

Walter Sittler liest bei den Burgfestspielen Texte von Dieter Hildebrandt

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Walter Sittler wird am Montag, 9. Juli, um 20 Uhr erstmals bei den Burgfestspielen Dreieichenhain zu sehen sein. Er freut sich, ein Teil davon zu werden.

Dreieichenhain - Eigentlich wollte der große Kabarettist Dieter Hildebrandt 2014 bei den Burgfestspielen auftreten. Doch acht Monate vorher verstarb er 86-jährig an einem Krebsleiden. Vier Jahre später, am Montag, 9. Juli, um 20 Uhr werden nun seine Texte zu hören sein – interpretiert von Schauspieler Walter Sittler. Michael Forst hat sich mit ihm unterhalten.

Herr Sittler, Sie werden bei den Burgfestspielen unter dem Titel „Ich bin immer noch da“ Texte des 2013 verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt lesen. Was hat Sie darauf gebracht?

Seine Witwe Renate Küster-Hildebrandt hat mich gefragt, ob ich das letzte Buch von ihm „Letzte Zugabe“ einlesen wollte. Da habe ich natürlich sofort ja gesagt. Daraus hat sich dann die Idee ergeben, ein Bühnenprogramm mit Texten von Dieter Hildebrandt zu machen.

Wusste er von Ihrem Vorhaben oder entstand die Idee erst nach seinem Tod?

Nein, er wusste nichts davon, aber ich habe erfahren, dass er die Verwerfungen um Stuttgart 21 genau verfolgt hat und ich ihm dadurch gut bekannt war.

Wie gut kannten Sie Dieter Hildebrandt persönlich?

Ich habe ihm nicht persönlich die Hand gegeben. Ich kannte und kenne ihn nur als Kabarettisten auf der Bühne und im TV.

Hildebrandt war in seinen politischen Kabarett-Sendungen wie „Scheibenwischer“ dafür bekannt, dass er unheimlich zeitnah auf tagespolitische Dinge einging. Diese Seite seiner Begabung dürfte Ihre Textauswahl doch kaum widerspiegeln, oder? Widmen Sie sich deshalb mehr den hintergründig-philosophischen Qualitäten anderer Hildebrandt-Texte?

Erich Kästner, ein großes Vorbild von Dieter Hildebrandt, hat mal über die Politik gesagt: „Die Farben wechseln, die Wände bleiben.“ Da Dieter Hildebrandt sowohl hinter die Mechanismen der Politik als auch der Menschen geschaut hat, sind viele Texte weiterhin aktuell, man muss nur die Namen im Kopf austauschen. Ab und zu flechte ich aktuelle Ereignisse mit ein, aber immer im Zusammenhang mit Texten von ihm.

Mindestens zwei Parallelen zwischen Ihnen und Hildebrandt scheint es vordergründig zu geben: Zum einen war Dieter Hildebrandt als Kabarettist, Schauspieler und Buchautor ein Tausendsassa. Sie sind es als Schauspieler, Produzent und Autor ebenfalls. Kann man gar von Seelenverwandtschaft sprechen?

Seelenverwandtschaft ist vielleicht zu viel, denn wir kannten uns ja persönlich nicht. Allerdings ist mir seine Denkweise sehr vertraut, sie „liegt“ mir sozusagen. Auch seine scharfzüngige Verwunderung über den Irrsinn um ihn herum kommt mir entgegen. Es ist ja auch übrigens viel gesünder, sich zu wundern als zu ärgern.

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Eine Zeit lang schien es, als seien Sie im deutschen Fernsehen durch Rollen wie in der Arztserie „Nikola“ abonniert auf „Everybody’s Darling“: Frauen fanden Sie attraktiv, Männer wollten gerne mal ein Bier mit Ihnen trinken gehen. Haben Sie sich durch dieses Klischee eingeengt gefühlt - und wenn ja: Wie sind Sie damit umgegangen?

Die Rollen im TV sind ja nur eine, wenn auch sehr wichtige Seite meines Berufs. Die „Schublade“, wenn Sie so wollen, empfinde ich als recht geräumig: Nikola, Girl friends, Kommissar, Ein Fall für den Fuchs usw. Bei der Theaterarbeit sind viele verschiedene Programme aktuell: Kästner, Hildebrandt, Glattauer, Tolstoj - also mir geht’s sehr gut damit.

Sie haben als junger Mann vor der Schauspielschule in München in verschiedenen Positionen gejobbt, waren Möbelpacker, Taxifahrer, Sekretär und Kinovorführer. Inwiefern hat Sie das auf die Schauspielerei vorbereitet?

Für mich bedeutet Schauspielerei genau hinzusehen, wie die Menschen sind, wie die Welt ist. Ohne es zu wissen, konnte ich durch die diversen „Umwege“ viele Erlebnisse und Eindrücke für den zukünftigen Beruf sammeln.

Bilder: Auftakt der Burgfestspiele Dreieichenhain

Was wissen Sie über die Burgfestspiele Dreieichenhain (wenn ich richtig informiert bin, treten Sie dort zum ersten Mal auf)?

Das Festival war mir vom Namen bekannt und ich freue mich, ein Teil davon zu werden.

Was ist der Unterschied Ihres Lesungsprogramms zum Theaterspielen? Was reizt Sie an dem Format einer Lesung besonders gegenüber einem Auftritt mit einem Theaterensemble?

Mit einer Lesung kann man geschriebene Texte lebendig werden lassen, die Zuhörer vielleicht ermutigen, Texte künftig anders zu lesen, emotionaler, empathischer. Vielleicht gelingt es manchmal, dadurch das Erlebnis des Lesens reicher zu machen.

Es ist hierzulande ungewöhnlich, dass sich ein bekannter Schauspieler politisch so offen äußert und einmischt, wie Sie es bei Stuttgart 21 getan haben. Warum war es Ihnen wichtig, sich da einzubringen - und werden Sie das weiter tun?

Demokratie lebt für mich von der Beteiligung, lebt vom Diskurs, selbst wenn er scharf ist. Kein Mensch ist doch automatisch klug, weil er in eine politische Position gewählt ist. Der unbedingte Wille, in allem Recht zu haben, wie wir es bei S21 in verschiedenen Facetten erlebt haben, fordert eine Einmischung geradezu heraus. Deshalb habe ich das gemacht. Ich verfolge alle Entwicklungen weiter, aber jetzt sind politische Entscheidungen gefragt und sie scheinen darauf hinaus zu laufen, das als nicht so sinnvoll erkannte Projekt unter allen Umständen zu Ende zu bringen. Koste es, was es wolle, bei allen gravierenden Nachteilen und kaum sichtbaren Vorteilen.

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