318 Seiten, die es in sich haben

Christian Linker liest vor Schülern aus „Dschihad Calling“

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Autor Christian Linker las nicht nur aus seinem Roman vor, sondern diskutierte auch mit den Schülern.

Dreieich - Linda Hein hat schon so manche Lesung organisiert. Als Leiterin der Schul- und Stadtteilbücherei Weibelfeldschule ist das Teil ihres Jobs. Nur selten, verrät Hein, finde sie auch die Zeit, das präsentierte Buch im Vorfeld komplett zu lesen. Von Manuel Schubert 

Doch diesmal war es anders. „Ich konnte nicht aufhören“, erzählt die Bibliothekarin. Und das, obwohl sie anfangs „sehr skeptisch“ gewesen sei. Die Rede ist vom Roman „Dschihad Calling“ von Christian Linker, den der Autor an einem verregneten Vormittag höchstpersönlich in der Schule Am Trauben vorstellt. Zwei Schülerinnen des Projekts Jugendliteratur Dreieich (JuLiD) haben ein kürzlich gewonnenes Preisgeld dafür eingesetzt, den erfolgreichen Jugendbuchautoren aus Leverkusen für ein Gastspiel an der Weibelfeldschule zu begeistern. Und so lauschen rund 40 Schülerinnen und Schüler der Klassen zehn und elf Linkers Worten, als er im grauen Kapuzenpulli und schwarzen Sakko rund anderthalb Stunden aus seinem Roman liest und mit den Zuhörern über das Thema spricht. Letzteres ist ihm wichtig, denn: Ein Buch zu schreiben könne sehr einsam sein, sagt Linker. „Viel spannender ist es, mit den Lesern darüber zu diskutieren.“

Es ist ein heißes Thema, das der 41-Jährige da angefasst hat. Wie der Titel schon verrät, haben es die 318 Seiten in sich: Islamischer Staat, heiliger Krieg, Töten im Namen Gottes. Auch Hein beschreibt das Buch als „sehr deftig und sehr direkt“. Das bestätigt sich, als Linker beginnt, zu lesen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jakob, 18, frischgebackener Abiturient, erstes Semester Volkswirtschaftslehre - und doch nicht glücklich. Als er ein verschleiertes Mädchen vor zwei Hooligans rettet, kriegt er ihre schönen Augen nicht mehr aus dem Kopf. Er macht die mysteriöse Schönheit - Samira - ausfindig und findet durch sie Anschluss bei einer salafistischen Vereinigung. Als Jakob aus seiner WG fliegt, nimmt Samiras Bruder Adil ihn bei sich auf - und führt ihn in die Welt des Islamischen Staates ein. Während Jakob Gefallen am radikalen Islamismus findet, hat Adil sich schon entschieden: Er will nach Syrien und dort für den Glauben sein Leben lassen.

„Um Gerechtigkeit durchzusetzen, kann Grausamkeit manchmal behilflich sein“ - kaum ein Satz, der während der Lesung fällt, hallt so nach, wie dieser. Und so sind sich die meisten Schüler bei der anschließenden Diskussionsrunde einig: „Dschihad Calling“ regt zum Nachdenken an. „Das klingt wie die Wirklichkeit“, sagt eine Schülerin zögerlich. „Nicht wie etwas Fiktives.“ Auch Hein zeigt sich beeindruckt, sagt, sie finde einige Argumente des Dschihadisten Adil „erschreckend einleuchtend“. Einige der Zuhörer leihen sich das Buch noch am selben Tag in der Schulbücherei aus.

In dem Roman steckt eine Menge Arbeit - ein Teil davon landete im Papierkorb. Das Thema lässt Linker schon seit fast zehn Jahren nicht los. Als im September 2007 die sogenannte Sauerland-Gruppe wegen eines geplanten Sprengstoffattentats festgenommen wurde, war sein Interesse geweckt. Schon damals schrieb er einen 300 Seiten starken Roman zum Thema. Obwohl sein Verlag Interesse zeigte, verwarf der studierte Theologe seine Idee wieder. „Die Hauptfiguren waren zu blass, das Buch hatte keine Energie“, erinnert er sich. Im Zuge des IS-Terrors der vergangenen Jahre trat der Verlag noch einmal an Linker heran. Beim zweiten Versuch klappte es besser. Das im Dezember 2015 erschienene „Dschihad Calling“ war laut Autor ein voller Erfolg. Vermutlich auch, weil es kurz nach den Anschlägen von Paris einen Nerv traf.

Auch Büchereileiterin Hein hat festgestellt, dass das Thema Terrorismus die Schüler beschäftigt. „Viele bedrückt es“, sagt sie. „Die Jüngeren haben Angst, die Älteren diskutieren viel darüber.“ Das spiegelt sich auch in den Ausleihen wider. Bücher wie das von Christian Linker stehen in der Schulbücherei aktuell hoch im Kurs. Und nicht zuletzt erfreut sich beispielsweise auch der Koran großen Interesses.

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