Andreas Grebe und Tanja Backes

Im Teenietreff der Behindertenhilfe verliebt

Dreieich - An den Clubabenden mal weg von den Eltern sein, das ist für behinderte Jugendliche eine wichtige Erfahrung, die die städtische Behindertenhilfe ermöglicht. Die Partnersuche fällt vielen Teenagern doppelt schwer. Von Julia Radgen 

Auch hier hilft der Club, in dem sich schon einige Paare gefunden haben. So wie Andreas und Tanja, beide geistig behindert, die schon seit fast 28 Jahren zusammen sind. Ein Schulfreund hat Andreas Grebe damals mit in den Teenieclub genommen, einen der fünf altersgestaffelten Treffpunkte der städtischen Behindertenhilfe. Andreas ist von Geburt an geistig behindert und hat eine Spastik. Er war ein Achtmonatskind, erzählt seine Mutter Elke Blum, die den Förderverein Behindertenhilfe Dreieich mitgegründet hat. Andreas hatte bei der Geburt die Nabelschnur um den Hals, sein Gehirn bekam dadurch zu wenig Sauerstoff.

Andreas redet wenig, lässt lieber seine Mutter für ihn sprechen. Die erinnert sich: „Schon nach dem ersten Besuch im Club war er ganz begeistert.“ Ihr Sohn habe damals unbedingt eine Freundin gewollt, sich sogar heimlich bei einer Partneragentur angemeldet. Eine besondere Begegnung im Teenieclub veränderte alles: Denn dort traf er „seine Tanja“, wie seine Mutter gerne sagt. Am Sprendlinger Faschingsumzug 1990 sind die beiden dann zusammen um die Häuser gezogen. Beim anschließenden Kaffeetrinken mit Tanjas Eltern erklärte Andreas dann unverblümt: „Das ist jetzt meine Freundin!“

Das ist jetzt beinahe 28 Jahre her. Seither sind Andreas und Tanja – beide sind heute 49 Jahre alt – ein Paar. „Sie haben ganz normal Streit, waren schon mal getrennt“, sagt Blum. Aber auch Zusammenziehen ist ein Thema – eben alles wie bei anderen Paaren auch. Einen Partner kennenzulernen sei für viele Behinderte besonders schwierig, weiß Blum – auch von anderen Eltern mit behindertem Nachwuchs. „Die Gefühle und der Wunsch, jemanden zu haben, sind wie bei allen anderen da“, betont sie, doch die Behinderung schaffe zusätzliche Hindernisse – gerade im Teenageralter. „Wir haben alles mitgemacht, nur doppelt so intensiv“, sagt Blum. Nicht wenige Pärchen fänden sich daher in den Behindertenclubs.

Andreas hat eine Wohnung über der seiner Mutter. Die Familie isst zusammen, aber er hat auch sein eigenes Reich. „Er ist ein Eigenbrötler“, sagt seine Mutter. Er arbeitet bei einer Recyclingfirma in Langen, sortiert Kabel und petzt die Stecker ab, wie er erklärt. Seine Freundin Tanja wohnt in einer Einrichtung in Wixhausen. An den Wochenenden ist sie entweder bei ihrer Familie in Buchschlag oder bei Andreas. „Wenn sie hier sind, versuchen wir wenig Einfluss zu nehmen.“ Jeden Samstagmorgen wird zusammen eingekauft, aber Andreas wählt seine Lebensmittel selbst aus. Blum und ihr Mann achten nur darauf, dass auch Gesundes im Einkaufskorb landet. In der Küche gibt es eine klare Aufteilung: Tanja macht den Salat. Das Antrainierte bestimme den Alltag, der um Arbeit, Arztbesuche, Krankengymnastik kreist. „Rituale sind sehr wichtig“, betont Blum.

Eine willkommene Auszeit davon verschaffen die Clubabende und vor allem die Freizeiten. Heute besuchen Tanja und Andreas regelmäßig den Freitagsclub, der in zweiwöchentlichen Rhythmus Unternehmungen für behinderte Erwachsene bietet. Tanja ist seit Bestehen Mitglied, hat noch nie eine Freizeit verpasst. Teilnehmer und Betreuer kennen sich meist seit Jahren, es sei wie ein großer Familienausflug, erklärt Blum. Auf den Freizeiten würden auch Erwachsene wie solche behandelt, ihnen werde etwas zugetraut. „Das können Eltern im Alltag oft nicht leisten.“

Wenn man Andreas fragt, welcher Ausflug ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, kann er keinen herausheben. „Die Freizeiten machen immer Spaß.“ Selbst die Besichtigung der Alllianz-Arena beeindruckte ihn als großen Eintracht-Fan. Kürzlich verbrachten alle – mit Andreas’ 44-jähriger Schwester und Familie – einen gemeinsamen Urlaub in Andalusien. Nur einer schmollte. „Es war schön, aber für Andreas kein richtiger Urlaub“, sagt Blum. Denn seine Tanja war nicht dabei.

Wegen Einsparungen wurden die Freizeiten verkürzt. Aber jeder Urlaubstag macht behinderte Jugendliche und Erwachsene glücklich und entlastet die Angehörigen. Wenn Sie helfen möchten, spenden sie auf das Konto der Bürgerstiftung (Volksbank Dreieich) IBAN DE28 5059 2200 000 5059321, bitte mit dem Hinweis „Wünsch Dir was!“.

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