Ein Gewinn für beide Seiten

Dreieicher Ehepaar Rubbert und Nadin sind eine nicht alltägliche Familie

Sie kommen gut miteinander aus: Hans und Ingelore Rubbert mit Nadin, die seit mittlerweile 14 Jahren bei dem Ehepaar in Offenthal lebt. 
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Sie kommen gut miteinander aus: Hans und Ingelore Rubbert mit Nadin, die seit mittlerweile 14 Jahren bei dem Ehepaar in Offenthal lebt. 

Mit dem Konzept „Begleitetes Wohnen in Familien“ eröffnet die Behindertenhilfe Offenbach Menschen mit Behinderung die Chance auf ein möglichst selbstständiges Leben. Das Ehepaar Rubbert aus Offenthal zeigt gemeinsam mit Nadin, wie das in der Praxis hervorragend gelingt.

Dreieich – Als der Schlüssel sich im Schloss umdreht, lächelt Ingelore Rubbert: „Ah, da kommt sie ja!“, ist die Offenthalerin erfreut. Nadin hat ausnahmsweise an einem Samstag gearbeitet. Als sie nach Hause kommt, erwartet sie bei Hans und Ingelore Rubbert ein gedeckter Kaffeetisch mit leckeren Kreppeln. „Sonst backt Nadin gerne selbst. Beispielsweise köstlichen Käsekuchen mit Heidelbeeren“, erzählt Hans Rubbert, während sich die 37-Jährige mit einem Lächeln am Tisch niederlässt.

Es sieht aus wie in vielen Familien an einem gemütlichen Samstagnachmittag im Herbst. Es wird Kaffee getrunken, gelacht und erzählt. „Wir sind auch wie Familie, wir leben wie eine Familie“, betont Ingelore Rubbert. Aber Nadin ist eben nur weitläufig Familie. Sie lebt seit 14 Jahren in Offenthal. Nadin ist die Tochter einer Cousine von Ingelore Rubbert. Sie ist freundlich, gut gelaunt und kommunikativ, versteht sich auf Smalltalk und wer es nicht weiß, kann ihre Lernbehinderung kaum erahnen.

Eine ungewöhnliche Familie aus Dreieich: Ehepaar Rubbert und Nadin helfen einander

„Nadin tut sich sehr schwer mit dem Lernen. Es hilft nur sehr große Geduld und immer wieder Üben“, erzählt Rubbert aus dem Alltag mit Nadin, die sie seit dem Kindesalter kennt, weil sie und ihr Mann in Nadins Heimatort in Brandenburg ein Jagdhaus besitzen. Als es der jungen Frau dort nicht gelingt, eine Arbeit zu finden, verzweifelt sie beinahe. Die Rubberts, selbst Eltern einer längst erwachsenen Tochter und Großeltern von zwei Enkeltöchtern, helfen. Nadin bekommt die offizielle Anerkennung einer Schwerbehinderung und das Offenthaler Ehepaar holt sie zu sich. Erst beginnt sie eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin, vor zehn Jahren bekommt sie über Beziehungen die Stelle in der Apotheke in Steinbach im Taunus. 32 Stunden in der Woche arbeitet sie dort, packt die Blisterpackungen für die umliegenden Altenheime zusammen.

Das gemeinsame Leben in Offenthal in dem Haus in der Hunsrückstraße ist ein Geben und Nehmen. Nadin hilft gerne bei der Gartenarbeit und im Haushalt. Sie hat ein eigenes Zimmer, kann sich dort zurückziehen, schaut gerne mal mit Hans Rubbert Fußball. „Ich bin inzwischen gut in Offenthal angekommen und habe ein paar Freunde“, freut sich die 37-Jährige.

„Ein riesiger Gewinn war es, als Nadin vor zwei Jahren den Führerschein bestanden hat. Jetzt kann sie mit ihrem Auto zur Arbeit fahren, spart sich die stundenlange Fahrt mit Bus und Bahn und kann auch uns immer mal fahren“, berichtet Ingelore Rubbert. Dass Nadin die theoretische Prüfung bestanden hat, hat sie Hans Rubbert, er war Regierungsoberamtsrat bei der Bundesnetzagentur, zu verdanken. Über ein Jahr lang hat er jeden Abend die Verkehrsregeln mit ihr gepaukt und Nadin besteht im ersten Anlauf. „Jetzt ist sie eine hervorragende Fahrerin, fährt sehr umsichtig und sicher“, ist Ingelore Rubbert begeistert. Die Offenthalerin, ehemalige Mitarbeiterin einer Frankfurter Großbank, ist sehr bemüht, Nadin möglichst viel beizubringen. „Sie muss lernen, selbstständig zu leben, wir werden nicht immer da sein“, sagt die 77-Jährige, deren Ehemann in der nächsten Woche seinen 84. Geburtstag feiert.

Von Beginn an hat die Familie Rubbert Unterstützung von der Behindertenhilfe Offenbach bekommen. Bei dem Verein firmiert diese weitgehend unbekannte Form des Zusammenlebens als „Begleitetes Wohnen in Familien“. Die Rubberts haben dort einen Ansprechpartner und bekommen Hilfe bei Fragen, Problemen oder auch spezifischen Behördengängen.

Behindertenhilfe Offenbach: „Begleitetes Wohnen“ eine wundervolle Wohnform

Die Behindertenhilfe sucht Familien, die bereit sind, einen Menschen mit geistiger Behinderung aufzunehmen: „Für viele Menschen mit Behinderung ist diese Wohnform eine wundervolle Chance, noch mehr Selbstständigkeit zu erlernen. Leider fehlt es an Gastfamilien“, sagt Sonja Giebeler von der Behindertenhilfe. „Viele Leute, die sich um einen Menschen mit geistiger Behinderung kümmern, freuen sich, nicht mehr alleine zu leben. Einige sind bereits in Rente, möchten sich aber für andere engagieren. Manche Gasteltern hatten bereits Pflegekinder und können sich auch das Zusammenleben mit Erwachsenen gut vorstellen.“ Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung sind nicht nötig. „Ein eigenes möbliertes Zimmer und die Bereitschaft und Offenheit, einen Menschen am eigenen Familienleben teilhaben zu lassen sowie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit unserem Fachdienst sind die einzigen Bedingungen“, so Giebeler.

Gastfamilien erhalten ein Betreuungsgeld von knapp 700 Euro sowie Zuschüsse für die anteilige Miete. „Ja, man braucht Geduld und es gibt auch schon mal Reibung, wie eben in jeder Familie. Aber wir bekommen ganz viel von Nadin zurück. Und es ist auch ein gutes Gefühl, einem Menschen zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen“, empfiehlt Ingelore Rubbert das Gastfamilien-Dasein.

Weitere Informationen gibt es bei Robert Maßholder von der Behindertenhilfe: 06103 57166-31. (Nicole Jost)

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