„Das Wichtigste ist Gerechtigkeit“

Offenbach ‐ Die brutale Tat eines 14-Jährigen, der in Dreieich einen zwölfjährigen Schüler zusammengeschlagen und -getreten hat, sorgt weiter für Empörung. Die wichtigste Nachricht dazu: Das Opfer, das schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, geht wieder zur Schule. Von Ralf Enders

Wie der Offenbacher Polizeisprecher Henry Faltin gestern auf Anfrage mitteilte, bestehe „gute Hoffnung“, dass bei dem Kind keine körperlichen Schäden zurückbleiben. Gleichwohl: Der Opferschutz muss vor dem Täterschutz kommen, fordern viele unserer Leser im Forum auf unserer Internetseite. Was sagt die Opferschutzorganisation Weißer Ring zu dem Fall?

Dass der Täter wieder bei seinen Eltern ist, ist formaljuristisch richtig, emotional aber schwer zu verstehen“, meint Veit Schiemann, Pressesprecher des Weißen Rings. „Ansonsten beschäftigen wir uns nicht mit Tätern, sondern mit Opfern.“ Aus Opfersicht sei es generell wichtig, „dass es bei aller Emotionalisierung gerecht zugeht bei der Polizei und vor Gericht“.

Dieses Empfinden ist freilich nachhaltig gestört, wenn die Taten weitgehend folgenlos bleiben. Dies ist Schiemann zufolge in etwa 80 Prozent der Fälle von Jugendgewalt gegeben. „Wir würden uns wünschen, dass Polizei und Justiz enger zusammenarbeiten. Der Täter soll was lernen und das Opfer sich ernst genommen fühlen.“ Es könne nicht sein, dass Täter aus Überlastungs- und Kostengründen davonkommen.

Das Beste für die Opfer und die Sozialisierung des Täters

Den hohen Migrantenanteil unter jugendlichen Gewalttätern sieht auch Schiemann. Zur Erklärung verweist er wie der Frankfurter Polizeipräsident Achim Thiel unter anderem auf die häusliche Gewalt in den Familien. „Einer Studie der Uni Ankara zufolge glaubt jede vierte türkische Frau, dass es das Recht ihres Mannes ist, sie zu schlagen. Viele Türkinnen etwa akzeptieren also die Gewalt und vermitteln so ihren Söhnen, dass Gewalt eine Lösung ist.“

Der Weiße Ring bekämpft diese und andere inakzeptable Ansichten mit Präventionsprogrammen, etwa „Sport gegen Gewalt“. Dort werden so fundamentale Einsichten vermittelt, wie dass eine Rote Karte nicht zum Verprügeln des Schiris führen darf.

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Ähnlich wie der Offenbacher Polizeipräsident Heinrich Bernhardt fordert der Weiße Ring ein Netzwerk aller Beteiligten, die sich jedes Falles einzeln annehmen. „Wir wollen das Beste für die Opfer und die Sozialisierung des Täters“, sagt Schiemann. Sozialisierung, nicht Resozialisierung, denn: „Viele Täter haben kein anderes Wertesystem, sie haben gar keines.“ Andernfalls sieht Schiemann schwarz: „Das einzige, was uns vor US-Verhältnissen schützt, ist unser Waffenrecht.“ Aber so einfach, wie heutzutage alles übers Internet zu besorgen sei, sei dies nur „eine Frage der Zeit“.

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Weißen Rings.

Der Weiße Ring, der sich ohne Staatsgelder aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert, bietet Verbrechensopfern vielfältige Hilfe, vom menschlichen Beistand bis zum Umgang mit Behörden. Schiemann: „Vieles wissen Opfer zum Beispiel gar nicht, dass sie nach dem Opfernentschädigungsgesetz Anspruch auf finanzielle Hilfen und Heilkostenübernahme über dem Kassensatz haben.“

Rubriklistenbild: © dpa

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