Märchen und Fischers Fritze

Heiko Grauel aus Dreieich ist neue Stimme der Deutschen Bahn

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Heiko Grauel ist der neue Ansager der Bahn – und träumt von einer kleinen Rolle bei den „Drei Fragezeichen“.

Heiko Grauel ist die neue Stimme der Deutschen Bahn und bald an mehr als 5700 Bahnhöfen in der ganzen Republik zu hören. Wie es dazu kam, dass der 45-jährige Dreieicher die Fahrgäste mit Informationen versorgt, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Nicole Jost: Herr Grauel, Sie haben sich unter hunderten Bewerbern durchgesetzt. Was ist das Besondere an Ihrer Stimme und warum ist die Wahl auf Sie gefallen?

Heiko Grauel: Das ist gar nicht so spektakulär im Sinne von: Der klingt so besonders. In der ersten Auswahl hat sich die Bahn für einen Stimmklang entschieden. Dann wurden die Stimmen der rund 20 ausgewählten Stimmen von gecasteten Sprechern im gesamten DB-Konzern anonym im Intranet vorgestellt und von Mitarbeitern, Externen und auch Fahrgastverbänden abgestimmt. Es blieben sechs Stimmen übrig. Dann wurden die Stimmen im Kino vorgeführt – unterlegt mit den typischen Bahngeräuschen, quietschenden Bremsen, lauten Gesprächen, eben alles, was die Durchsagen auf einem Bahnhof schlechter verständlich macht. In diesem Verfahren kam heraus, dass sich meine Stimme über all diese Geräusche am besten hinweggesetzt hat und sehr verständlich blieb. Deswegen fiel die Wahl auf mich. Das Casting war im März 2018. Die Entscheidung, dass ich der künftige Bahnsprecher bin, habe ich dann im Februar 2019 erfahren, und im Mai/Juni haben wir im Studio die Aufnahmen gemacht. Seit Beginn des Jahres gibt es die ersten Testläufe auf den Bahnhöfen.

Deutsche Bahn - Stimme an mehr als 5700 Bahnhöfen zu hören 

Nicole Jost: Ist es manchmal eigenartig, sich selbst sprechen zu hören, bald ja an Tausenden von Bahnhöfen in ganz Deutschland? Und wo sind Sie überall schon zu hören?

Heiko Grauel: Grundsätzlich ist es nicht mehr eigenartig, mich selbst zu hören. Neu ist allerdings die Situation am Bahnhof. Bislang musste ich den Fernseher, das Radio oder das Internet anschalten, um meine Stimme bei Dokumentationen oder in der Werbung zu hören. Jetzt ist es so, dass ich mich zufällig selbst hören könnte, wenn ich an irgendeinem Bahnhof stehe. Das macht es schon zu etwas Besonderem. Wahrscheinlich stehe ich da, schmunzle ein bisschen vor mich hin und schaue mich vielleicht auch um, ob jemand erkennt, dass ich das bin. Testweise liefen die Durchsagen schon in Wolfsburg und in Stuttgart-Feuerbach. Zuerst werden die neuen Durchsagen an den sogenannten Zukunftsbahnhöfen abgespielt, weil es für die neue Technik auch eine besondere Infrastruktur benötigt. Neue Lautsprecher, neue Systeme. Es wird also noch dauern, bis man mich an allen 5 700 Bahnhöfen hört.

Nicole Jost: Wie viele Stunden haben Sie die Zugverbindungen eingesprochen und wie funktioniert das technisch, dass Ihre Stimme für die Ansagen variabel nutzbar wird? Und worauf kommt es gerade bei Bahnansagen an?

Heiko Grauel: Bahnspezifische Ansagen gab es nur zwei DIN A4-Seiten. Das waren so Standardsätze, wie man sie an jedem Bahnhof hört. Wie „Am Bahnhof herrscht Rauchverbot“ oder „Das ist ein Feueralarm“. Alle anderen Sätze, das waren ungefähr 14 000, bestanden aus willkürlichen Texten. Beispielsweise: „Peter ging in den Wald und sammelte Pilze.“ Aus diesen Sätzen, die der Algorithmus einer eigens für die Bahn entwickelten Software für meine Stimme bestimmt hat, lässt sich jeder beliebige Satz, den die Bahn später braucht, zusammenbauen. Das System zerhackt die eingesprochenen Sätze zu Silben und sogar zu Lauten und setzt sie dann wieder zu den Ansagen zusammen. Natürlich habe ich auch ganz viele Zahlen eingesprochen, aber ich habe nie zusammenhängend gesagt: „Der ICE 351 von Hamburg fährt heute auf Gleis zwölf ein.“ Ich habe aus Märchen vorgelesen, ich habe Fischers Fritze gereimt. Die technischen Möglichkeiten sind erschreckend für meine Branche. Aber das Gute: Das System kann nur sehr gleichförmige Sätze ausgeben. Es kann keine Stimmung produzieren, keine Emotionen transportieren. Aber es kann sinnvolle und wichtige Bahninformation für Reisende liefern. Wir haben verteilt auf sechs Wochen 14 Tage lang aufgenommen. Das ist anstrengend, jeweils fünf bis sechs Stunden am Tag. Es ist eine Herausforderung, auch nachmittags um drei Uhr noch so zu klingen wie morgens. Da ist es gut, dass es einen Regisseur gab, der mich auch immer wieder aufs richtige Gleis geschubst hat (lacht).

Heiko Grauel hofft auf eine kleine Rolle bei den „Drei Fragezeichen“

Nicole Jost: Wie hat Ihre Karriere als Sprecher angefangen? Wer hat bemerkt, dass Ihre Stimme so besonders ist?

Heiko Grauel: Ich war ein großer Fan der Drei Fragezeichen-Hörspiele. Ich habe mit Mikrofon und Plattenspieler schon als Kind ein Radiostudio in meinem Kinderzimmer gebaut. Als ich acht war, entdeckte ich auf meiner ersten Drei Fragezeichen-Kassette nach dem Weißband ein Stück Schwarzband, also ein Stück Band, das noch nicht bespielt war. Dort sprach ich dann die Folgennummer und den Namen der Folge darauf, bevor die Musik einsetzte, damit ich selbst auf der Kassette zu hören war. Darüber habe ich mich gefreut wie ein Schneekönig. Später kam eins zum anderen: Nach dem Abitur fragte ich mich, was mache ich bis zum Zivildienst? Radio war mein großes Ziel, aber der HR war damals für mich unerreichbar. Dort waren meine größten Vorbilder: Werner Reinke und Thomas Koschwitz. Meine Mutter gab mir dann den Tipp, dass ich mich bei Radio Primavera in Aschaffenburg bewerben solle. Das hat geklappt. Ich fing dort als Praktikant an und nach einer Woche bat mich der Redakteur vorzulesen, was ich zusammengeschrieben hatte. Ich weiß es noch genau, er sagte: „Das klingt doch gar nicht schlecht.“ Nach zwei Wochen habe ich Nachrichten gelesen und nach drei Wochen habe ich eine Sendung moderiert. Später nahm ich Sprachunterricht, lernte mit meiner Stimme umzugehen. Das war bei Jürgen Kolb, der Nachrichtensprecherstimme beim HR. Mit ihm habe ich stundenlang zusammengesessen. Wie atme ich richtig? Wie trage ich richtig eine Nachricht vor? Das verändert die natürliche Stimme, nicht vom Klang, aber ich weiß heute, wie ich richtig atme und ich kann meine Stimme einsetzen. Nach und nach kamen dann die anderen Jobs, Dokumentationen und Werbung dazu. Es macht einfach ganz viel Spaß, eine Dokumentation zu sprechen, den Text zu erfassen, sich in die Stimmungen reinzufühlen und sie zu interpretieren. Das mache ich am allerliebsten.

Heiko Grauel: „Eine Erkältung ist die größte Katastrophe“

Nicole Jost: Trainieren Sie ihre Stimme heute noch? Und wie schützen Sie sie? Haben Sie Panik vor einer Erkältung?

Heiko Grauel: Eine Erkältung ist die größte Katastrophe für einen Sprecher. Ich versuche, mich fit zu halten. Rauchen und Trinken sind das Schlimmste für die Stimme. Nicht nur weil es sie schädigt, sondern auch die Abwehrkräfte schwächt, also vermeide ich das. Wenn ich erkältet bin, will keiner meine Stimme hören. Aber zum Glück werde ich selten krank. Und natürlich muss ich mich jeden Tag aufs Neue morgens einsprechen. Ich kann mich nicht gleich ans Mikrofon setzen, da ist die Stimme noch nicht warm. Auf dem Weg zum Job, im Auto, singe und brumme ich vor mich hin und stelle meine Atmung ein – und dann ist die Stimme auch da. Trainieren muss ich sie nicht mehr, ich habe meine Stimme gefunden und sie ist so, wie ich sie brauche.

Nicole Jost: Was wollten Sie schon immer mal sprechen? War Radio oder Fernsehen bislang eine Option, vielleicht als Nachrichtensprecher oder Moderator?

Heiko Grauel: Moderation im Fernsehen ist nicht meine Sache. Ich habe das mal bei einem kleinen Regionalsender gemacht. Ich habe, glaube ich, ein Radiogesicht und verstecke mich gerne hinter dem Mikro (lacht). Ich war zuletzt neun Jahre lang bis 2015 beim Radio, bei Harmony fm, dem Oldie-Ableger von FFH. Mittlerweile mag ich den Livestress nicht mehr. Ich fühle mich entspannter, wenn ich weiß, es wird aufgezeichnet und ich kann es zur Not noch mal machen. Was ich schon immer mal sprechen wollte? Es gibt natürlich immer noch meinen Kindheitstraum: eine kleine Rolle bei den Drei Fragezeichen. Das konnte ich bis dato noch nicht umsetzen. Das liegt vielleicht daran, dass ich kein ausgebildeter Schauspieler bin, weil Hörspiele oft mit Schauspielern besetzt sind. Aber es dürfte auch mal nur eine kleine Bahnansage mit meiner Stimme sein, dann wäre ich schon glücklich.

Nicole Jost: Sind sie selbst Bahnfahrer?

Heiko Grauel: Nicht sehr oft. Mein Arbeitsbereich beschränkt sich auf Mainz, Darmstadt und Wiesbaden. Es dauert einfach zu lange, mit der Bahn und auch noch mit dem Bus auf den Lerchenberg zum ZDF zu fahren. Aber nach Frankfurt fahre ich nahezu ausschließlich mit der Straßenbahn ab Neu-Isenburg. Ich hasse den Großstadtverkehr und die nervige Suche nach Parkplätzen. Ich wäre sofort dafür, die Straßenbahn von Neu-Isenburg bis nach Dreieich zu verlängern, denn der Zehn-Minuten-Takt in Richtung Frankfurt ist ideal. Wenn ich nach Berlin oder Hamburg muss, dann nutze ich auch die Bahn, weil ich es einfach viel bequemer finde und den Stress am Flughafen meiden kann.

Nicole Jost: Was fällt Ihnen zum Stichwort Dreieichbahn ein?

Heiko Grauel: Ganz ehrlich? Nix! Ich weiß, dass es sie gibt, ich habe sie aber noch nie genutzt. Ich habe mich aber jetzt mal erkundigt, wo sie überhaupt langfährt. Es ist sicher gut, dass es die Dreieichbahn gibt. Ich begegne ihr immer mal, wenn ich an der Bahnschranke stehe. Aber ich selbst hatte noch keine Verwendung für sie.

Das Gespräch führte Nicole Jost

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