Tod, Schuld und Sühne

Brutaler Mord sorgte für Aufruhr

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27 Jahre alt war Friedrich Baumgarten, als diese Bilder 1932 entstanden. Am 29. Februar des Jahres wurde er zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde später in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt.

Dreieich – 1930 wurde Sprendlingen von einem Mordfall erschüttert, der lange im Gedächtnis der Bürger blieb. Wilhelm Ott von den Freunden Sprendlingens und Wilhelm Schäfer vom Stadtarchiv haben die Geschichte recherchiert. Herausgekommen ist eine Dokumentation über Tod, Schuld und Sühne.

Älteren Sprendlingern sagt der Ausdruck „Mordhütt” noch etwas. Einige erinnern sich noch an die Grundmauern eines Hauses am Herrnröther Weg, in dem im November 1930 ein brutaler Mord begangen wurde. Das Geschehen könnte als Vorlage für eine antike Tragödie gedient haben: Ein nicht vollständig aufgeklärter, grausamer Mord an einer Frau, die in der sozialen Hierarchie ganz unten stand, ein Kindesmord durch eine verzweifelte Mutter, die sich dann selbst richtete, ein Strafverfahren mit unentwirrbaren gegenseitigen Beschuldigungen, eine Verurteilte, die nach Strafverbüßung Selbstmord beging, ein Todesurteil, das in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, weil man möglicherweise Zweifel an der Schuld des Verurteilten hatte, die vergeblichen Unschuldsbeteuerungen des als Querulant geltenden Sträflings und schließlich nach zwölf Jahren Zuchthaus dessen Tod in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.

Was geschah damals? In dem besagten kleinen Haus am Herrnröther Weg lebte 1930 eine Großfamilie: Friedrich Baumgarten, seine aus Polen stammende Frau Stara Baumgarten, seine ältere Schwester Gertrud Baumeister mit Ehemann Christoph Baumeister und seine jüngere Schwester Helene Brandt mit Ehemann Heinrich Brandt. Sowohl das Ehepaar Baumgarten als auch das Ehepaar Brandt waren Eltern eines Kleinkindes. Heute würde man das Anwesen als „sozialen Brennpunkt” bezeichnen. Es gab viel Streit, die Frauen wurden regelmäßig verprügelt.

Im November 1930 erschien Friedrich Baumgarten bei der Polizei und meldete das Verschwinden seiner Frau Stara. Die Behörden nahmen die Suche auf, aber ohne Erfolg. Stara Baumgarten blieb verschwunden; die Angelegenheit schien im Sande zu verlaufen.

Anfang 1931 wollte sich Heinrich Brandt von seiner Frau Helene scheiden lassen. Wahrscheinlich aus Verzweiflung tötete sie ihr kleines Kind. Sie kam daraufhin in Untersuchungshaft, wo sie an Pfingsten 1931 Selbstmord beging. In einem bei ihr gefundenen Abschiedsbrief beschuldigte sie ihren Mann, Stara Baumgarten erschlagen und im Garten vergraben zu haben. Die Polizei fand an der angegebenen Stelle die Leiche von Stara Baumgarten. Bei den Vernehmungen verwickelten sich die Bewohner des Anwesens in Widersprüche, wurden verhaftet und des Mordes angeklagt. Christoph Baumeister wurde für unzurechnungsfähig erklärt und nach Goddelau in die psychiatrische Klinik eingewiesen.

Im Mordprozess wurde es sehr komplex: Gertrud Baumeister beschuldigte ihren Mann und ihren Bruder, den Mord begangen zu haben. Friedrich Baumgarten stritt dies ab, er sei mit Christoph Baumeister zur Tatzeit im Wald gewesen. Der wiederum sagte aus, dass Friedrich Baumgarten seine Frau erschlagen habe und dass seine beiden Schwestern und er geholfen hätten, die Leiche zu beseitigen. Der von seiner Frau Helene beschuldigte Heinrich Brandt bestritt jede Tatbeteiligung, sagte aber aus, dass seine Frau ihm gestanden habe, die Tat alleine begangen zu haben. Das Gericht verurteilte nach mehrtägiger Verhandlung Friedrich Baumgarten zum Tode. Seine Schwester Gertrud Baumeister musste wegen Mitwisserschaft für zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter. Heinrich Brandt wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Die Todesstrafe von Baumgarten wurde kurz nach dem Urteil in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Er wurde in das Landeszuchthaus Marienschloss bei Rockenberg eingewiesen. Er galt dort als Querulant, weil er immer wieder seine Unschuld beteuerte. In einem Schreiben an seinen Bruder erwähnte er, dass sich seine Schwester Gertrud kurz nach ihrer Haftentlassung umgebracht habe.

In Baumgartens Häftlingsakte sind zahlreiche Briefe enthalten, in denen er die Wiederaufnahme seines Verfahrens verlangte. Auch an Adolf Hitler hat er einen recht wirren Antrag gestellt, der von der Anstaltsleitung – wie viele andere seiner Traktate – nicht weitergeleitet wurde. Baumgarten war ein verzweifelter Mensch. Er wurde 1943 oder 1944 in das Zuchthaus Kassel-Wehlheiden verlegt, im April 1944 wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald „entlassen”. Im Rahmen der SS-Aktion „Vernichtung durch Arbeit” kam er fünf Wochen nach Einlieferung aufgrund einer „Herzschwäche bei Lungenentzündung rechts” zu Tode. Ob er des Mordes schuldig war oder nicht, blieb ungeklärt.

Die fesselnde Geschichte eines ungeklärten Mordes

Die Aufbereitung von Dokumenten, die lokalhistorisch bedeutsam oder zumindest interessant sind, mit dem Ziel bestimmte Gegebenheiten oder Vorgänge vor dem Vergessen zu bewahren – darin sehen Wilhelm Ott und Wilhelm Schäfer eine wichtige Aufgabe eines Vereins für Heimatkunde und eines Stadtarchivs. So eine Geschichte ist der Mord an Stara Baumgarten. Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, und Wilhelm Schäfer, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs, sind der Sache nachgegangen. Sie recherchierten und fanden im Dreieicher Archiv Akten und Zeitungsberichte über das damalige Geschehen.

In den Archiven des Konzentrationslagers Buchenwald, des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen und im Hessischen Staatsarchiv Marburg gelang es ihnen, Informationen über das Schicksal des als Mörder verurteilten Friedrich Baumgarten zu bekommen. Für die Zeitung haben Ott und Schäfer eine komprimierte Version der Geschichte verfasst. Die umfangreiche Dokumentation kann auf der Website www.freunde-spendlingens.de, Rubrik Sprendlingensia, heruntergeladen werden.

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