„Optimales Terrain für Radfahrer“

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Bernd Kiefer ist seit fünf Jahren Vorsitzender der ADFC-Ortsgruppe.

Dreieich - Der Mann ist passionierter Radfahrer, er legt als Außendienst-Mitarbeiter für BMW aber auch gut 50 000 Kilometer jährlich mit dem Auto zurück. „Ich kenne beide Seiten und weiß um die Konflikte“, sagt Bernd Kiefer.

Der 48-jährige Sprendlinger ist Vorsitzender der ADFC-Ortsgruppe Dreieich. Die wurde vor 15 Jahren aus der Taufe gehoben, Kiefer lenkt die Geschicke seit fünf Jahren. Zwei Gründe also, ihn zum Interview zu bitten.

Herr Kiefer, was hat der ADFC seit seiner Gründung für die Radler in Dreieich erreicht?

Fangen wir mit den Touren an. Damit wollen wir Menschen motivieren, aufs Rad zu steigen. Wir bieten heute pro Jahr über 100 Touren in allen Kategorien an und haben sehr großen Zuspruch. Begonnen hat dies mit einer kleinen Gruppe von Tourenleitern, die von Lothar Klötzing initiiert wurde und auch heute noch geleitet wird. Allerdings sind wir heute in der glücklichen Situation, auf 20 ehrenamtliche Tourenleiter zurückgreifen zu können. Sonst wäre das Programm nicht zu leisten.

Vor 15 Jahren war der Radverkehr kein Thema

Der zweite Punkt ist die Radverkehrspolitik. Vor 15 Jahren war der Radverkehr kein Thema in Dreieich. 2003/2004 wurde ein Radverkehrskonzept entwickelt, das aber wieder in der Schublade verschwand. Seit fünf Jahren geht es gut voran. Seit dem der Runde Tisch Radverkehr Dreieich (RTR) eingerichtet wurde, woran der ADFC Dreieich maßgeblich beteiligt war, ist der Radverkehr im Fokus der Stadt und der Politik. Alle ziehen konstruktiv an einem Strang. Fußgänger profitieren übrigens auch von vielen Maßnahmen, die am Runden Tisch besprochen werden.

Steht denn überhaupt Geld zur Verfügung, um den Radverkehr zu fördern? Schließlich spricht jeder von der Schuldenbremse.

Um den Radverkehr in Dreieich weiter zu fördern, braucht man mittelfristig mehr Geld. Aktuell stehen 38 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Das ist weniger als ein Euro pro Bürger. Damit spürbar mehr für den Radverkehr getan werden kann, wäre es gerechter, das städtische Budget für Verkehrsmaßnahmen nach dem sogenannten Modal Split aufzuteilen. Das bedeutet, dass je mehr Rad gefahren wird, desto mehr Geld fließt in dieses Verkehrsmittel. Dieses Verhältnis stimmt leider nicht, wäre aber mehr als fair.

Als Angestellter im Außendienst sind Sie überwiegend mit dem Auto unterwegs. Wie viele Kilometer fahren Sie selbst pro Jahr mit dem Rad?

Die Hälfte der rund 3 000 Kilometer, die ich im Jahr mit dem Fahrrad unterwegs bin, sind Tourenkilometer. Die andere Hälfte kommt vom Alltagsradverkehr. Innerhalb Dreieichs, aber auch oft darüber hinaus, mache ich fast alles mit dem Rad.

Das heißt, viele Menschen sind zu bequem.

Man muss sich Gedanken machen, welches Verkehrsmittel für das, was man erledigen will, geeignet ist. Vielleicht muss man sein Zuhause etwas umorganisieren, denn das Rad muss genauso schnell fahrbereit sein wie das Auto, das vielleicht vor der Tür steht. Damit steht es bei der Entscheidung 50:50. Wenn dann noch alles, was man zum Radfahren braucht, wie Jacke oder Handschuhe, ebenfalls griffbereit ist, fällt die Entscheidung, das Rad zu nehmen, einfach öfters.

Wo ist dann das Problem?

Bei vielen Häusern und Wohnanlagen steht das Rad im Keller, da es am Gebäude keine praxisgerechten, überdachten Abstellanlagen gibt. Viele haben Angst, dass ihr schönes Rad geklaut oder beschädigt wird. Hier müssen bessere Voraussetzungen geschaffen werden. Da sind Hauseigentümer und auch die Politik gefragt und die Stellplatzverordnung muss angepasst werden.

Wie sieht es denn generell mit Abstellmöglichkeiten für Fahrräder aus?

Da gibt es viel Nachholbedarf. An den Bahnhöfen der Dreieichbahn sieht es ganz düster aus. In Götzenhain gibt es nicht einen einzigen Anlehnbügel und die Verhandlungen mit der Bahn verlaufen schon seit Jahren gelinde gesagt grauenhaft. An den Schulen sieht es nicht viel besser aus. Die Kreisverwaltung hat die Sinnhaftigkeit von guten Radparkern noch nicht erkannt, siehe die neue Turnhalle an der Heinrich-Heine-Schule.

Thema mittlerweile sehr gut im Fokus

Die Verwaltung der Stadt hat das Thema mittlerweile sehr gut im Fokus und es werden keine „Felgenkiller“ mehr angeschafft, aber an Geschäften sieht man diese leider noch sehr oft. Auf der Frankfurter Straße stehen manchmal so viele Räder auf dem Gehweg, das man kaum durchkommt. Es müsste der ein oder andere Anlehnbügel im Parkstreifenbereich angebracht werden, damit für die Menschen ausreichend Platz auf dem Bürgersteig bleibt. Gerne beraten wir hier die Dreieicher Geschäfte und Unternehmen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, viele Radfahrer seien Rüpel?

Das liegt nicht am Verkehrsmittel Rad, sondern am Menschen. Ich wette, dass diese Leute sich auch in anderen Situationen schlecht benehmen, zum Beispiel mit dem Auto, Motorrad oder auch zu Fuß.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Da gibt’s mehr als drei, weil vieles unerledigt ist. Ich wünsche mir natürlich den Radweg vom Neuhof nach Neu-Isenburg, der für 2013 mal versprochen war, aber noch lange nicht kommen wird. Dieser Wunsch kann nur vom Land erfüllt werden. Da mache ich mir aber sehr wenig Hoffnung. Herr Posch zeigte sich zwar gerne publikumswirksam mit dem Fahrrad in der Freizeit, aber für den Alltagsradler hatte er nichts übrig, vor allem kein Geld. Wir hoffen, dass sein Nachfolger sich mehr engagiert. Er wird demnächst einen Brief von uns erhalten.

Dann wünsche ich mir, dass viel mehr Dreieicher das Rad nehmen, nicht nur in der Freizeit, sondern auch für die Alltagsfahrten. Jeder kann seinen Beitrag dazu lesten, den CO2-Ausstoß zu verringern. Schön wäre es, wenn alle Vereine ihre Mitglieder auffordern und fördern würden, mit dem Rad zu fahren, zum Training und für alltägliche Besorgungen. Schließlich haben wir hier keine Berge, also ein optimal geeignetes Terrain.

Klasse wäre ein durchgängiger Radschnellweg, kreuzungsfrei entlang der Dreieichbahn von Offenthal bis Buchschlag. Teilstücke sind ja vorhanden. In Buchschlag würde man dann auf den Radschnellweg, der von Langen nach Frankfurt angedacht ist, treffen.

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