„Junge Ärzte scheuen das Risiko“

Hausarzt in Dreieich findet keinen Nachfolger - jetzt löst er die Praxis auf

Dr. Jürgen Rabe hätte sich gerne mehr Abnehmer für die Möbel in seiner Praxis gewünscht. Foto: jost

35 Jahre war er Hausarzt in Dreieich. Jetzt löst Dr. Jürgen Rabe seine Praxis auf. Denn erfindet keinen Nachfolger.

  • Im Kreis Offenbach gibt es immer weniger Hausärzte
  • In Dreieich schließt Dr. Jürgen Rabe seine Praxis
  • Auch er findet keinen Nachfolger

Dreieich – Nach 35 Jahren als Allgemein- und Sportmediziner sowie Psychotherapeut in Dreieich sitzt Dr. Jürgen Rabe in seiner Praxis in der Robert-Bosch-Straße schon auf fast fertig gepackten Kisten. „Bis zum 30. Dezember räume ich die Praxis und gehe in den Ruhestand“, erklärt der Arzt, der zunächst 30 Jahre in der Damaschkestraße und dann gegenüber des Real-Marktes praktiziert hat.

Gleich zwei Dinge bedauert der Hausarzt zum Ende seiner Laufbahn: Zum einen hätte er seine Praxis sehr gerne an einen jüngeren Kollegen übergeben. „Das ist ja überall ein Problem. Die jungen Ärzte scheuen das Risiko einer selbstständigen Niederlassung und ziehen die Arbeit in den Kliniken vor“, weiß Rabe aus vielen persönlichen Gesprächen. 

Arzt in Dreieich löst Praxis auf: Er findet keinen Nachfolger

Sein Neffe, auch Mediziner, habe einige Monate in den Praxisbetrieb hineingeblickt. „Aber das Arzt-Dasein hat sich schon verändert mit den Jahrzehnten. Die Bürokratie ist immer mehr geworden und das Risiko der Regresse der Krankenkassen ist groß“, erklärt Rabe weiter. Konkret bedeutet der Regressanspruch, dass die Krankenkassen bis zu vier Jahre nach Prüfungen der Abrechnungen bereits bezahlte Leistungen zurückfordern können.

Unter diesen Bedingungen täten junge Kollegen sich schwer, sich auf Jahre an eine eigene Praxis zu binden. „Das zwingt mich jetzt dazu, meine kassenärztliche Zulassung für diese Praxis zurückzugeben“, bedauert Jürgen Rabe.

Hausarzt will keiner mehr werden: Arzt löst Praxis auf

Ein echtes Ärgernis hat ihm die Auflösung seiner Praxis bereitet. Erst vor fünf Jahren ist der Mediziner in Sprendlingen von der Damaschke-Straße in die Robert-Bosch-Straße gezogen. Dabei hat er viel Mobiliar und zum Teil auch medizinisches Gerät neu angeschafft. Damals mit der Überlegung, dass das auch für einen nachfolgenden Kollegen von Interesse sein könnte. Jetzt, wo die Praxis aufgelöst wird, wollte Dr. Rabe Gutes tun und Möbel an Bedürftige und medizinisch tätige Wohltätigkeitsvereine spenden.

Arzt in Dreieich geht in den Ruhestand und löst Praxis auf

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich keiner für die Einrichtung der Praxis interessiert“, ist er enttäuscht. Den Operationstisch ist er losgeworden, seinen Dienstschreibtisch hat er privat verschenkt. Eine Küchenzeile mit Ober- und Unterschränken und Büromobiliar hat er versucht, an eine soziale Einrichtung abzugeben, die Mobiliar vermittelt – und ist daran gescheitert. „Es war sogar jemand hier und hat sich die Küche angesehen. Diese war nicht von Interesse, weil sie keinen Herd hat“, berichtet der Arzt. Andere Anrufer wiederum hätten die Möbel gerne geschenkt bekommen, wollten sie aber auch geliefert haben. Das kann Dr. Rabe bei derzeit noch laufendem Praxisbetrieb aber nicht leisten.

Hausarzt in Dreieich: Dr. Jürgen Rabe löst Praxis auf

Zunächst sah es so aus, als wandere alles komplett in den Sperrmüll. Sein medizinisches Gerät – wie beispielsweise die Behandlungsliegen, Instrumententische und steriles Untersuchungsbesteck – findet jetzt doch einen glücklichen Abnehmer: „Durch einen Zufall habe ich auf einer medizinischen Weiterbildung kürzlich von einem Projekt von Frankfurter Studenten erfahren, die eine Notfallpraxis für Obdachlose einrichten möchten. Sie können die Sachen noch gut gebrauchen und holen diese auch ab“, freut sich der 70-Jährige, dass diese hochwertigen Dinge nicht in den bereits bestellten und sieben Kubikmeter großen Container wandern müssen.

Arzt in Dreieich: Hausarzt will keiner mehr werden

Er selbst zieht eine zufriedene Bilanz seines Berufslebens und geht mit einem guten Gefühl: „Ich konnte gerade die vergangenen Jahre meine Art der Medizin – eben keine Fliesband-Abfertigung der Patienten – gut umsetzen“, sagt er. Der in Heusenstamm lebende Neu-Pensionär nimmt sich jetzt ein halbes Jahr Auszeit und schaut dann, worauf er Lust hat. Der Medizin will Jürgen Rabe aber auf jeden Fall verbunden bleiben. Ein Buch über die therapeutische Beziehung zwischen Arzt und Patient sowie die Veränderungen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist schon in seinem Kopf. Das möchte er gerne realisieren.

VON NICOLE JOST

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