Die schönste Zeit seines Lebens

Ausstellung zum 200. Geburtstag beleuchtet die Hainer Jahre des Musikers Henri Vieuxtemps

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Durch die Ausstellung über Henri Vieuxtemps führte gestern Vormittag Kurator Gernot Schmidt (Zweiter von rechts). Im Vordergrund ist die Ansicht des Hainer Landguts des berühmten Musikers zu sehen.

Er brachte für ein paar Jahre im 19. Jahrhundert künstlerischen Glanz nach Dreieichenhain. 

Dreieich – An den Aufenthalt des belgischen Musikers Henri Vieuxtemps von 1855 bis 1864 erinnert eine Tafel an seinem ehemaligen Wohnhaus in der heutigen Taunusstraße 1 und der nach ihm benannte Platz. Wer mehr über den berühmten Nachfolger Paganinis als reisenden Geigen-Virtuosen wissen will, hat dazu Gelegenheit in einer sehenswerten Ausstellung im Rathausfoyer. Diese wurde gestern am Tag genau 200 Jahre nach dem Geburtstag des Musikers eröffnet.

Damit verbunden war der Auftakt einer Trilogie von Veranstaltungen in Dreieich, die in die internationalen Feierlichkeiten zum Jahrestag des „Wunderkindes“ eingebunden sind. Bereits am heutigen Dienstag um 18 Uhr geht es weiter mit Stadtarchivar Reinhard Pitterling in der Stadtteilbücherei Dreieichenhain, Fahrgasse 28. Er liest aus den „Erinnerungen an Dreieichenhain“ des Pfarrers Wilhelm Egid Nebel, der mit Vieuxtemps gut befreundet war. Vieles, was man über die Zeit des berühmten Künstlers in dem kleinen Städtchen weiß, ist ihm zu verdanken. Die akribisch recherchierte Ausstellung zeigt aber, dass es da noch viel mehr Interessantes gibt. Möglich wurde dies durch den Hainer Heimatforscher Gernot Schmidt, der Kurator der Schau ist. „Ich war schon immer von Vieuxtemps fasziniert“, sagt er, der viele Jahre über den Künstler in Archiven und Bibliotheken geforscht hat. Da sind ihm einige Funde gelungen, die er stolz präsentiert.

Die Schau spannt einen Bogen von alten Übersichtsbildern und -karten von Dreieichenhain über den Werdegang von Vieuxtemps und seiner Familie, sein Anwesen in Dreieichenhain, berühmte Besucher bis hin zum künstlerischen Schaffen. Der Künstler, der auf dem Land Ruhe und Erholung von seinen stressigen Konzertreisen durch ganz Europa und die USA suchte, bezeichnete seine Jahre in Dreieichenhain als die schönste Zeit seines Lebens. Er galt als freundlicher und liebenswürdiger Mann, der mit allen gut stand und deshalb bei den Hainern sehr beliebt war. Nicht ganz so schmeichelhaft fiel das Urteil von Pfarrer Nebel über Gattin Josephine Eder aus, die launisch und herrschsüchtig gewesen sein soll. Schmidt relativiert das: „Die beiden Eheleute ergänzten sich hervorragend. Sie war eine moderne Konzertagentin und für die geschäftliche Seite zuständig, er konnte sich ganz auf seine Kunst konzentrieren.“

Der Kurator hat Reproduktionen von Dokumenten und Bildern auf Texttafeln zusammengestellt. Ein besonderer Hingucker ist die Ansicht des Musiker-Anwesens, das der Architekt Horst Reiner Knapp nach den Recherchen von Schmidt angefertigt hat. Zu sehen ist auch eine Ansicht der Hainer Burg von Benjamin Louis Paul Godard (1849 bis 1895), die der berühmte Schüler des Virtuosen im Alter von zwölf Jahren anfertigte. Zudem hat eine Nachfahrin des Künstlers Bilder von Kindern und Enkeln zur Verfügung gestellt. Der Kurator lenkt besonders den Blick auf eine Vitrine, in der zwei Fundstücke erstmals öffentlich zu sehen sind. Dabei handelt es sich um die Noten des von Vieuxtemps 1856 komponierten „Lieds vom Hainer Vogel“ zum 18. Geburtstag von Marie Schuchardt, der Tochter des damaligen Oberförsters, die mit ihrer Familie in der Fahrgasse 61 wohnte. Daneben liegt der von Schmidt im Frankfurter Stadtarchiv aufgespürte Hinweis auf die Scheidung von Josephine Eder und ihrem ersten Ehemann Isidor Löwenstein.

Der Musiker (links) tourte durch ganz Europa und die USA. Auch in Frankfurt war er öfter zu hören.

Besucher können noch viele interessante Details und Anekdoten über den Star des 19. Jahrhunderts erfahren. Passend zur Eröffnung erklang gestern auch Musik des Virtuosen. Die Dreieicher Veranstaltungen werden möglich durch den Arbeitskreis der örtlichen Geschichtsvereine und Heimatkundigen. Dafür dankte Bürgermeister Martin Burlon, der die Schau eröffnete. Zu sehen ist sie noch bis zum 26. März zu den Öffnungszeiten des Rathauses.

Wie die anderen Gäste zeigte sich gestern auch Fatma Nur Kizilok, Vorsitzende des Ausländerbeirats, beeindruckt. „Das ist der berühmteste Migrant in Dreieich. Wir vom Ausländerbeirat sollten ihn zum Ehrenmitglied ernennen.“

Lesung und Konzert

Neben der heutigen Lesung mit dem Stadtarchivar gibt es ein Geburtstagskonzert am Sonntag, 26. April, um 18 Uhr in der Burgkirche. Stefano Succi (Violine) und Klaus Cutik (Flügel) spielen auch Werke, die Vieuxtemps in seiner Hainer Zeit komponiert hat. Karten zu 15 Euro (ermäßigt zwölf) gibt es im Ticketservice des Bürgerhauses, Tel. 06103 60000.

VON HOLGER KLEMM

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