Erschütternde Dokumente 

Ausstellung „Jüdisches Leben unter dem Nazi-Terror“ im Rathaus Dreieich eröffnet

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Das Fotoalbum, das eine Besucherin in den Händen hält, stammt aus dem Besitz der Familie Strauss. Dr. Dieter Wolf, der Enkel von Martha Strauss, hat es mitgebracht.

Gut geschützt in einem Vitrinenschrank können die Besucher des Rathauses Dreieich ab sofort den Thoraschrein-Vorhang aus der Synagoge in Sprendlingen bewundern.

Dreieich – Bei der Ausstellungseröffnung „Jüdisches Leben unter dem Nazi-Terror“ im Foyer ist der Stoffvorhang aus dunkelgrünem Samt mit seinen schönen Verzierungen der „Star“ unter den Exponaten.

Viele Besucher lauschen Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, bei der Vernissage gestern Nachmittag, wie dieses wertvolle Stück jüdischer Geschichte nach Jahrzehnten in die Stadt zurückgelangte. Es war, wie berichtet, ein belgischer Antiquitätenhändler, der den Vorhang in seinen Besitz bekam und den Kontakt zu Ott aufnahm. Mithilfe von Sponsoren gelang der Ankauf des besonderen Fundes. „Dass es den Vorhang überhaupt noch gibt, ist der weisen Voraussicht der jüdischen Gemeinde in Sprendlingen zu verdanken. Mitglieder nahmen religiöse Gegenstände mit nach Hause nahmen, weil sie diese in der Synagoge nicht mehr sicher glaubten“, berichtet Ott. Eine Befürchtung, die sich am 10. November 1938 auf schreckliche Weise bewahrheitete, als die Nazis das Gotteshaus der Juden in Brand steckten.

Nicht nur der Vorhang ist sehenswert, auch die aufbereiteten Familiengeschichten von jüdischen Sprendlingern. An den Viehhändler Daniel Hess, den Schuhmacher Gustav Strauss, den Versicherungsagenten und Kaufmann Emanuel Pappenheimer und den Textilhändler Erwin Bendheim wird mit Fotografien und Dokumenten erinnert. „Es ist ein Schatz, den Wilhelm Schäfer in unserem Stadtarchiv entdeckt hat“, bedankt sich Stadtarchivar Reinhard Pitterling bei seinem ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die erschütternden Dokumente beweisen, wie sehr die jüdische Bevölkerung unter den Repressalien der Nazis litt und wie schonungslos sie enteignet wurde.

Zur Eröffnung war auch Dr. Dieter Wolf angereist, der Enkel von Martha Strauss. Sie war die Schwester von Gustav, jenem Schuhmachermeister, der bis zuletzt dafür verantwortlich war, dass die Synagoge geheizt war und der auch den jetzt ausgestellten Thoraschrein-Vorhang bei sich zu Hause sicherte. Während Martha überlebte „und bis zu ihrem Tod 1966 von Sprendlingen und der Kerb schwärmte“, wie Wolf berichtet, brachten die Nazis Gustav Strauss und seine Familie 1942 in einem KZ um.

Bevor Bürgermeister Martin Burlon und Stadtverordnetenvorsteherin Bettina Schmitt die Ausstellung eröffneten, gedachten sie der Opfer auf dem Jüdischen Friedhof in Sprendlingen. Schmitt erinnerte, dass der 10. November 1938 der entscheidende Wendepunkt in der Verfolgung der Juden war. Es sei die Aufgabe eines jeden Einzelnen, dass so etwas nie mehr geschehe und die Demokratie geschützt wird.

Wie dringend dieser Appell ist, zeigt ein Polizeiauto vor den Toren des jüdischen Friedhofs. „Präventiver Objektschutz“, sagt der junge Beamte. Ein blödes Gefühl, dass dies offensichtlich nach dem Attentat von Halle notwendig ist. Burlon wertet es als ein wichtiges Zeichen, dass so viele Menschen wie schon lange nicht mehr bei der Kranzniederlegung dabei sind und sich anschließend für die Ausstellung interessieren: „Wir zeigen, dass wir nicht vergessen, was damals auch hier in Sprendlingen passierte. Und ich wäre froh, wenn wir diese Vorsichtsmaßnahme nicht bräuchten.“ " Siehe Angemerkt

VON NICOLE JOST

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