Es knirscht in der Fachwerk-Idylle

Baustelle in der Fahrgasse sorgt für Differenzen

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Wie die Fahrgasse gereinigt wurde, passte auch nicht jedem. Bauherr Jens Krieger hofft, dass jetzt endlich Ruhe einkehrt. Es stehen nur noch die Gartenarbeiten an.

In der Fahrgasse in Dreieich sorgt eine Baustelle für Differenzen zwischen Eigentümern und Nachbarn.

Dreieich – Braucht die Hainer Altstadt besondere Regeln für die Einrichtung von Baustellen? Im historischen Kern ist es eng, die Fachwerkhäuser sind empfindlich. Dabei steht jetzt im Eifer des Ärgers über eine anhaltende Baustelle in der Fahrgasse möglicherweise der Falsche in der Kritik.

Der Laster, der die Muttererde für den neuen Garten der Familie Krieger/Klein anliefert und auf der Straße abkippt, ist manch einem Dreieichenhainer ein Dorn im Auge. Auch die Bewässerung der Fahrgasse, um den Schmutz wegzuspülen, ist nicht allen recht. Im ersten Moment klingt das alles wie ein banaler Nachbarschaftszwist, aber es geht um die Fahrgasse – Dreieichs Schmuckkästchen mit seinen hübschen, historischen Häusern, die ohne Frage sehr schützenswert sind.

Eine Baustelle an einem alten Klinkerhaus ist es, die einige Anwohner in Rage bringt. „Hier wird einfach gebaut, ohne Rücksicht auf Verluste. Wir haben 300 Jahre alte Holzhäuser, die dafür gemacht sind, dass eine zweispännige Kutsche daran vorbeifährt und kein 40-Tonner – das schadet nicht nur den Häusern, auch die Straße leidet und senkt sich ab“, sagt der direkte Nachbar Steffen Jäger. Auch Ingo Holzmann regt sich auf: „Da wird einfach Muttererde aufs Kopfsteinpflaster geschüttet. Das Saubermachen mit Unmengen von Wasser, das die ganze Fahrgasse runterläuft, unterspült die Steine. Und überhaupt wird hier seit Monaten rücksichtslos geparkt und es gibt keine Kommunikation“, ärgert sich Holzmann.

Darüber hinaus kritisieren die Nachbarn den Abriss einer angeblich denkmalgeschützten Scheune. „Ich dachte, die Stadt hätte von der sogenannten Krone-Baustelle vor etlichen Jahren gelernt. Das ist das Haus, wo heute das Café Cult drin ist“, erläutert Anwohnerin Waltraud Schäfer. „Damals wurde die Baustelle nach einem Sturm der Bewohner der Fahrgasse von der Solmischen-Weiher-Straße aus angedient, um Häuser und Straßen zu schützen“, wünscht sie sich strenge Regeln für Altstadt-Baustellen. Die Dreieichenhainer fühlen sich auch von der Stadt im Stich gelassen – schon mehrfach gab es Beschwerden beim Ordnungsamt, ohne Konsequenz.

Laster des Anstoßes: Ein 18-Tonner hatte Muttererde auf die Fahrbahn gekippt. 

Am vergangenen Donnerstag eskaliert die Situation. An der Haustür von Jens Krieger klingelt zuerst die Ordnungspolizei, dann das Ordnungsamt. Der Neu-Dreieichenhainer, der im Februar 2019 begonnen hat, das Haus zu sanieren und mit einem Anbau zu erweitern, versteht nicht, warum einige Leute der Familie das Leben so schwer machen. Er habe die ganze Zeit im engen Kontakt mit dem Bau- und Ordnungsamt gestanden. „Wir haben für jeden Schritt, den wir hier gegangen sind, eine Genehmigung. Übrigens auch für den Abriss der Scheune – da war selbstverständlich das Denkmalschutzamt involviert“, sagt Krieger. Ja, räumt der Bauherr ein, es habe einen Baustopp gegeben, der viel Zeit, Nerven und Geld gekostet habe, aber das lag nicht an der maroden Scheune, sondern an einer falschen Formulierung im Bauantrag.

Unangenehme Momente räumt Krieger durchaus ein: „An dem Tag, als der Betonmischer für den Anbau kam, musste die ausführende Firma von unten gegen die Einbahnstraße in die Fahrgasse fahren und die Straße war gesperrt. Aber auch das war mit der Stadt abgesprochen“, so der Bauherr. Er habe die Nachbarn vorab informiert und sich mit einer Flasche Wein für die Unannehmlichkeiten entschuldigt.

„Zum Glück sind die meisten Nachbarn hier ganz reizend“, sagt Kriegers Frau Klein, „wir haben in den Wochen ohne Küche die von den Nachbarn genutzt, haben bei dem anderen Nachbarn den Kran in den Garten stellen dürfen“, betont sie. Der Lkw mit der Muttererde – übrigens ein 18-Tonner – brachte die Grundlage für den Garten. Die letzten Arbeiten an der Baustelle. „Wir hoffen inständig, dass sich jetzt alles beruhigt. Wir wohnen gerne hier und haben uns mit dem Haus einen Traum verwirklicht“, sagt Krieger. Die Familie lebte 14 Jahre im Ausland, hat auch in den USA und in Großbritannien gebaut. „So etwas wie hier haben wir dabei noch nie erlebt“, hätte der Bauherr auf diese Erfahrung gerne verzichtet.

Ob der Besuch des Ordnungsamtes für die Familie Konsequenzen hat, ist noch nicht klar. „Es mag sein, dass der Bauherr alle Genehmigungen hat. Aber das heißt nicht, dass die Erde auf die Straße gekippt werden darf oder dass der Lkw nicht zu groß war. Das ist jetzt in der Prüfung“, sagt Britta Graf vom städtischen Pressereferat. Mitarbeiter des Ordnungsamtes haben sich gestern die Fahrgasse angeschaut. Die Fahrbahn weise Absenkungen auf, aber es lasse sich nicht feststellen, ob sie von diesem Lkw stammten oder sich die Straße über die Zeit abgesenkt habe, so Graf.

VON NICOLE JOST

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