Die Erinnerung darf nicht sterben

Mehr als 350 Dreieicher gedenken im Bürgerhaus der Opfer des Holocausts

+
Im Bürgerhaus Dreieich gedenken Besucher Opfer des Holocausts. (Symbolbild)

Kurz vor Heiligabend saß Konstantin Wecker am Flügel im Bürgerhaus und stimmte eines seiner frühen Meisterwerke an; die Geschichte von „Willy“, der von Rechtsradikalen erschlagen wird. Der Kampf gegen Neonazis lässt den linken Liedermacher seit mehr als 40 Jahren nicht ruhen.

Dreieich –  Am Montagabend ist Wecker wieder im Bürgerhaus zu erleben, als Schauspieler auf der Leinwand. In einer Rolle, die dem Betrachter die unfassbare Grausamkeit der SS-Schergen vor Augen führt. Als Standartenführer Schwartow lässt er im Film „Wunderkinder“ zwei jüdische Kinder um ihr Leben spielen. Wenn sie ein perfektes Konzert geben, will er ihnen eine Gnadenfrist gewähren. Der Ausschnitt dauert zwölf Minuten. Im Saal ist es mucksmäuschenstill, der perfide Wahnsinn ist greifbar, die Szenen gehen an die Nieren.

Die Vorführung vor 350 Besuchern ist Teil der Gedenkveranstaltung, die der Ausländerbeirat mithilfe von mehr als 60 Unterstützern erstmals auf die Beine gestellt hat. Anlass ist der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Mehr als sechs Millionen Juden wurden von den Nazis umgebracht. Hinzu kommen nach Schätzungen bis zu 500 000 Sinti und Roma, die nicht in das kranke Weltbild der Nazis passten.

Einer von ihnen war Johann „Rukeli“ Trollmann, in den 30er Jahren ein berühmter Boxer. Seine Tochter Rita Vowe-Trollmann ist aus Berlin nach Dreieich gekommen, um das Schicksal ihres Vaters zu schildern. Über dessen letzte Tage weiß sie durch Zeugenaussagen ziemlich gut Bescheid. „Er war Deutscher, aber für die Deutschen nicht deutsch genug“, sagt die 85-Jährige. Ihr Vater, 1933 für eine Woche deutscher Meister, bis ihm der Titel aberkannt wurde, habe um sein Leben gekämpft – vergeblich. Die Nazis schickten den Sinto an die Front, von der er verletzt zurückkehrte. 1942 zunächst ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht, kam Trollmann 1944 ins Nebenlager Wittenberge, wo ihn ein Kapo zum Boxkampf aufforderte. „Rukeli“ konnte wohl nicht anders: Er schlug den Aufseher k.o. – der rächte sich ein paar Tage später und erschlug den Zwei-Meter-Mann mit einem Knüppel.

„Ich bin sehr viel an Schulen unterwegs“, erzählt Rita Vowe-Trollmann. Das finden nicht alle gut. „Manche Eltern sagen, wir sollen endlich aufhören mit diesen Erinnerungen. Die Kinder könnten doch nichts dafür. Aber wir dürfen das Geschehene nie vergessen. Die Kinder müssen wissen, was damals passiert ist.“ Und noch immer seien Sinti und Roma nicht anerkannt und akzeptiert.

„In vielen Köpfen ist antiziganistisches Gedankengut präsent“, beklagt Verena Lehmann von der Organisation Sinti-Roma-Pride. „Obwohl wir deutsche Staatsbürger sind, stehen viele nicht zu ihrer Herkunft.“ Sie verleugneten sie aus Angst vor Diskriminierung. „Das darf nicht sein“, sagt Lehmann.

Die zunehmende Bedrohung von Rechts und das Wiederaufflammen des Antisemitismus untermauert Dr. Türkan Kanbicak vom Jüdischen Museum mit etlichen Beispielen. Zitate von AfD-Politikern („Denkmal der Schande“, „Hitler war nur ein Vogelschiss der Geschichte“), Texte von Rappern, überklebte Stolpersteine, der Anschlag von Halle – „die Gefahr ist wieder sichtbar geworden“, warnt Kanbicak. Dieser Entwicklung müsse entschieden entgegengetreten werden.

Menschlichkeit sei nur mit Güte, Mitgefühl und Barmherzigkeit realisierbar, sagt Fatma Nur Kizilok. Die Vorsitzende des Ausländerbeirats ist überwältigt ob der großen Resonanz und Anteilnahme. Sie sei erfreut „über so viele Dreieicher, die hier heute Haltung zeigen“.

Dann wird es dunkel im Saal. Zur Gedenkminute fassen sich die Besucher an den Händen, auf der Bühne spenden Kerzen in einem siebenarmigen Leuchter ein wenig Licht. Es ist der feierliche Abschluss eines bewegenden und berührenden Abends.

VON FRANK MAHN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare