Antigone und die Sternenkrieger

Lustige Tragödie mit Melanie Haupt und Bodo Wartke

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Flotte Sprüche: Die „Antigone“, die Melanie Haupt und Bodo Wartke auf die Bühne des Bürgerhauses bringen, zeigt, dass einer griechischen Tragödie eine zeitgemäße Aufarbeitung nicht schaden muss.

Sie sind an den Tatort zurückgekehrt: Klavierkabarettist Bodo Wartke und Schauspielerin Melanie Haupt stehen nach einem Jahr erneut auf der Bühne des – ebenfalls erneut – ausverkauften Bürgerhauses, um mit ihrer humorvollen Interpretation der Sophokles-Tragödie „Antigone“ – ebenfalls erneut – das Publikum restlos zu begeistern.

Dreieich –  Erwartungsfrohes Gemurmel erfüllt den Saal und endet abrupt, als das Bühnenlicht angeht und den thebanischen Thron sowie das Klavier, das bei einer Aufführung Wartkes natürlich nicht fehlen darf, erhellt. Abgehetzt taumelt Haupt alias Antigone ins Bild und sichert sofort die Aufmerksamkeit der Zuschauer, während Wartke spielfreudig in die Rolle ihrer Schwester Ismene schlüpft, was alleine schon die ersten Lacher beschert. Ungeachtet der Komik, die nicht nur durch mal eloquent konstruierte Verse, mal sehr salopp formulierte Reime entsteht, führen die Akteure schnell die eigentliche Problematik der Tragödie ein: „Uns mit den Mächtigen zu messen ist uns nicht bestimmt.“ Genau das macht aber Antigone, die sich über des Königs Gesetz hinwegsetzt.

Auch wer nicht mit Sophokles’ Thebanischer Trilogie vertraut ist, wird von dem im Zusammenspiel sehr harmonischen Duo abgeholt und musikalisch in das (Vor-)Geschehen rund um König Ödipus eingeführt. Haupt und Wartke verkörpern nämlich nicht nur die diversen, mitunter sehr kreativ angelegten Rollen des Stücks – darunter ein sich lasziv räkelndes Orakel von Delphi, das einen Weinkrampf bekommt, weil es immer nur Hiobsbotschaften überbringen muss, und ein blinder Seher, der auf Sightseeingtour durch Griechenland geht. Sie mimen ebenfalls die patenten Erzähler, die sich ihre Randbemerkungen zu dem tragischen Stoff nicht verkneifen können („Ich glaub, in keinem anderen Drama gibt es so ein mieses Karma.“).

Die eigentliche Schwere der Handlung nimmt man zunächst kaum wahr, denn der Unterhaltungswert, den diese „Antigone“ bietet, ist dank der gelungenen Mischung aus urkomischer Albernheit und hintergründiger Wortklauberei kolossal. Haupt und Wartke sind sich für keinen Gag zu schade, pfiffige Ideen wie der Einsatz von rotem Konfetti als Ersatz für eine Blutfontäne runden die humorvolle Darbietung ab und bei allem Aberwitz wird die Tragödie nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Stattdessen kommen wie aus dem Nichts literarische Querverweise, beispielsweise aus Schillers „Die Bürgschaft“, die so perfekt inszeniert sind, sodass die Pointe in einem Feuerwerk zündet. Überhaupt ist das Stück gespickt mit allerlei brillant eingestreuten Filmzitaten aus Blues Brothers („Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs“), Highlander („Es kann nur einen geben!“) oder Star Wars.

Ob epische Wortgefechte oder legendäre und daher in Zeitlupe präsentierte Schwertkämpfe in Nebelschwaden – es ist eine wahrlich filmreife Aufführung, bei der aber das demonstrativ als Nachschlagewerk gern zurate gezogene, markante gelbe Reclam-Heftchen daran erinnert, was hier als Vorlage diente. So spitzt sich schließlich auch die Handlung in all ihrer Dramatik zu und Haupt und Wartke haben in ihren multiplen Rollen so überzeugt, dass man wider besseren Wissens mitfiebert und auf einen glimpflichen Ausgang hofft.

„Kommt dir meine Tat auch töricht vor, so wirft vielleicht ein Tor mir Torheit vor“, verteidigt sich Antigone spitzfindig, aber leider vergeblich vor dem König, ihrem Onkel Kreon, aus dem die Macht einen Tyrannen gemacht hat. Weil sie sein Gesetz gebrochen hat, um das Totenrecht ihres Bruders zu wahren, wird sie dafür mit dem Tod bestraft. Und die Moral von der Geschicht’? Die besingen Wartke und Haupt zum Abschluss: Die Freiheit ist nämlich ein kostbares Gut. Und für diese rundum fantastische Vorstellung gibt es anhaltenden Applaus, begeisterte Pfiffe und stehende Ovationen.

VON SINA BECK

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