Geschichte

Dreieich: Als noch Kutschen unterwegs waren - Heimatforscher auf den Spuren der Götzenhainer Post

Der Heimatforscher Helmut Keim hat sich mit der Geschichte der Götzenhainer Post beschäftigt.
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Der Heimatforscher Helmut Keim hat sich mit der Geschichte der Götzenhainer Post beschäftigt.

Der Heimatforscher Helmut Keim begibt sich auf die Spuren der Götzenhainer Post. Mehr als zweihundert Jahre reicht die Geschichte zurück.

Götzenhain - Als Anfang des Jahres der Neubau des buddhistischen Tempels in der Dietzenbacher Straße verkündet wurde, ging es um die Geschichte des Götzenhainer Gebäudes. Es war die Rede davon, dass dort, wo die Buddhisten seit über 20 Jahren beten, einst eine Poststelle für Götzenhain gewesen sein soll. „Das kann aber nicht stimmen“, sagt Heimatforscher Helmut Keim, selbst geborener Götzenhainer und seit Jahrzehnten mit der Geschichte Götzenhains beschäftigt. „Dieses Haus in der Dietzenbacher Straße 6 gehörte Vorfahren meiner Mutter, bevor es an die Familie Frank verkauft wurde und niemand hatte etwas mit dem Postwesen zu tun“, sagt Keim. Aber das Gebäude gegenüber, im Gasthaus zur Krone, dort wurden einst die Pferde für die Postkutschen gewechselt“, erklärt Keim.

Dieses Missverständnis reizt den Heimatforscher: Wie war das früher? Wie haben die Götzenhainer ihre Briefe bekommen? Wo war die Post? Damit hat sich Keim intensiv beschäftigt. Dazu taucht er tief in seine Heimatbücher und Schriften ein, die er in großer Anzahl in seinem Büro stehen hat.

Briefboten gab es in Götzenhain schon vor 1800. Die damaligen „Gemeindediener“ könnte man im weitesten Sinne bereits als Post- oder Briefboten bezeichnen, denn sie waren beauftragt, die Post zu verteilen. 1875 wurde in Langen eine mit der Kaiserlichen Postverwaltung vereinigte Telegraphen-Station eröffnet. Sie war der Dreh- und Angelpunkt auch für die überregionale Post für die Götzenhainer.

Am 12. März 1882, so hat Keim herausgefunden, wurde ein lange gehegtes Bedürfnis erfüllt: eine Fahrpost zwischen Langen und Dietzenbach über Götzenhain wurde eingerichtet. Die Kutsche war für Sendungen und überregionale Post zuständig – das Götzenhainer Brief-Postwesen wurde auf dem Großherzoglichen Bürgermeisteramt bei Bürgermeister Georg Bauch abgewickelt. Damals war es üblich, dass der einzige Briefkasten im Ort am Haus der Bürgermeisterei angebracht war und die Mitarbeiter der Gemeinde erledigten auch das Austragen der Brief-Post.

Der neu eingerichtete Kutschenverkehr fuhr zwischen Langen und Dietzenbach zwei Mal am Tag hin und her – damit die Pferde auch immer frisch sind, wurden sie in Götzenhain an der Krone gewechselt. Seit 1884 ist dort auch das erste Götzenhainer Telefon installiert. Von langer Dauer war diese Station aber nicht: 1905 wurde sie mit der Inbetriebnahme der Dreieichbahn aufgelöst.

Ab 1924 unterstand die Post dann dem „Hessischen Volksstaat“. „Hatte die Götzenhainer Gemeindeverwaltung dann noch Einfluss auf das Postwesen?“, fragt sich Keim. Er ist davon überzeugt: „Beiden, der Postverwaltung sowie der Gemeindeverwaltung, war es sicherlich egal, in welchem Gebäude damals die Postfiliale untergebracht war. Wichtig war nur: Die Verteilung musste gewährleistet sein“, vermutet der Heimatforscher. Da das neue Schulhaus (der heutige Bürgertreff) mit zwei oberen Klassen und das „alte Rathaus“ mit den Schulanfängern der ersten Klasse belegt waren, musste Bürgermeister Konrad Weilmünster (von 1927 bis 1933 Rathauschef) wahrscheinlich seine Amtsgeschäfte in seinem Wohnhaus in der heutigen Brühlstraße 13 regeln. Dies war vermutlich der Stand des Postwesens in Götzenhain bis Anfang der 30er Jahre.

Mit der Machtergreifung der Nazis wurde die Post wieder in die Gemeindeverwaltung integriert und damit unter die Kontrolle der NSDAP gebracht. 1938 wurden die Eingriffe in das Brief-, Post und Fernsprech-Geheimnis legalisiert – die Götzenhainer mussten also davon ausgehen, dass ihre Briefe vor der Zustellung gelesen wurden. Auch die ehemalige Relais- Station in der Dietzenbacher Straße war für die Nazis von Interesse, sie wurde im Januar 1940 die Parteizentrale.

Friedrich Klepper wurde Bürgermeister, seine Frau Elisabetha übernahm das Postamt. Der Amts-Briefkasten wurde zur gleichen Zeit von der „alten Schule“ abmontiert und am Wohnhaus von Friedrich Klepper in der Langner Straße 38 befestigt.

Das Postwesen normalisierte sich nach Kriegsende wieder. Nach der Bürgermeisterwahl von Wilhelm Lenhardt 1948 übernahm Peter Müller die Post-Agentur. Der Amts-Briefkasten wurde an seinem Wohnhaus in der Langener Straße 10 befestigt. Nach dem Tod von Peter Müller 1961 verlegte die Post ihre Amtsräume in die leer gewordenen Räume des ehemaligen Gasthauses „Zum Löwen“ in die Langener Straße 7. Sie wurde mit drei Angestellten besetzt. Es gab also wieder ein gut funktionierendes Postwesen und sogar eine richtige Station – übrigens die letzte „richtige Post“ in Götzenhain. Die Besetzung beschreiben die Götzenhainer, die sich daran erinnern, als optimal. Um 1975 waren das Herr Weiser und von 1978 bis 1988 Martha Lill. Wenn Hochbetrieb (Auszahlungen) war, mussten Mitarbeiter der Hainer Poststelle in Götzenhain aushelfen. 1987 gab es einen spektakulären Postraub, über den die Offenbach-Post berichtete. Der Posträuber ergaunerte 7000 D-Mark, wurde aber in der Rheinstraße geschnappt.

Das im Jahre 1987 ausgearbeitete Sparmaßnahmen-Konzept der Post hat auch auf Götzenhain Auswirkungen: Es wurde ein privates Geschäft gesucht, in dem sich die Post mit einmieten konnte. Es sollte also kein eigenständiges Amt mehr geben, nur noch eine Agentur in den Räumen eines Ladengeschäftes. Die Händler betreiben die Agentur nebenbei. Das geschah im Jahr 2000, die Post zog in das Lebensmittelgeschäft von Manfred Göckes im Hainer Weg 8. Seit dieser Zeit führte der Lebensmittelhändler die Agentur. Er gab 2012 die Post auf und sie zog in ihr heutiges Domizil in die Papeterie von Markus Kolb in die Dietzenbacher Straße 1 um – dort ist sie noch heute.

Die Auszahlung von Geld, also das Post-Bankgeschäft, können die Kunden seit 2019 dort nicht mehr abwickeln.

Von Nicole Jost

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