Viel zu schade für die Tonne

Eva Goltz klappert Märkte ab und engagiert sich als Lebensmittelretterin

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Dann stelle ich die Bilder in die WhatsApp-Gruppe und jeder darf sich bei mir abholen, was er eben braucht. Eva Goltz Zum Wegwerfen viel zu schade: Eva Goltz rettet Lebensmittel, die noch gut essbar sind, vor der Entsorgung.

Die Menge an Lebensmitteln, die Eva Goltz an diesem Nachmittag in ihr nicht gerade kleines Auto einlädt, ist immens. In den Obstkisten aus Holz stapeln sich Orangen, Bananen, Granatäpfel, Tomaten, Avocados, Salatköpfe, Blumenkohl und Brokkoli.

Dreieich –  In die andere Hälfte des Kofferraums hat die Dreieichenhainerin Bockwürstchen, Leberwurst, unzählige Packungen Schinken, Joghurts und Brot eingeräumt.

„Das ist heute ein bisschen wie Tetris spielen. Aber dieses Mal ist es auch besonders viel“, sagt Goltz. Die 37-Jährige ist Foodsaverin – auf deutsch: Lebensmittelretterin. Alle zehn Tage fährt sie zwei Super- und Discount-Märkte an, um Obst, Gemüse und andere Produkte vor dem Container und letztlich vor der Müllpresse zu bewahren. Die verpackten Lebensmittel haben oft das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht oder stehen kurz davor. Obst und Gemüse haben vielleicht schon eine kleine dunkle Stelle – aber beides ist kein Grund, noch essbare Lebensmittel zu entsorgen. Rund eineinhalb Stunden investiert Goltz, um zwei Supermärkte anzufahren, die Ware zu sortieren und nach Hause zu bringen.

Goltz ist Mitglied eines inzwischen 80-köpfigen Teams des Vereins Foodsharing, der in Stadt und Kreis Offenbach aktiv etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tut. „Es ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Wir sparen für die Märkte Entsorgungskosten. Mir und noch vielen anderen Menschen füllen diese Besuche den Kühlschrank und natürlich vermeiden wir, dass jede Menge Essen, das noch sehr gut essbar ist, in die Tonne wandert.“

Die ausgemusterten Lebensmittel werden ihr natürlich nicht feinsortiert und schön angestrahlt im Regal präsentiert. Goltz muss die Spreu schon selbst vom Weizen trennen. Beobachter würden sich wundern, wieso die roten, glatten und knackfrischen Tomaten für den Container vorgesehen waren. „In der Packung war eine Frucht schimmelig. Ich hab‘ sie aufgemacht, aussortiert und der noch sehr schöne Rest wandert in meine Kiste“, schildert Goltz.

Heute ist im Markt eine ganze Steige Joghurts umgekippt. Ergebnis: eine ziemliche Sauerei. Aber dabei sind nur zwei Becher kaputt gegangen. Der Rest ist reichlich verschmiert, aber eben unversehrt – und trotzdem jetzt unverkäuflich. Die werden in der heimischen Küche sauber gemacht und kommen dann in den Kühlschrank. Die rund zehn Packungen Bockwürstchen haben alle das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. „Kein Problem, die packe ich aus und rieche, ob sie noch gut sind. Dann vakuumiere ich sie neu und friere sie ein. Bei der nächsten Suppe gibt es die Würstchen als Beilage“, beschreibt die Lebensmittelretterin.

Wenn eine ganze Steige Tomaten aussortiert ist, dann gibt es eben für ein ganzes Jahr Tomatensoße – die perfekte Grundlage für Nudeln und Pizza und ganz problemlos im Vorratsschrank haltbar. Natürlich behält sie die Berge von Lebensmitteln nicht für sich allein. Die gelernte IT-System-Kauffrau, die in einem Büro arbeitet, hat inzwischen ein ganzes Netzwerk von Lebensmittelrettern aufgebaut. Wenn sie zu Hause angekommen ist, packt sie alles aus und fotografiert das Essen. „Dann stelle ich die Bilder in die WhatsApp-Gruppe und jeder darf sich bei mir abholen, was er eben braucht“, berichtet die Dreieichenhainerin. Ein Teil Obst und Brot geht auch ans Tierheim.

Seit gut einem Jahr ist Eva Goltz aktiv bei Foodsharing. Schon viel länger hat sie sich über die immense Lebensmittelverschwendung aufgeregt. Freunde und Familie finden ihr Engagement gut. „Ich habe einen Freund, der ist ein ziemlicher Hypochonder, was das Mindesthaltbarkeitsdatum angeht. Seitdem ich ihn mit komplett abgelaufenen Lebensmitteln bekocht habe, nimmt er es sehr viel gelassener, weil er natürlich gar keinen Unterschied geschmeckt und das Wagnis auch überlebt hat“, erzählt Goltz lachend.

Langfristig wünscht sich die Foodsaverin einen öffentlichen Kühlschrank in Dreieichenhain, den sie mit Lebensmitteln beliefern kann und an dem sich dann alle bedienen können, die Lebensmittel retten möchten. Das Stadtteilzentrum in Sprendlingen hat schon einen solchen Kühlschrank und dort funktioniert das Konzept gut. Der Verein Foodsharing strebt eine zweite Dreieicher Kooperation mit der Winkelsmühle an. Eine Veranstaltungsreihe zum Thema Lebensmittelretten soll Ehrenamtliche gewinnen, die Lust haben, einen solchen Kühlschrank langfristig zu betreuen. Die nächste Veranstaltung ist am Donnerstag, 12. März, um 17.30 Uhr. Da geht es in der Winkelsmühle um „Einkochen, einlegen, fermentieren, trocknen – Lebensmittel haltbar machen“. Für den Workshop mit Eva Goltz und Nico Hauser wird um Anmeldung per E-Mail an winkelsmuehle@diakonie-of.de gebeten. Wer Kontakt mit Eva Goltz aufnehmen will, erreicht sie unter e.goltz@foodsharing.network.

VON NICOLE JOST

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