Ein Fall für die Geschichtsbücher

Bei Gottesdiensten im Burggarten feiern 300 Besucher die „Kerb im Stillen“

Der Kerbgottesdienst 2020 ist ganz anders als die 301 Jahre zuvor.
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Der Kerbgottesdienst 2020 ist ganz anders als die 301 Jahre zuvor.

Ein leise hinter dem Mundschutz gesummtes Haaner Lied ist allemal besser als gar keine Kerb. Keine Frage, der Kerbgottesdienst 2020 ist so ganz anders als die 301 Jahre zuvor.

Dreieich – Statt völlig übermüdeter Kerbborschen in der ersten Reihe der schmucken, kleinen Burgkirche sitzen 19 Jungs beinahe taufrisch hinter dem Pfarrehepaar Barbara Schindler und Markus Buss auf der Bühne im Burggarten. Exakt 100 Stühle für die Besucher stehen auf dem großen Areal weit auseinander, alle Gäste tragen Mundschutz. Und statt nur eines gemeinsamen Gottesdienstes predigen die Geistlichen gleich dreimal hintereinander, damit insgesamt 300 Leute die „Kerb im Stillen“ feiern können.

Die Kerb sang- und klanglos in Wasser fallen lassen? Das ist für die Burgkirchengemeinde keine Option. Auch wenn das Coronavirus besondere Vorsichtsvorkehrungen erfordert, Buss und Schindler sorgen am Pfingstsonntag zumindest für ein bisschen Kerbgefühl. Die Burschen rund um Kerbvadder Tom Vespermann sind in Hemd, Hut und Schärpe unterwegs – selbstverständlich fehlen Maskottchen, Bembel und Fahne nicht. Aber der – in den Traditionsfarben Rot und Gelb gehaltene – Mundschutz gehört eben auch dazu.

Das Pfarrehepaar verbreitet trotz der besonderen Situation Zuversicht. „Grad bei schlimme Sache hilft’s doch einfach mal zu lache“, heißt es da in schönstem Hessisch. „Ka Festzelt. Ka Feuerwerk. Der Festplatz ohne Hausmanns Zelt – das ist doch verkehrte Welt. Selbst Micky Krause bleibt dies Jahr zu Hause“, reimt Markus Buss. Und Barbara Schindler lädt dazu ein, von einem schönen Festplatz zu träumen: „Macht mal kurz die Aache zu, stellt euch vor in aller Ruh‘, wie’s jetzt hier wär im Haa, wenn’s net gäb des Virus da!“ Aber sie schlagen auch ernste Töne an; dass es die Pandemie einzudämmen gelte und die Menschen mit ihren Sorgen und vor allem Ängsten ernst genommen werden müssen.

Ein Requisit des legendären Zeltgottesdienstes anlässlich der 300-Jahr-Feier der Kerb vor zwei Jahren kommt im Burggarten wieder zum Einsatz: Mussten Buss und Schindler damals ausdauernd erklären, warum die Burgkirche zum Jubiläum noch nicht fertig saniert war, halten sie jetzt ihr „Ich find’s auch schad!“-Schild wegen der ausgefallenen Kerb hoch. Gemeinsam gesungen wird am Sonntag natürlich nicht, aber das Miniorchester von SVD und TVD, das die Pfarrer liebevoll „Corona-Combo“ nennen, stimmt die Kirchenlieder ebenso an wie das Haaner Lied, das nur leise gesummt wird.

Das Wetter spielt der Gemeinde mit Sonnenschein und blauem Himmel in die Karten – bei Regen wären die Gottesdienste ausgefallen. Die Pfarrer freuen sich über die gute Resonanz auf das Angebot unter freiem Himmel. „Wir waren am Dienstag schon ausgebucht. Das Ordnungsamt war da, hat alles abgenommen. Es ist gut, dass wir jetzt so ein bisschen feiern können, auch wenn es ganz anders ist als sonst bei der Kerb“, sagt Barbara Schindler.

Wie die Hainer und die vielen Kerbborschen-Jahrgäne die abgesagte Kerb im Privaten feiern – das hat die Stadt ber die Pfingstfeiertage durchaus beobachtet. „Unsere Kollegen von der Ordnungspolizei waren unterwegs. Am Samstag war alles ruhig und am Sonntag gab es eine private Feier, aber auch da wurden alle Regeln eingehalten“, sagt Karin Eisenhauer, Leiterin des Fachbereichs Brger und Ordnung. Für den Gottesdienst und den Stand der Familie Hausmann auf dem Gelände des Faselstalls habe es nur Lob gegeben: „Es war gut, dass wir vorher alles abgesprochen haben, es lief hervorragend“, ist Eisenhauer zufrieden. Wohlwissend, dass es keine 100-prozentige Kontrolle geben kann.

Mit am härtesten sind die aktuellen Kerbborschen von dem Ausfall betroffen. Ihnen nimmt das Virus alle Erfahrungen, die ein echter Haaner Bub bis an sein Lebensende im Herzen trägt. „Der virtuelle Bieranstich mit Dennis Hausmann war schön, aber ersetzt eben nicht das Erlebnis im Festzelt“, sagt Tom Vespermann. Der Kerbvadder verspricht seinen 18 Kerbborschen, dass sie nicht um ihre Kerb betrogen werden: „Entweder wir verschieben alles um ein Jahr für die nachkommenden Burschen oder wir feiern im nächsten Jahr einen Doppeljahrgang mit den 2021ern“, kündigt der Kerbvadder eine Entscheidung für den frühen Herbst an. Pfarrerin Schindler verspricht den Jungs: „Im nächsten Jahr lassen wir es dann so richtig krachen!“

Im Garten des Faselstalls ist ebenfalls ein bisschen Kerbstimmung: Dennis und Patrick Hausmann haben mit ihrem Team Würstchenbude, Hamburgerstand und Popcornmaschine aufgebaut. „Es ist besser als nichts – wir wollen mit Dreieichenhain und den Menschen hier in Kontakt bleiben“, erklärt Patrick Hausmann. Die Haaner Kerb habe für die Familie einen besonderen Stellenwert. An Abstandshalter und Waschbecken mit Handdesinfektion ist gedacht. „Die Leute sind sehr vernünftig, es klappt gut“, sagt Hausmann. Die Hausmänner haben noch eine Überraschung in petto: Sie werden den ganzen Sommer über den Faselstall in einen Biergarten verwandeln. Amkommenden Donnerstag soll es damit schon losgehen.

VON NICOLE JOST

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