Hayner Reitschul‘

Die Seele der Kerb gerettet: Gemeinschaft Hayner Reitschul‘ feiert 40. Geburtstag

Glänzend lackiert, bunt verziert – heute sind die zwanzig Pferdchen, die auf der unteren Etage des doppelstöckigen Karussells von 1905 im Kreis „galoppieren“, eine echte Aufwertung für jeden Kerbplatz.
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Glänzend lackiert, bunt verziert – heute sind die zwanzig Pferdchen, die auf der unteren Etage des doppelstöckigen Karussells von 1905 im Kreis „galoppieren“, eine echte Aufwertung für jeden Kerbplatz.

Die Haaner Kerb ohne die Hayner Reitschul‘? Undenkbar! Alle Generationen drehen an Pfingsten auf den weißen Pferdchen zur Orgelmusik ihre Runden.

Dreieich –  Siegfried Reuner ist sogar überzeugt: „Die Reitschul‘ ist die Kerb!“, sagt der Vorsitzende der Interessengemeinschaft des historischen Karussells mit einem Schmunzeln. Doch nicht nur im Hayn ist das schöne Karussell begehrt, in all den Jahrzehnten stand es schon vor der Alten Oper in Frankfurt, auf dem Heinerfest in Darmstadt, es ist regelmäßig auf dem Langener Ebbelwoifest zu Gast und es stand auf dem Wiesenmarkt in Erbach oder in Hanau vor Schloss Wilhelmsbad.

In diesem Jahr feiert der Verein 40. Geburtstag. Zeit, daran zu erinnern, was für einen aufregenden Weg die 20 Schimmel zurückgelegt haben, die Kinder begeistern und ältere Menschen jedes Jahr in Kindheitserinnerungen schwelgen lassen. Denn einst schien das Schmuckstück für immer verloren.

Aber von vorn: Das so liebevoll restaurierte, doppelstöckige Karussell ist deutlich älter als der Verein: 1905 wird es von der Zimmerei Größmann in Pfungstadt gebaut und gelangt in den Besitz der Familie Schneider aus Bischofsheim: „Es ist kein Dreieichenhainer Karussell, was viele immer denken“, sagt Reuner. Aber bereits seit Mitte der 30er Jahre ist die Familie Schneider auf der Kerb mit der Reitschul‘ zu Gast. Nach dem Krieg dreht es ab 1947 bis Anfang der 70er Jahre seine Runden. „Ich habe es als Kind geliebt, damit zu fahren, das war etwas ganz Besonderes“, so der Hainer. Umso mehr enttäuscht ist Reuner, als die Reitschul‘ 1972 – ausgerechnet in seinem Jahr als Kerbborsch – plötzlich nicht mehr auftaucht. Die Familie Schneider hat das gute Stück verkauft: „Damit war der Haaner Kerb die Seele genommen“, kann sich der Vereinsvorsitzende noch gut an sein Entsetzen erinnern.

Es lässt ihm keine Ruhe, Reuner beginnt nach „seinem“ Karussell zu forschen. Die Recherche ergibt, dass die Schimmel mit ihren klangvollen Namen wie Jugendliebe, Olymp oder Lola an die niederländische Grenze in einen Safaripark gebracht wurden. Nach nur einem Jahr treten sie die Reise über den Großen Teich an. Das Doppelstockkarussell wird in Charlotte in North Carolina aufgebaut. Reuner nimmt die Spur auf, fliegt 1979 in die Staaten und findet die Reitschul‘ in einem erbärmlichen Zustand: „Das feuchte Klima und die mangelnde Pflege hatten dem Karussell schwer zugesetzt. Es lag achtlos in einem Schuppen, eigentlich war es nur noch ein Haufen Bretter und die Pferdchen hatten jeglichen Glanz verloren“, so der Hainer.

Hunderte Stunden restaurierte Siegfried Reuner (rechts) mit Freunden die Hayner Reitschul’.

Aber er hat Glück: Der amerikanische Eigentümer hat keine Verwendung mehr und schenkt Reuner den Holzhaufen. Die US Airforce fliegt die Pferdchen und alle Teile in zwei Etappen nach Frankfurt. „Ich hatte einfach dort angerufen. Frechheit siegt“, muss Reuner heute noch lachen, „Selbst der damalige Bürgermeister Hans Meudt kam am 27. September 1979 auf die Airbase, um die Reitschul’ in Empfang zu nehmen“, erzählt der Vorsitzende.

Die eigentliche Arbeit beginnt dann erst. Mit Freunden und Interessierten arbeitet Reuner die Pferde und das Karussell wieder auf. „Wir haben monatelang abends und am Wochenende nichts anderes gemacht. Anhand von alten Fotos haben wir das Karussell wieder originalgetreu hergestellt.“

1980 dann der große Tag: Die Reitschul‘ dreht sich zur Kerb wieder vor der Burg. Die Freude ist groß, es gibt eine Begeisterung ohne Beispiel. Aber schnell stellt sich heraus, dass das Karussell nur mit einer Kerb nicht zu finanzieren ist. Die Mitglieder der 1980 gegründeten Interessengemeinschaft werden zu Hobby-Schaustellern und sind auf drei bis vier Kerbplätzen im Jahr unterwegs. Das Karussell ist ein gern gesehener Gast – aber die derzeit 20 Mitglieder müssen auch hart arbeiten: „Wir haben die Reitschul‘ in den vergangenen 40 Jahren 128 mal auf- und wieder abgebaut. Das dauert mit sechs bis acht Mann zwischen ein und zwei Tagen“, berichtet der Reitschul’-Retter. 

1980 dreht sich die Hainer Reitschul’ nach neun Jahren Pause endlich wieder vor der historischen Burg.

Der Sohn des alten Besitzers Schneider habe zu Beginn Tipps gegeben und Tricks verraten. Über die Jahre haben die Vereinsmitglieder, von denen drei schon bei der Gründung dabei waren, die Einnahmen aus dem Betrieb immer wieder in die Sanierung des rund 20 Tonnen schweren Schmuckstücks investiert. 

„Es ist immer was zu machen, wie beispielsweise den Boden zu lackieren. Aber alle paar Jahre kommt ein dicker Brocken. Mal wurde der Mast ausgetauscht, dann hatte die Orgel einen immensen Schaden. Zudem haben wir alle Pferdchen neu lackiert.“ Die haben übrigens ihre alten Namen abgelegt und heißen heute wie die Mitglieder: Siegfried, Sybille oder Klaus. Reuner hat zum 40. Vereinsgeburtstag einen Wunsch: ein paar tatkräftige, helfende Hände. Denn wer zur IG stößt, ist nie nur förderndes Mitglied: „Nein, wir packen alle mit an. Aber wir werden gut entlohnt: mit sehr schönen Momenten mit unserem Karussell“, berichtet Reuner von Gesprächen mit Kardinal Lehmann oder auch, dass Josef Neckermann einst gerne seine Runden auf der Reitschul‘ drehte.

Am 27. September 1979 wurde die Reitschul’ auf der Airbase in Frankfurt feierlich in Empfang genommen.

Es wird genau Buch geführt über die aktiven Tage der Reitschul‘, Standorte, Umsätze oder das Wetter werden genau notiert. „Regen ist nicht gut, aber große Hitze ist für uns noch schlimmer“, verrät Reuner, der bis vor kurzem noch Ingenieur bei einer Lufthansa-Tochter war.

Ob die Reitschul’ zum 40. Vereinsgeburtstag bei der Kerb ihre Runden drehen darf, steht angesichts der Corona-Epidemie in den Sternen. Reuner und sein Team sind bereit. „Es liegt nicht in unseren Händen!“ Wer sich für das Karussell interessiert oder vielleicht sogar Spaß daran hat, mit anzupacken, kann sich auf der Internetseite informieren.

» hayner-reitschul.de

VON NICOLE JOST

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