Herrlich durchgeknallt

Düsseldorfer Kom(m)ödchen mit Witz, Biss und Tempo im Bürgerhaus

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Sind unterschiedlicher Auffassung: Helikopter-Mutti Katharina und Autohändler Frank.

Wenn die Kinder Abitur machen, ist das auch für die Eltern oft ein Einschnitt. Vielleicht zieht der Sprössling aus, wechselt fürs Studium den Wohnort, plant ein soziales Jahr in Afrika oder will nach dem ganzen Stress erst mal nur chillen.

Dreieich – Aber so ohne alles kann man die jungen Leute ja unmöglich in die Welt ziehen lassen. Eine Rede muss deshalb her zur Abi-Feier, eine, die ihnen den Weg weist, damit sie sich im Dschungel da draußen behaupten.

„Irgendwas mit Menschen“ heißt das Stück, mit dem das Ensemble des Düsseldorfer Kom(m)ödchens im gut besuchten Bürgerhaus gastiert. Sein Kommen dürfte kaum ein Zuschauer bereut haben, das Quartett liefert exzellente Unterhaltung. Die Rede, die gehalten werden soll, ist der rote Faden – aber natürlich hat jeder andere Vorstellungen davon. Für Autohändler Frank (Heiko Seidel) steht fest, dass Sohnemann in Papas Fußstapfen tritt und das Geschäft übernimmt, Lehrer und Alt-68er Rainer (Martin Maier-Bode) plädiert für Rebellion („Ich bin damals auch ausgebrochen und von Viersen in die Metropole Neuss gegangen“), Abmahnanwalt Nils (Daniel Graf) steht unter der Fuchtel seiner Frau Katharina (Maike Kühl), die ihn Riesenbaby und die Abiturienten voller Inbrunst „ihr Mäuse“ nennt. Die Helikopter-Mutter („Ich war Jahrgangsbeste“) hat ihre Karriere der Tochter zuliebe geopfert und für ihre Fabienne schon mal einen Studienplatz in der Schweiz organisiert. Vor allem die Supermami verliert vollends die Fassung, als die „Mäuse“ übers Smartphone verkünden, dass sie keinen Bock auf Abi haben und mit Abdullah und Mohammed nach Amsterdam gefahren sind.

Um dieses Setting herum erleben die Besucher einen irrwitzigen Parforceritt mit diversen Rollenwechseln, der nur nach der Pause mal kurzzeitig etwas langatmig gerät, aber unterm Strich mehr als zwei Stunden einen Lacher nach dem anderen provoziert. Das driftet auch mal in Klamauk ab, etwa wenn Frank den anderen erklärt, was ein Biovibrator ist: „Ein Bambusrohr mit Hummel“. Herrlich durchgeknallt ist, wenn Star-Wars-Fan Nils eine Erscheinung hat: Adolf Hitler in Adiletten, den die Russen „aus Überresten“ geklont haben, und Elvis Presley, den der Mossad nach der gefakten Mondlandung entführt und in Sicherheit gebracht hat. Die beiden leben jetzt in einer WG in Bielefeld – auf die Idee muss man erst mal kommen.

Zwischendurch wird’s auch mal politisch, wenn das Quartett das deutsche Bildungssystem seziert. Wie bei der legendären Bundesligaschalte am Samstagnachmittag im Radio melden sich in der Kultusministerkonferenz einzelne Bundesländer zu Wort. Unterrichtsausfall ohne Ende in Dortmund, eine Stahlbetonwand als Symbol für Schuldurchlässigkeit in Bayern, Unterrichtsmethoden à la Nordkorea in Sachsen – da dreht das Quartett mächtig am Rad. Das hat Tempo, Witz und Biss.

Und was so mancher wohl schon länger vermutet hat, kommt an diesem Abend ans Licht. Willy Brandts Kniefall 1970 in Warschau war nicht ganz freiwillig. „Damals hielten Bier und Korn die SPD zusammen“, klärt der einstige Revoluzzer Rainer auf. Fehlt nur noch, dass Theresa May ihren Namen getanzt hätte, schließlich werden die Briten von der EU wie von einer Waldorfkindergärtnerin behandelt.

„Irgendwas mit Menschen“ ist eine rasante Melange aus Kabarett und Theater, klassischer Komödie und moderner Sitcom. Unbedingt empfehlenswert.

VON FRANK MAHN

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