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Feuerwehr ist keine Männerdomäne mehr

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Für Johanna Herdt ist die Feuerwehr Hobby und Beruf zugleich. Sie gehört zur Sprendlinger Einsatzabteilung und ist Mitglied der Darmstädter Berufsfeuerwehr. Foto: jost
Für Johanna Herdt ist die Feuerwehr Hobby und Beruf zugleich. Sie gehört zur Sprendlinger Einsatzabteilung und ist Mitglied der Foto: © jost

Sie sorgen für die Sicherheit der Dreieicher. Dabei wissen nur wenige, mit wie viel Einsatz und Engagement das Ehrenamt bei der Feuerwehr verbunden ist. Mit einer Serie stellen wir die umfangreiche Arbeit vor. Auftakt ist mit der Feuerwehrfrau Johanna Herdt.

Dreieich – „Mädchen geh mal weg, das ist was für starke Männer“ – Sprüche wie diesen kennt Johanna Herdt nicht: „Nein, so was gibt es hier wirklich nicht. Das würde sich wohl keiner trauen“, sagt die 32-Jährige lachend, die Mitglied der Sprendlinger Einsatzabteilung ist und hauptamtlich bei der Darmstädter Feuerwehr arbeitet.

Zu lange gehört sie fest ins Team, die junge Frau war gerade einmal zwölf Jahre alt, als sie, von ihrem Stiefvater motiviert, zur Jugendfeuerwehr stieß. „Damals war ich das einzige Mädchen, aber das ist mir gar nicht weiter aufgefallen. Ich konnte mich wohl ganz gut behaupten in der Clique der Jungs“, so die engagierte Sprendlingerin.

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Frauen in der Feuerwehr sind eine Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte – bundesweit sind in den Einsatzabteilungen inzwischen zehn Prozent weiblich. Dreieich kann diese Zahl noch toppen: Von 200 Einsatzkräften kann sich Stadtbrandinspektor Markus Tillmann auf 35 Frauen verlassen – Tendenz steigend.

Aber wie ist es nun als Frau unter so vielen Männern? „Das ist nicht wirklich ein Thema in unserem Alltag“, sagt Herdt. Natürlich seien Männer den Damen manchmal kräftemäßig überlegen. Die Schutzausrüstung wiege nun mal 20 Kilo – da haben Männer durch ihre Konstitution schon Vorteile. „Sich aus der Hocke aufzurichten, fällt manchmal schwer. Aber wir trainieren das. Auch der Umgang mit den Strahlrohren - ganz vieles ist Technik. Und wenn es doch mal auf die reine Kraft ankommt, arbeiten wir immer im Team“, erläutert Herdt.

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Ein Thema sind die Umkleiden. Der Verein in Offenthal hat gerade eine Frauenumkleide gebaut, auch in Sprendlingen gibt es eine im Keller. Die Frauen der Einsatzabteilung rennen aber nicht zuerst ins Untergeschoss, wenn der Pieper geht. Der Spint von Herdt ist zwischen einer Frau und einem Mann. „Wir verlieren auf dem Umweg in den Keller viel zu viel Zeit. Jeder von uns will auf dem ersten Einsatzwagen dabei sein“, erzählt die Feuerwehrfrau. Manchmal blitze ihr es kurz durch den Kopf: „Mist, falsche Unterwäsche an!“ – aber die männlichen Kollegen tragen auch mal witzige Unterhosen. Letztlich zähle nur, gemeinsam Menschenleben zu retten. Die Kameradschaft untereinander lasse keinen Platz für falsche Scham.

Im Einsatz kommt es dann ohnehin nur darauf an, sich aufeinander verlassen zu können. Dabei ist das Geschlecht völlig unerheblich. Bei der emotionalen Belastung sei es auch eine Typfrage, wie die Einsatzkräfte mit schlimmen Bildern umgehen. „Für mich ist es immer am schwierigsten, wenn Menschen in Panik schreien. Da muss ich mich zur Ruhe zwingen, um nie die Übersicht zu verlieren. Aber das geht den Jungs auch so“, weiß Herdt.

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Ist es von Vorteil, ein bisschen weiblichen Charme in einer Truppe Jungs dabei zu haben? „Ich glaube schon. Manch derber Spruch wird sich sicher verkniffen, der Ton ist sanfter, wenn wir Mädels dabei sind“, vermutet sie. Für Herdt war der Beitritt zur Jugendfeuerwehr persönlich ein zukunftsweisender Schritt. Sie hat nicht nur ihren späteren Mann in der Feuerwehr kennengelernt, auch ihre Berufswahl hat das Hobby entscheidend geprägt: Sie gehört heute zu den ein Prozent weiblichen Berufsfeuerwehrkräften in Deutschland. Nach dem Rettungsingenieursstudium in Köln ist sie Mitglied der Berufsfeuerwehr Darmstadt und dort Abteilungsleiterin im vorbeugenden Brandschutz. 50 Prozent ihres Jobs ist sie in der Einsatzleitung bei den Einsätzen beschäftigt. Darüber hinaus engagiert sie sich im bundesweiten Netzwerk Feuerwehrfrauen. Herdt: „Ich kann die Feuerwehr für Mädchen nur empfehlen. Es erweitert den Horizont, bietet neue Perspektiven auch in beruflicher Hinsicht im technischen Bereich und letztlich ist es einfach ein tolles Hobby, das Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl stärkt.“

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Gerade die Feuerwehr AG der Weibelfeldschule, die meist zu fünfzig Prozent mit Mädchen besetzt ist, hat den fünf Stadtteilwehren viel weibliche Verstärkung gebracht. „Wir sind stolz, dass die Damen unter uns sind. Sie lockern die Stimmung ungemein, sehen manches von einer anderen Seite und können uns Männer auch mal bremsen“, schildert Stadtbrandinspektor Tillmann. Er weiß die Tatkraft der Mädels zu schätzen. Eine dieser jungen Frauen von der AG ist Maria Fröhlich. Sie hat nur gute Erfahrungen gemacht: „Wenn man gezeigt hat, dass man’s kann, dann wird man definitiv auch als Frau in die erste Reihe geschickt und der ein oder andere männliche Kollege staunt nicht schlecht, wenn man die Maske vom Gesicht zieht. Klar müssen wir dasselbe leisten wie die Jungs, aber sie unterstützen einen, wenn es an die schweren Sachen geht.“ Im Einsatz werde kein Unterschied gemacht: „Jeder trägt seinen Teil dazu bei, dass es funktioniert“, sagt Tillmann. Er würde heute nicht mehr sagen, dass die Feuerwehr eine Männerdomäne ist.

VON NICOLE JOST

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