Sorgenkind

Klimaveränderung, Borkenkäfer und Pilze setzen Bäumen zu

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Für den Baumbestand in Dreieich ist Sylvio Jäckel beim DLB zuständig. Er setzt schon seit Längerem auf andere Baumarten, um besser auf den Klimawandel reagieren zu können. Foto: jost

Heute ist der Internationale Tag des Baums. Einen Grund zum Feiern gibt es nicht. Denn Klimaveränderung, Borkenkäfer und Pilze setzen den Bäumen zu. Das ist in Dreieich nicht anders.

Dreieich – Beim Dienstleistungsbetrieb (DLB) ist Sylvio Jäckel für den Baumbestand in der Stadt zuständig. Im Interview macht er auf die Probleme aufmerksam.

Sollten wir Bäumen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen? 

Ich denke ja! Die Bedeutung für uns in den Städten wird immer größer. Je stärker sich das Klima verändert, desto stärker wächst die Bedeutung der Bäume und sie brauchen mehr Aufmerksamkeit von uns. Bäume sind wichtig für die Sauerstoffproduktion und für ein gutes Kleinklima. Das lässt sich an einem guten Beispiel aufzeigen: Stellen Sie sich mal auf einen Parkplatz in der Mittagshitze im Sommer. Das halten Sie nicht aus. Wenn wir aber unter einem Baum stehen, macht uns das gar nichts aus. Daran erkennt man die zunehmende Wichtigkeit. Aber Bäume haben eben auch zwei Probleme: einmal das sich verändernde, immer wärmer werdende Klima und die immer dichter werdenden Städte – da nehme ich Dreieich nicht aus.

Welche Schäden gibt es, und wo im Stadtgebiet sind sie am größten?

Ein aktuelles Beispiel ist das Kiefernsterben im Bürgerpark. Der Micropilz liebte das feuchte Frühjahr und den heißen Sommer 2018 und hat sich stark vermehrt. Jetzt mussten wir bereits 25 Bäume fällen. Wir haben aber auch Massaria-Befall an den Platanen in der Offenbacher Straße, das ist auch ein Pilz. Wir kontrollieren sie häufiger. Die Bäume setzen durch den Pilzbefall schneller Totholz an und müssen oft geschnitten werden. Das ist teuer. Die grundsätzlichen Probleme stammen nicht nur aus dem letzten, extrem heißen Sommer. Schon 2003 bis 2006 war es extrem trocken und heiß und in den Folgejahren gab es viele überdurchschnittlich trocken-warme Jahre und die Schwierigkeiten potenzieren sich.

Die Fichte ist ein gutes Beispiel. Sie steht eher im Bergland. Man hat sie hier angesiedelt – und das hat wegen des vielen Regens lange Zeit funktioniert. Das Klima im Moment vertragen die Fichten aber überhaupt nicht. Deshalb werden sie nicht mehr gepflanzt. Wir haben schon 2003 viele Fichten gefällt. Im vergangenen Sommer war es auch den Birken viel zu heiß, und wir mussten einige im Winter rausnehmen. Und schon jetzt können wir sagen, dass das Frühjahr viel zu trocken und zu warm war. Übrigens ist das Rhein-Main-Gebiet dabei immer ein besonderer Schmelztiegel.

Was sind die Gründe für die großen Probleme?

Die großen Probleme kommen durch den Klimawandel. Es wird ja immer diskutiert – kommt der Klimawandel? Die Veränderungen sind schon da und mit den Problemen kämpfen wir längst! Wenn die Faktoren heiß und trocken zusammenkommen, wie das 2018 passiert ist, dann ist es für die Bäume der Supergau.

Was sind die Folgen für die Stadt Dreieich?

Wir haben für die Bewässerung drei Mal so viel Geld ausgegeben. 2018 hatten wir Kosten von 18 000 statt 6 000 Euro in den Jahren davor. Wir gehen davon aus, dass wir in der Zukunft eine Kostensteigerung von 20 bis 25 Prozent haben – für erhöhte Pflegekosten, Ersatz von Bäumen, die derzeit sehr teuer sind, und höhere Wasserkosten.

Welche Konsequenzen zieht der DLB?

Wir konzentrieren uns schon lange auf eine besondere Artenvielfalt. Wir wissen heute noch nicht, welcher Schädlingsbefall in Zukunft kommt. Deswegen ist die Durchmischung so wichtig. Wir pflanzen schon seit zehn Jahren sehr artenreich. Beispiele dafür sind die Blumenesche, der französische Ahorn oder die Hopfenbuche, die aus Südeuropa stammen. Auch der Feldahorn war früher nicht en vogue, den setzen wir gerade sehr viel. Ein weiteres Beispiel ist die Kornelkirsche, die es früher nur als Strauch gab. Auch Bäume aus dem vorderasiatischen Bereich oder aus Nordamerika können hier angesiedelt werden – wie Parrotie oder Amber. Wir nutzen dabei die Forschungsergebnisse. Wichtig sind auch die Wahl des Standorts und eine gute Pflege beim Anwachsen. Hatten wir früher einen Pflegevertrag für ein Jahr, kümmern sich Fremdfirmen bei Pflanzungen jetzt zwei Jahre um die neuen Bäume.

Das Projekt der Baumpatenschaften beim DLB wurde vor einiger Zeit intensiv beworben. Gibt es das noch und wie erfolgreich war es? 

Wir haben immer mal eine Baumspende – das ist sehr schön. Die Patenschaften selbst sind nicht ganz so gut angelaufen. Aber wir bewerben natürlich, dass wir Hilfe brauchen – gerade dann, wenn es so extrem heiß ist. Wir schaffen die Bewässerung dann nicht mehr alleine. Aber im Gespräch passiert es oft, dass die Leute erzählen, dass sie mit der Gießkanne Bäume gießen. Da haben wir sicher eine hohe Dunkelziffer von Helfern.

Was kann jeder Einzelne tun?

Das A und O ist das Wässern der Bäume in den heißen Sommern. Das ist eine kleine Maßnahme, die aber für den Baum lebensrettend sein kann. In puncto Innenverdichtung ist das Beispiel Heckenborn mit der dort angelegten Grünzunge ein gutes. Früher hatten wir große Grundstücke und jeder hatte Bäume im Garten. Heute sind große Grundstücke unbezahlbar, wir haben viel mehr Wohnraum auf kleinerer Fläche. Da müssen wir in anderen Strukturen denken, der Flächenverbrauch muss reduziert werden, um Flächen für Bäume und Grün zu schaffen – um auch künftig ein gutes Kleinklima zu gewährleisten.

Das Gespräch führte Nicole Jost

Stadt mit gutem Sortenmix

Dreieich ist eine recht grüne Stadt. Die Einfahrtschneisen Offenbacher Straße/Frankfurter Straße vermitteln Bürgern und Besuchern mit den Grünflächen und den älteren Bäumen ein grünes Gefühl. Auch der Baumbestand – in Relation zur Einwohnerzahl – ist sehr ordentlich. Die Stadt hat 8000 Bäume im innerstädtischen Bereich mit einem guten Artenmix. Mit 883 Bäumen steht die Hainbuche an der Spitze, gefolgt von Stieleiche (875), Spitzahorn (619), Winterlinde (576) und Feldahorn (444).

Der Klimawandel hat bereits Folgen – es gibt weniger Fichten, Birken und Robinien als noch vor zehn Jahren. Diese Sorten werden auch nicht mehr nachgepflanzt. Weitere Informationen zu den Bäumen im Stadtgebiet gibt es auf der Homepage des Dienstleistungsbetriebs.

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