Tag der Nachbarschaft

Menschen mit Handicap im Haus der Nieder-Ramstädter Diakonie: Inklusion im besten Sinne

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Gemeinsames Mittagessen: Wolfgang, Karola und Robert (von links), Bewohner der Nieder-Ramstädter Diakonie, lassen es sich im Stadtteilzentrum schmecken.

Die 16 Bewohner im Haus der Nieder-Ramstädter Diakonie im Schlesienweg in Sprendlingen haben sich gemütlich eingerichtet. Das Haus ist offen und lichtdurchflutet.

Dreieich – Besucher, die im ersten Stock ankommen, werden von einer modernen und offenen Küche empfangen, die gleichzeitig als Esszimmer für die Wohngruppe dient. Im Wohnzimmer sitzt eine Seniorin und schaut gerade ihre Lieblingssendung im Fernsehen, ein weiterer Bewohner hat es sich auf der Couch in dem kleinen Rückzugsbereich bequem gemacht. Die Einzelzimmer und die Bäder sind so angeordnet, dass sich jeder zu Hause fühlen kann.

„Wir sind hier sehr gut aufgenommen worden“, sagt Tanja Tandler, Wohnverbundsleiterin der Nieder-Ramstädter Diakonie und zuständig für den Bereich Offenbach. Genau zwei Jahre ist es her, dass die 16 Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung das neue Haus bezogen haben. Von Beginn an gehörten sie zum Mehrgenerationenhaus RaBe (Raum der Begegnung), die das Stadtteilzentrum Hirschsprung-Breitensee, das Familienzentrum der Versöhnungsgemeinde Bunte Kirche, das Forum Sprendlingen Nord, die kirchliche Kita und die städtische Krippe unter einem Dach zusammenfasst. „Dieses Konzept, das die Stadt Dreieich hier entwickelt hat, ist extrem erfolgreich. So wie wir hier angenommen wurden, so habe ich das an keinem anderen Ort bislang erlebt. Was hier passiert, ist gelebte Inklusion von seiner besten Seite“, ist Tanja Tandler noch immer überrascht und begeistert, wie gut diese noch recht neue Nachbarschaft funktioniert.

Es sind ja oft die kleinen Dinge, die ein gutes Miteinander von Menschen ausmachen. Das klappt im Sprendlinger Norden hervorragend. „Wenn uns die Milch ausgeht, können wir im Familienzentrum auf dem kurzen Dienstweg einen Liter bekommen, genauso kann das Stadtteilzentrum hier in unseren Maschinen mal eine Fuhre Handtücher waschen, weil die wöchentliche Wäsche eben schon abgeholt ist“, berichtet die Leiterin des Wohnverbunds von den kleinen, alltäglichen Nachbarschaftsdiensten.

Auch konzeptionell ist die Nieder-Ramstädter Diakonie fest im Geflecht des Mehrgenerationenhauses verwoben. Da ist zum einen das gemeinsame Mittagessen, das die drei Rentner der Einrichtung gerne mehrmals in der Woche im direkt angrenzenden Stadtteilzentrum genießen. „Einer unserer Bewohner geht regelmäßig zur Seniorengymnastik im Familienzentrum“, schildert Tandler. Von der Nieder-Ramstädter Diakonie kam die Initiative, eine inklusive Kunstaktion auf die Beine zu stellen. Seit einigen Monaten kommen behinderte und nicht behinderte Kreative einmal im Monat im Stadtteilzentrum zusammen, um gemeinsam auf großen Leinwänden zu malen oder Mosaike zu kleben.

„Dieses Miteinander und die Tatsache, dass unsere Bewohner hier wirklich mitten im Sozialraum leben, ist schon ein Grund, dass sie sich hier sehr wohl fühlen“, erläutert Tanja Tandler. Die meisten Bewohner haben vor dem Umzug nach Dreieich auf dem Gelände der Diakonie im Mühltal gelebt – ein ganz anderes Konzept, das eher wie ein Dorf funktioniert, aber Inklusion eben nicht wirklich ermöglicht.

Auch die Kooperationspartner sind begeistert von den Nachbarn: „Die Zusammenarbeit läuft hervorragend“, sagt Veronika Martin, Leiterin des Familienzentrums Bunte Kirche. Das beste Beispiel sei für sie, dass einer der Bewohner des Hauses in den Osterferien mit auf der Familienfreizeit war – und das ohne weitere Begleitung. „Wir haben uns ehrlich gesagt vorher ein bisschen Sorgen gemacht, ob das funktionieren wird. Aber der junge Mann war eine solche Bereicherung für die ganze Gruppe, es war ein großer Erfolg und hat die Beziehungen noch weiter intensiviert“, erzählt Martin. Sie ist auch immer daran interessiert, die Angebote noch besser aufeinander abzustimmen. Viele Veranstaltungen im Familienzentrum oder im Stadtteilzentrum sind tagsüber, wenn die meisten Bewohner in den Werkstätten zur Arbeit sind. „Wir werden unser Chill & Grill im Sommer erst am späten Nachmittag beginnen und gerade arbeiten wir auch an einem inklusiven Sportangebot für den Samstag“, berichtet Veronika Martin und freut sich auf den weiteren Ausbau der nachbarschaftlichen Beziehungen.

von Nicole Jost

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