Kultureller Deckmantel für Parteiarbeit

SPD in Dreieich: Erstes Treffen vor 150 Jahren

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Peter Hunkel (stellvertretender Vorsitzender SPD Sprendlingen, links), Gisela Schäfer (Vorsitzende SPD Dreieichenhain) und Heinz-Georg Stöhs (ehemaliger Vorsitzender SPD Sprendlingen) vor dem Gasthaus „Alte Burg“, wo 1868 das erste Treffen stattfand.

Dreieich - Seit 150 Jahren bestehen die Ortsverbände der SPD in Dreieichenhain und Sprendlingen: 1868 gründeten Arbeiter den allerersten Vorgänger der Dreieicher SPD. Mit einem bedeutsamen Treffen in einem Gasthaus begann die Geschichte der Sozialdemokraten. Von Manuel Schubert 

Der Ort ist durchaus mit Bedacht gewählt: Wenn Dreieichenhainer und Sprendlinger SPD am Samstag ab 16.30 Uhr im Burgkeller ihr 150-jähriges Bestehen feiern, wenn Thorsten Schäfer-Gümbel – SPD-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl – als Festredner Glückwünsche überbringt und wenn das Blasorchester Dreieich ein Ständchen spielt, dann passiert das alles nur einen Steinwurf entfernt von jenem Ort, an dem damals alles begann. Ein paar Schritte die Fahrgasse hinauf, im Gasthaus „Zur alten Burg“, nahm sie seinerzeit ihren Lauf: die Geschichte der Sozialdemokraten in Dreieichenhain und Sprendlingen.

Am 24. Oktober 1868 – die „Alte Burg“ hörte damals noch auf den Namen „Zum wilden Mann“ – kamen erstmals Arbeiter aus der damals noch eigenständigen Stadt Dreieichenhain und der Gemeinde Sprendlingen zusammen. Knappe zwei Monate später, am 27. Dezember, gründeten sie den Arbeiterverein zu Dreieichenhain – den allerersten Vorgänger der Dreieicher SPD. Dass die Genossen aus der Nachbargemeinde dabei waren, hatte einen einfachen Grund: Kein Gastwirt in Sprendlingen hatte Lust, den Sozialdemokraten seine Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Der Vorstand der Hainer SPD im Jubiläumsjahr 1993 (von links): Michael Hempel, Willi Jakobi, Robert Wlassak, Manfred Stibaner, Rolf Mühlbach, Barbara Schmidt und Vorsitzender Wolfgang Pfannemüller. Zum Führungsteam gehörten außerdem Rudolf Schmiedel und Erika Obenhaus.

Der Arbeiterverein organisierte in Dreieichenhain Konzerte, Lesungen und Diskussionsrunden, viele Arbeiter und Tagelöhner, die in den Fabriken der umliegenden Großstädte ihr Geld verdienten, fühlten sich angesprochen. „Es ging um Bildung, Kultur und Freizeitgestaltung, darum, dass die Menschen mal rauskommen aus ihren Fabriken“, erzählt Gisela Schäfer, die heutige Vorsitzende des Dreieichenhainer SPD-Ortsbezirks. In Sprendlingen gründete sich nur wenige Monate nach dem Auftakttreffen ein erster Ableger: der Arbeiter-Unterstützungsverein Sprendlingen.

Allerdings konnte die parteipolitische Arbeit schon damals nur „unter dem Deckmäntelchen der Kultur“ stattfinden, wie Peter Hunkel, stellvertretender Vorsitzender der Sprendlinger SPD, berichtet. Andersdenkende waren zur Zeit Bismarcks nicht gern gesehen, und so erließ der Reichskanzler 1878 seine berühmten Sozialistengesetze, die die Arbeitervereine verboten – aber nicht auslöschten. In Dreieichenhain und Sprendlingen wurde die SPD-Denke vor allem in Sport- und Gesangsvereinen am Leben gehalten, nach Abschaffung der Sozialistengesetze 1890 erlebten die Sozialdemokraten in Dreieich einen regelrechten Aufschwung.

Weitere große Vereine wie der Sozialdemokratische Wahlverein oder der Arbeitergesangverein Lassalle entstanden, und nach dem Ersten Weltkrieg, der die Parteiarbeit erneut kurzzeitig zum Erliegen brachte, taucht auch erstmals der Name SPD in den Dreieicher Geschichtsbüchern auf. Bei der ersten Kommunalwahl 1919 kamen die Sozialdemokraten in Dreieichenhain prompt auf 52,7 Prozent, Parteimitglied Georg Wilhelm Köhres wurde Bürgermeister und behielt sein Mandat, bis ihn die Nazis 1933 aus dem Amt warfen. Auch unter dem Zweiten Weltkrieg hatten die beiden Ortsbezirke zu leiden. Das Parteivermögen wurde beschlagnahmt, Unterlagen vernichtet. „Das ist sehr traurig. Man hätte vieles nachlesen und die Ziele der Mitglieder von damals wieder ins Blickfeld rücken können“, sagt Heinz-Georg Stöhs, langjähriger Vorsitzender der Sprendlinger SPD.

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

Doch selbst davon erholten sich die Genossen. Am 26. Oktober 1945 wurde die Sprendlinger SPD wiederbelebt, am 1. November das Dreieichenhainer Pendant. Und siehe da: Nach Kriegsende stellten die Sozialdemokraten 31 Jahre in Folge den Dreieichenhainer Bürgermeister. Das änderte sich schlagartig, als die hessische SPD-Regierung 1977 die Gebietsreform beschloss – und die beiden Ortsbezirke, die eine kleinere, zweigeteilte Lösung befürwortet hatten (Sprendlingen/Buchschlag, Dreieichenhain/Götzenhain/Offenthal) überstimmte. Die nächste Kommunalwahl entschied die CDU für sich. „Wir sind abgestraft worden“, blickt Schäfer zurück. Erst 2006 landete mit Dieter Zimmer wieder ein SPD-Mann auf dem Rathaus-Chefsessel.

Auch weibliche Mitglieder sind bei den Sozialdemokraten zahlreich vertreten: Diese Fotografie zeigt die SPD-Frauengruppe aus Sprendlingen im Jahr 1929.

Dennoch konnten die Sozialdemokraten in den zurückliegenden Jahrzehnten einiges in Dreieichenhain und Sprendlingen anstoßen. Schäfer nennt etwa das Dreieichenhainer Industriegebiet „mit vielen Arbeitsplätzen“ oder die große Vielfalt der Vereine, Stöhs hebt den Kurt-Schumacher-Ring als „Modellprojekt für sozialen Wohnungsbau“ hervor. Getroffen hat die Dreieicher Sozialdemokraten hingegen der Tod ihres langjährigen Fraktionsvorsitzenden Rainer Jakobi, der Ende März im Alter von 60 Jahren nach langer Krankheit verstarb. Stöhs bezeichnet ihn als einen, der „politische Gegner überzeugen konnte, einen gemeinsamen Weg zu gehen“. Und Schäfer sagt: „Das war ein tiefer Einschnitt für uns. Er war ein Vordenker.“

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