Bahnhof bald ohne Lokomotive

Auszug nach 40 Jahren: Kinderkunstschule ist auf der Suche nach Räumlichkeiten

Die Zeit des Abschieds naht: Brigitta Gerke-Jork und ihre Kolleginnen werden die besondere Atmosphäre des alten Bahnhofsgebäudes vermissen. 
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Die Zeit des Abschieds naht: Brigitta Gerke-Jork und ihre Kolleginnen werden die besondere Atmosphäre des alten Bahnhofsgebäudes vermissen. 

Nach 40 Jahren sucht die  Kinderkunstschule Lokomotive in Dreieichenhain eine neue Heimat.   Bis zu den Sommerferien müssen sie das alte Bahnhofsgebäude verlassen haben.    

Dreieich – Noch riecht es in der Werkstatt der Kinderkunstschule Lokomotive im alten Bahnhofsgebäude von Dreieichenhain nach Farbe und der Ofen trocknet auf höchster Temperatur die letzten Arbeiten aus Ton

Doch das Ende naht: Nach 40 Jahren sucht die Lokomotive eine neue Heimat.

Vor der Pandemie war der Bahnhof täglich ein Ort voller fröhlicher kleiner Künstler, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten. Im September vergangenen Jahres feierte die Kunstschule ihren 40. Geburtstag mit einer großen Jahresausstellung. Was damals noch niemand wusste: Es war die letzte ihrer Art in diesen besonderen Räumlichkeiten.

Das Ehepaar Winter hatte den Bahnhof Ende der 70er Jahre vor dem Abriss gerettet und mit viel Herzblut saniert. Die Kinderkunstschule „Die Lokomotive“ ist seither ein Projekt mit hohem Anspruch und wenig Fokus auf kommerziellen Erfolg. Der frühe Tod des Ehepaars Winter ließ Tochter Jona Lachmann, die damals erst 19 Jahre alt war, früh Verantwortung für die Lokomotive übernehmen. Als dann die eigene berufliche Entwicklung immer mehr Zeit erforderte, legte sie die Leitung in andere Hände.

Derzeit arbeiten mit Esther Bott (seit 20 Jahren im Team), Brigitta Gerke-Jork (seit zehn Jahren bei der Lokomotive) und Cornelia Thimmel drei Kursleiterinnen in dem alten Bahnhofsgebäude. „Seit einigen Wochen ist klar, dass wir das Gebäude bis zu den Sommerferien verlassen müssen“, sagt Brigitta Gerke-Jork. Dem Bahnhof steht eine größere Renovierung bevor. Die Entscheidung, dass die Lokomotive ausziehen wird, sei nicht leichtfertig getroffen worden, sondern lange gereift, sagt Lutz Lachmann, Ehemann der Immobilieneigentümerin Jona Lachmann. „Schon seit Jahren wird offen kommuniziert, dass sich das Projekt finanziell nicht trägt.“ Es ist über all die Jahre ein idealistisches Projekt geblieben und die Kunstschule und der Förderverein als Träger zahlen keine Miete. Auch wenn man das in Zukunft ändern könnte: Mit den Kosten für die anstehende Renovierung würde die 175 Quadratmeter große Fläche, die der Verein bespielt, zu teuer.

„Wir können die Entscheidung der Familie Lachmann sehr gut verstehen. Die Lokomotive hatte hier 40 Jahre lang ein wunderschönes und sehr behütetes Leben. Auch wenn mir natürlich das Herz blutet, weil es so ein schönes Arbeiten hier ist, ist jetzt wohl die Zeit für einen Neuanfang gekommen“, sagt Gerke-Jork.

Die Kunstschule, die mit dem Abschied vom Bahnhof auch ihren Namen ändern wird, ist jetzt natürlich erst einmal in Not. Die Kunstkurse brauchen schnellstmöglich ein neues Zuhause. „Am liebsten natürlich in Dreieichenhain. Wir brauchen bei weitem nicht so viel Platz, wie wir ihn hier hatten. Ein Arbeitsraum ist wichtig, ein Starkstromanschluss für den Brennofen, Platz für das Material, natürlich eine Toilette und toll wäre es, wenn wir einen Zugang nach draußen hätten, wenn wir mit Speckstein arbeiten wollen“, führt die studierte Kunsttherapeutin aus. Rund 60 bis 70 Quadratmeter Platz braucht die Schule und rund 800 Euro Miete haben die Organisatorinnen mit Abrechnung über den Förderverein für die Räumlichkeiten eingeplant. In normalen Zeiten werden 50 Kinder wöchentlich in sieben Kursen unterrichtet, Tendenz steigend. „Bei zunehmender Schülerzahl könnten wir auch mehr Miete bezahlen“, so Gerke-Jork.

Wenn ein Raum gefunden ist, bekommen der Verein und die Kunstschule einen neuen Namen und auch Teile des Vorstands müssen ersetzt werden, wenn Lutz Lachmann sich als Vorsitzender des Fördervereins zurückzieht. „Einen Schritt nach dem anderen“, sagt Gerke-Jork, die mit den Kolleginnen schon begonnen hat, Materialien in der Lokomotive zusammenzuräumen. „Es stehen aufregende Zeiten bevor. Ich blicke mit einem guten Gefühl zurück und auch wenn es komisch klingt, die Situation setzt ganz viel Energie frei.“ Es gebe erste Gespräche und auch die Stadt wisse Bescheid, dass die Kunstschule eine neue Heimat braucht. Wer eine Idee hat, kann sich via E-Mail an lokoinfo@gmx.de wenden.

Und was gibt es für Pläne für den Bahnhof? „So ganz steht es noch nicht fest, aber wir werden die Renovierung angehen und dann weitersehen. Schön wäre es schon, wenn das Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich bleibt“, denkt Lutz Lachmann nicht zwingend an eine Vermietung als Wohnräume. „Wir haben schon die eine oder andere Idee, aber es ist noch nichts spruchreif.“

Von Nicole Jost

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