Kirchenaustritte immer häufiger

Abwärtstrend hält sich in Grenzen

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Dreieich - Eigentlich war an eine Vereinfachung des Verfahrens gedacht, doch die Neuregelung bei der Kirchensteuer im Bereich der Kapitalerträge zeigt Folgen, an die so niemand gedacht hatte. Mittlerweile fürchten die Kirchen gar eine neue Austrittswelle. Von Holger Klemm 

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) spricht von einem „Sparbuch-Schock“: 2014 könnten demnach bis zu 16.000 Gläubige der Kirche den Rücken gekehrt haben. In Dreieich scheinen die Folgen nicht so dramatisch zu sein.

Allerdings haben auch die hiesigen Gemeinden mit einem Abwärtstrend zu kämpfen. Jochen-M. Spengler, Pfarrer der Versöhnungsgemeinde Buchschlag-Sprendlingen, hatte im Gemeindebrief Alarm geschlagen und steigende Austrittszahlen darauf zurückgeführt, dass Banken bei Zinserträgen die Kirchensteuer gleich einbehalten. „Es ist schon auffällig. Im vergangenen Jahr hat es deutlich mehr Austritte gegeben“, sagt er. Langfristig könnten die zurückgehenden Zahlen dazu führen, dass Pfarrstellen gestrichen werden. Viele fühlen sich zwar weiter der Kirche verbunden, wollen aber sparen. Es treten jedoch vor allem Leute aus, die kaum in der Gemeinde auftauchen. Spengler bezeichnet die Kirchensteuer nicht als „Zwangssteuer“, sondern als freiwilligen Betrag, der vom Staat eingezogen wird.

Viele sehen zusätzliche Abgaben

Viele sehen in der Neuregelung eine zusätzliche Abgabe, was aber nicht der Fall ist. Die evangelische Kirchengemeinde Offenthal hat in ihrem Gemeindebrief entsprechendes Infomaterial zur Verfügung gestellt. So kann Pfarrer Marcus Losch keinen Trend erkennen, dass mehr Leute austreten. In der Regel seien es monatlich etwa drei Personen, mal weniger, mal mehr. Es sei schwer, etwas über die Beweggründe zu erfahren, da nur wenige das Gespräch mit dem Pfarrer direkt suchen. Die Offenthaler seien der Kirche zwar positiv gegenüber eingestellt, es sei aber schwer, Leute zum Mitmachen oder für ein Ehrenamt zu gewinnen. Das sehe bei Vereinen nicht anders aus. Doch eine Sorge hat der Pfarrer weniger. Seit der Gemeindeversammlung am Sonntag steht fest, dass es mit zehn Personen genügend Kandidaten für die Kirchenvorstandswahl gibt. Danach hatte es lange Zeit nicht ausgesehen.

Die Götzenhainer Pfarrerin Martina Schefzyk glaubt, dass die Neuregelung mit den Zinserträgen für viele der letzte Kick sei, die Kirche zu verlassen, wenngleich sie keine gravierenden Änderungen feststellen kann. Erstaunlich sei aber, dass auch Vorgänge in der katholischen Kirche Auswirkungen hätten. „Das hätte ich nie gedacht. Wenn es dort einen Skandal gibt, treten bei uns ebenfalls Leute aus.“ Dabei sieht die Pfarrerin durchaus eine Sehnsucht nach Kirche und Spiritualität. Doch viele wollen sich heute nicht mehr an eine Institution binden, das sei bei den Vereinen genauso. „Da gehen viele lieber ins Fitnessstudio.“ Vielleicht sollte es Änderungen bei der Kirchensteuer geben. Überlegenswert sind für die Pfarrerin Modelle wie in Italien. Dort gebe es eine Kultussteuer, bei der man selbst entscheiden könne, wem das Geld zugute kommt.

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Auch Pfarrer Thomas Ledig (Christuskirche) spürt Rückgänge, kann aber noch nicht sagen, ob die Neuregelung daran schuld sei. Generell sei die Kirchensteuer schon einer der Hauptgründe für einen Austritt. Das hätten Befragungen ergeben. Trotzdem sei seine Gemeinde weiter gut aufgestellt. Ledig verweist auf eine große Zahl an Leuten, die mitarbeiten wollen.

Keine gravierenden Veränderungen sehen Pfarrer Winfried Gerlitz (Erasmus-Alberus-Gemeinde) und Pfarrerin Barbara Schindler (Burgkirche). Beide Gemeinden – die eine in der Altstadt von Sprendlingen, die andere in Dreieichenhain – seien gut verankert. Schindler: „In Dreieichenhain steht die Kirche noch mitten im Dorf.“ Die beiden katholischen Pfarrer waren gestern nicht zu erreichen.

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