Hoffen auf Neustart

Dreieicher Friseure im Lockdown: Abgeschnitten von den Kunden

Tatjana und Patrick Röll wissen noch nicht, was ihnen die Zukunft bringt. Die beiden Friseurmeister sind auf der Suche nach einem neuen Salon in Buchschlag.
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Tatjana und Patrick Röll wissen noch nicht, was ihnen die Zukunft bringt. Die beiden Friseurmeister sind auf der Suche nach einem neuen Salon in Buchschlag.

Der Lockdown stellt Friseure in Dreieich nicht nur vor finanzielle Herausforderungen. Trotz Verbot wollen immer wieder Kunden ihr Haar geschnitten bekommen – zur Not auch zu Hause.

Dreieich – Der dunkle Ansatz am Scheitel ist alles andere als schön, auch so mancher Mann im Bekanntenkreis klagt darüber, langsam aber sicher zuzuwachsen. Während für uns der zweite Lockdown mit einer Beeinträchtigung des Wohlfühlgefühls einhergeht, hat das Berufsverbot für viele Friseure die echte Sorge um die Existenz zur Folge.

Bei Tatjana und Patrick Röll aus Buchschlag mischt sich zu der Belastung der zweiten Ladenschließung innerhalb eines Jahres die Ungewissheit über die Zukunft ihres Traditionsgeschäftes in Buchschlag. Seit 50 Jahren betreibt die Familie Röll Friseurhandwerk in der Buchschlager Allee. 2003 hat das Ehepaar Röll das Geschäft von Patricks Mutter – damals jüngste Friseurmeisterin Deutschlands – in zweiter Generation übernommen.

Corona-Lockdown geht Friseuren in Dreieich an die Substanz

Wie es nach diesen Jahrzehnten für die Rölls weiter geht, steht im Augenblick in den Sternen: Das Gebäude, in dem neben Wohnungen auch der Nahversorger von Martin Annemüller untergebracht ist, wird Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres abgerissen. „Unser Mietvertrag endet offiziell zum 31. Dezember 2021“, erzählt Patrick Röll. „Es gab schon Gespräche mit dem neuen Eigentümer über eine mögliche Container-Lösung. Aber seit über einem Jahr haben wir nichts mehr gehört, das macht uns schon ein bisschen traurig“, so der Friseurmeister weiter. Die Ungewissheit, ob in einem Container neben einer Baustelle die nötige Ruhe und die gewohnten Annehmlichkeiten für die Kunden möglich sind, und ob der Salon in einem Neubau mit höheren Mieten wirtschaftlich zu betreiben ist, macht es für die Rölls nicht leicht, die Weichen für die Zukunft zu stellen.

„Wir sind Mitte 40 und haben zwei Kinder. Die Schließungen kosten uns die Reserven, wir tragen eine große Verantwortung – da müssen wir genau überlegen, wie es für uns weitergehen kann“, sagt Patrick Röll. Dass es weitergeht, ist für die leidenschaftlichen Friseure, die auf großen Shows, Schulungen und Seminaren gearbeitet haben, keine Frage.

Friseurmeister suchen nach alternativem Ladengeschäft in Dreieich

Am liebsten würden sie in Buchschlag bleiben. Der Kundenkreis geht über den Stadtteil hinaus, aber die Anbindung sei perfekt und auf das Konzept der persönlichen Bindung und Exklusivität wollen die Rölls auch künftig setzen. „Wir haben unsere Fühler nach alternativen Läden ausgestreckt – noch gibt es aber keine passende Option“, ist Patrick Röll auf der Suche.

Auch die Kollegen der Rölls sprechen über die Herausforderungen in der Pandemie. Sandra Winter, Chefin der Stylebar in Sprendlingen und stellvertretende Obermeisterin der Friseurinnung, bemerkt eine Veränderung im Verhalten der Kunden: „Während wir im ersten Lockdown so gut wie keine Anfragen hatten, rufen inzwischen jeden Tag Kunden an, die uns darum bitten, dass wir doch zu ihnen nach Hause kommen“, berichtet die Friseurmeisterin. Das ist bei einem Berufsverbot aus Infektionsschutzgründen natürlich keine Option. Im Namen der Innung gab es sogar schon einen Brief an den Deutschen Fußballbund, dass es kein gutes Vorbild ist, wenn die Spieler der Bundesliga mit akkurat ausrasierten Scheiteln offensichtlich die Schwarzarbeit bei Friseuren fördern. „Natürlich ist es eine schwere Zeit für unseren Berufsstand und ich fürchte, besonders für kleine Betriebe wird es eng, zumal die versprochenen staatlichen Gelder einfach viel zu langsam fließen“, bedauert Sandra Winter.

Dreieicher Friseurin zahlt Gehälter für Minijobber aus eigener Tasche

„Es ist schon hart für uns“, bestätigt auch Nermin Ciftci, Inhaberin von Nevin Hair in Dreieichenhain. Sie hat Kurzarbeit für die festangestellte Kollegin beantragt, und zahlt die drei Mini-Jobber derzeit aus eigener Tasche aus den Rücklagen, um ihr Personal zu unterstützen. Die Staatshilfen wurden ihr im ersten Lockdown verwehrt, der Einspruch gegen diese Entscheidung läuft. „Ich bin einfach sehr froh, dass ich keine alleinerziehende Mama bin und mein Mann mich unterstützen kann, wenn es eng wird“, sagt die Mutter von drei Töchtern. Auch sie berichtet von vielen Kundenanrufen mit dem Wunsch nach einem Haarschnitt: „Mir tun die Kunden leid, denn wir haben Frauen, die jede Woche zum Haarewaschen und föhnen kommen, weil sie es selbst nicht mehr können. Ich muss jetzt leider sagen: Wir dürfen nicht Friseur auf Rädern spielen“, erklärt Nermin Ciftci.

Eigentlich findet sie die Schließung der Salons absurd, denn wie viele andere habe sie ein gutes Hygienekonzept umgesetzt. „Aber ich akzeptiere die Entscheidung und hoffe jetzt einfach darauf, dass wir Mitte Februar wieder starten können“, sagt Nermin Ciftci abschließend. (Nicole Jost)

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