Leben mit ihrer behinderten Tochter ist für die Eltern tägliche Herausforderung

Kämpferin von Kindesbeinen an

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Romy lacht gerne. Das Leben mit ihr sei eine wunderbare Aufgabe, sagt Vater Volker Schwetje. Aber es ist auch täglich eine Herausforderung. Die 17-Jährige kann nicht ohne Aufsicht bleiben. Das Bild entstand beim jüngsten Therapiebesuch im Schwarzwald.

Dreieich - Romy ist ein fröhlicher Teenager, mit den ganz normalen Bedürfnissen einer 17-Jährigen. Doch ihr Leben und das ihrer Eltern ist kein normales. Das Mädchen kam als Frühchen mit einer schweren Behinderung auf die Welt. Von Frank Mahn

Romy kann kaum sprechen, lernte erst mit sechs Jahren Laufen. „Das Leben mit ihr ist eine wunderbare Aufgabe“, sagt Vater Volker Schwetje. Aber es verlangt der Familie auch viel ab. „Das größte Problem ist die soziale Isolation“, schildert Andrea Herrmann-Schwetje. „Wenn Romy den Club nicht hätte, hätte sie gar nichts.“ Gemeint ist der Teenie-Club, einer von insgesamt fünf, die von der städtischen Behindertenhilfe unterhalten werden. Ausflüge, Kinobesuche, gemeinsames Kochen oder einfach nur mit anderen chillen – die wöchentlichen Treffen sind für Romy ein festes Ritual. „Da will sie uns auch nicht dabei haben“, erzählt Volker Schwetje lachend.

„Wir sind der Stadt sehr dankbar für dieses Angebot“, sagen die Eltern. Als die Stadt vor einigen Jahren Kürzungen vornahm, was vor allem zu Lasten der Freizeiten ging, ergriffen Schwetjes mit anderen Eltern die Initiative. Statt der Stadt Vorwürfe zu machen, gründeten sie einen Förderverein. Er sammelt Geld zum Kauf von Spielgeräten und zur Finanzierung der Urlaubsfahrten: Jeder Tag mehr ist ein Gewinn für die Mitglieder der Clubs – und für die Angehörigen, die nur selten eine Auszeit haben.

Um diese segensreiche Arbeit zu unterstützen, haben die Bürgerstiftung Dreieich und unsere Zeitung ihre gemeinsame Aktion unter dem Motto „Wünsch Dir was!“ dem Förderverein gewidmet. Dabei sind die Initiatoren wiederum auf Hilfe angewiesen. Sie, liebe Leser, können mit einer Spende Gutes tun und Freude schenken.

Die macht Romy ihren Eltern jeden Tag. Zum Beispiel durch ein Lächeln, denn ihr Wortschatz erschöpft sich in Mama, Papa, Oma und Opa. Aus Mimik und Körpersprache lesen die Eltern heraus, wie es ihr geht oder was sie meint. Romys Beeinträchtigung gibt den Alltagstakt vor. „Beim Zusammenleben mit einem behinderten Menschen müssen Sie alles zurückstellen“, sagt Mutter Andrea im Gespräch mit dem Redakteur. Sie ist wie ihr Mann berufstätig. Das geht nur, weil Schwetjes Arbeitgeber ihr große Flexibilität ermöglicht. Und weil Oma Anne und Opa Hans immer da sind, wenn sie gebraucht werden.

Romy sitzt mit am Tisch und isst in aller Seelenruhe. Sie kann erst kauen, seit sie elf ist, vorher konnte sie nur Brei und Flüssiges zu sich nehmen. Das Kauen hat Romy in einer Therapieeinrichtung im Schwarzwald gelernt. Dort verbringt die Familie dreimal jährlich zwei Wochen – es ist der Jahresurlaub. Sie macht dort immer wieder große Fortschritte. Dass Romy Laute von sich geben kann, ist ebenfalls den Therapeuten zu verdanken.

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Es ist ein medizinisches Wunder, dass Romy die Geburt überlebt hat. Sie wurde in der 23. Schwangerschaftswoche unter großen Komplikationen geboren. Es kam zu Hirnblutungen, ihr Sprachzentrum wurde angegriffen. Romy wog gerade einmal 560 Gramm und war 27 Zentimeter klein. Ihr Zwillingsbruder Steffen schaffte es nicht.

Romy besucht in Frankfurt die zehnte Klasse einer Schule für Förder- und Heilpädagogik. „Das Wichtigste für sie ist dort das emphatische Miteinander. Sie fühlt sich sehr wohl“, sagt Vater Volker. Nach der zwölften Klasse muss Romy die Schule verlassen. Und was dann? Sie wird einen Platz in einer geschützten Werkstatt bekommen. Aber darüber hinaus sind die Perspektiven ernüchternd. „Es gibt im Bereich Betreutes Wohnen viel zu wenig Plätze. Auch behinderte Jugendliche sollten sich irgendwann abnabeln“, sagt Andrea Herrmann-Schwetje. Auch müssten mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, ergänzt ihr Mann. Schwetjes wünschen sich mehr soziale Integration, Behinderte müssten mitten in der Gesellschaft wohnen und arbeiten – nicht in Heimen am Stadtrand. Inklusion, so ihre Erfahrung, wird in Hessen nicht umgesetzt.

Das Konto der Bürgerstiftung bei der Volksbank Dreieich hat die IBAN DE28 5059 2200 000 5059321; bitte den Hinweis „Wünsch Dir was!“ nicht vergessen. Jeder Spender bekommt eine Spendenquittung ausgestellt.

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