Kitzrettung aus luftiger Höhe

Marcus Theobald kontrolliert Wiesen vor der Mahd mittels Drohne

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Einen Hexacopter hat sich Marcus Theobald angeschafft, um vor der Mahd Tiere mit der Wärmebildkamera aufzuspüren. Tanja Schäfer von der Wildtierhilfe Dreieich findet das Engagement klasse und bietet Unterstützung an.

Sie ist leuchtend orange, gerade einmal zwei Kilo schwer und soll Tierleben retten: Die Drohne von Marcus Theobald ist ein sogenannter Hexacopter, hat also sechs Propeller und ist damit etwas leiser und sicherer als eine Drohne mit nur vier Antrieben.

Dreieich – Die Steuerungstechnik, mit der Theobald genau den Bezirk eingrenzen kann, über den die Drohne fliegen soll, fest in den Händen, sagt der Eigentümer von Schloss Philippseich schmunzelnd: „Das ist ein richtig schönes Männerspielzeug!“.

Gut, dass er bei seiner so wichtigen und sinnvollen Arbeit Spaß hat. Die Intention des gelernten Schreinermeisters und Landwirts ist ernst: Er will mit der Wärmebildkamera an Bord der Drohne Rehkitze vor dem Mähtod schützen. Erst vor drei Wochen waren bei einem solchen Unfall in Sprendlingen zwei Kitze gestorben (wir berichteten).

Seit neun Jahren bewirtschaftet Marcus Theobald die Grünflächen rund um Schloss Philippseich in Götzenhain: Er mäht die Wiesen, um die Pferde auf dem Hof mit Futter zu versorgen. Vor drei Jahren gerät ihm ein Kitz zwischen die scharfen Klingen. „Das ist etwas, das ich nie wieder erleben möchte. Das Tier hatte einen sehr schnellen Tod, aber ich habe zwei Tage nicht geschlafen“, berichtet Theobald.

Auf dem Traktor sitzend habe er keine Chance gehabt, das Kitz im Gras zu erkennen: Die Grashalme sind bis zu siebzig Zentimeter hoch, das Tier war noch klein. Die Reh-Babys haben in den ersten zwei bis drei Lebenswochen den Reflex, sich klein zu machen und liegen zu bleiben, wenn Gefahr droht. Aus diesem Grund laufen sie vor den lauten Traktor-Geräuschen nicht davon. Marcus Theobald nutzt seit dem tödlichen Kitz-Unfall so ziemlich jede Möglichkeit, die Jungtiere zu beschützen: Er stellt zwei Tage vor dem Mäh-Termin Rehkitzwarner in den Wiesen auf. Sie geben Laute ab, die die Ricken aufmerksam machen, sodass sie die Jungtiere aus der Wiese führen. Sogenannte Schallkanonen erfüllen den gleichen Zweck.

Mit der Drohne, für die er eigens einen Führerschein gemacht hat, kann der Landwirt die Wiesen vor dem Einsatz der Traktoren abfliegen. „Ich habe das vorher mithilfe einer Wärmflasche kontrolliert. Die Kamera erkennt die Wärme aus 30 Metern noch gut. Je kühler die Außentemperatur ist, desto besser funktioniert das Ganze“, berichtet der Schlossbesitzer. Das bedeutet, er muss in den kommenden Wochen häufiger früh aufstehen, denn die Heuernte steht an.

Theobald nutzt sein neues „Männerspielzeug“ nicht nur für seine Wiesen, auch die anderen Götzenhainer und Dreieichenhainer Bauern werden von seiner Drohnen-Anschaffung profitieren. Sie seien untereinander eng vernetzt, auch die Jagdpächter Erich Erdmann und Claudio Andreotti hat er ins Boot geholt. „Sie haben natürlich auch ein großes Interesse daran, dass den Kitzen nichts passiert. Sie wissen am besten, wo sich die Ricken mit den Kleinen meistens aufhalten. Und ich brauche ohnehin Helfer beim Abfliegen der Flächen“, erläutert Theobald. Denn während er die Drohne bei der Arbeit im Blick behält, muss jemand die Bilder der Wärmekamera auswerten und mögliche Tiere am Boden erkennen. Einem Kitz konnte Theobald so schon das Leben retten.

Nicht nur die jungen Rehe sollen so vor dem Mähtod bewahrt werden. Auch auf dem Boden brütende Vögel können so vor der Gefahr bewahrt werden. Da kommt dann Tanja Schäfer von der Wildtierhilfe Dreieich ins Spiel. Sie kann die Bodenbrüter umsiedeln oder im Notfall Jungtiere aufnehmen, deren Eltern sich nicht mehr am Nest blicken lassen. Sie schätzt das Engagement von Theobald: „Wir haben hier in der Gegend ohnehin nur noch wenige Bodenbrüter. Da müssen wir die wenigen unbedingt beschützen“, betont Schäfer. Sie sei so gut vernetzt, dass sie auch immer Helfer zur Kitz- oder Vogelrettung motivieren könne, wenn sie gebraucht werden.

„Leider“, sagt Schlossherr Theobald, „haben wir nie eine hundertprozentige Garantie, alle Tiere vor der Mahd zu finden. Aber wir tun alles, was wir können zum Schutz von Natur und Wildtieren.“ Der Tierschutz verlangt von dem Landwirt, dass sie noch besser planen als bislang. Bekanntlich ist bei der Ernte das Wetter entscheidend. „Ich muss jetzt circa drei Tage, bevor ich das Heu einbringen möchte, mit den Vorbereitungen beginnen“, erklärt Theobald. Das sei es ihm wert. Jetzt hofft er auf viele sonnige Tage, damit das aktuell hoch gewachsene Gras gut trocknet. Denn die Landwirte der Region brauchen nach dem schwierigen vergangenen Jahr dringend eine gute Heuernte.

VON NICOLE JOST

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