Wenn der Liebesgott zum Psychiater muss

Frauentag: Aus musikalisch-kabarettistischem Duett wird ein Solo-Abend

Da ihre Duo-Partnerin sich in Quarantäne befindet, muss Vanessa Maurischat die Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im Bürgerhaus alleine schmeißen.
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Da ihre Duo-Partnerin sich in Quarantäne befindet, muss Vanessa Maurischat die Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im Bürgerhaus alleine schmeißen.

Vereinzelt ist das Publikum mit Männern gespickt, doch die Besucher des Bürgerhauses Sprendlingen sind bei der Veranstaltung zum Internationalen Frauentag am Sonntagabend freilich vorwiegend weiblich.

Dreieich – Auch auf der Bühne ist da natürlich Frauenpower angesagt: Das kabarettistische Duo Annie Heger und Vanessa Maurischat will mit „Eine geht noch“ den Ausdruck „schwaches Geschlecht“ Lügen strafen. Doch der Name ist mehr Programm, als den Künstlerinnen lieb ist.

„Eine bleibt, eine ist bereits gegangen. Aber so komme ich wenigstens auch mal zu Wort“, nimmt Maurischat mit Humor, dass sie nun alleine auf den Brettern steht, denn ihre Spielpartnerin befindet sich in Quarantäne. Umso mehr freut sich die Wahl-Berlinerin, dass sich in Corona-Zeiten doch einige gefunden haben, die ihrem unverhofften Alleingang lauschen.

Die Musikkabarettistin bedient sich bei ihrem Auftritt nun ihres Solo-Programms „Amor & Psycho“ und bleibt dem im Titel immanenten Motto bis zum Ende der Veranstaltung treu. Denn thematisch bewegt sich das „passive Mitglied des Fitnessstudios“ ausschließlich zwischen amourösem Allerlei und dem alltäglichen Wahnsinn.

Da der Frauentag auch immer ein Plädoyer gegen Diskriminierung ist, möchte auch Maurischat die „Quotenmänner“, die an diesem Sonntag den Weg ins Bürgerhaus gefunden haben, integrieren. So gibt sie ihr Lied über die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch gleich zweimal zum Besten, wobei gewisse musikalische Ähnlichkeiten keinesfalls ein Zufall, sondern durchaus beabsichtigt sind: Für die verträumte Frauen-Variante interpretiert sie Pe Werner und übersetzt den Song dann für die anwesenden Herren in eine martialische Version à la Herbert Grönemeyer.

Überhaupt wird es an dem Abend sehr oft sehr musikalisch, was Maurischats schöner Singstimme sei Dank ein Ohrenschmaus ist. Inhaltlich jedoch wäre mehr Facettenreichtum wünschenswert, denn für Abwechslung sorgen lediglich die überraschend romantischen Töne. Entlarvt die Künstlerin eben noch humorig bekannte Gassenhauer wie „Rote Lippen soll man küssen“ als frauenfeindlich, wird sie nur wenig später gefühlvoll – ausgerechnet bei einem Lied über das Internet-Dating, wo man von einer Kabarettistin zugegebenermaßen eine böse Pointe erwartet hätte. Boshaft kann sie zwar auch, doch bedient sie sich dafür bei anderen Künstlern wie Ina Müller mit „Bitte, bitte (spring doch vom Balkon)“.

Viele (Liebes-)Themen tangiert Maurischat flüchtig, sucht nach einer Definition für die Liebe auf den ersten Blick oder analysiert das Thema Treue („Treue ist doch nur ein Mangel an Fantasie und Organisationstalent.“) anhand des Sexualverhaltens von Tieren. Einen Abstecher in die eigenen neurotischen Ticks und alternative Heilmethoden später – nach der Pause beginnt der „Psycho“-Teil des „Amor & Psycho“-Programms – neigt sich der Abend dem Ende zu, an dem man resümieren kann, dass Maurischat die ernsten Töne tatsächlich besser zu Gesicht stehen. Denn auch wenn der zu „Atemnot“ umgedichtete Schlagerhit „Atemlos“ von Helene Fischer kurzweilig ist, punktet die Musikkabarettistin mehr mit ihren tiefsinnigen Liedern.

„Ich wünsche mir eine Welt, in der uns allen wieder bewusst wird, was es heißt, ein Mensch zu sein“, spricht sie sich für Frieden, Freiheit und Gleichheit aus und verleiht ihrer Botschaft von Gleichberechtigung – nicht nur für Frauen – in der bezaubernden Ballade „Manche Menschen“ Ausdruck: „Am Anfang und am Ende sind sie doch alle gleich, ob Mann, ob Frau, Rot, Schwarz, Gelb oder Weiß.“

VON SINA BECK

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