Heiße Debatten um eiskalten Genuss

Ordnungsamt kontrolliert regelmäßig auf Bauernhof – zum Ärger der Betreiber

Heiß begehrt ist in diesen Tagen das Bauernhofeis der Familie Lenhardt. Der Verkauf ist an einige Bedingungen geknüpft. Sylvia Lenhardt (links) ist der Meinung, dass es das Ordnungsamt mit den Kontrollen übertreibt. Foto: jost
+
Heiß begehrt ist in diesen Tagen das Bauernhofeis der Familie Lenhardt. Der Verkauf ist an einige Bedingungen geknüpft. Sylvia Lenhardt (links) ist der Meinung, dass es das Ordnungsamt mit den Kontrollen übertreibt.

Auf einem Bauernhof in Dreieich wird Eis verkauft. Dabei gibt es immer wieder Streit zwischen Betreibern und Ordnungsamt.

  • Familie Lenhardt verkauft Eis in Dreieich
  • Das Ordnungsamt kontrolliert den Eisverkauf auf Einhaltung der Corona-Regeln
  • Nicht immer funktioniert alles, wie es soll

Dreieich – Die Tafel auf der Theke im Laden der Familie Lenhardt in Götzenhain weist unmissverständlich darauf hin: „Nach dem Einkauf bitte den Hof verlassen!“ In der Einfahrt lesen die Menschen in Richtung Ausgang: „Nach dem Einkauf den Hof bitte sofort verlassen!“ Sylvia und Jörg Lenhardt tun viel, um den Schutz von Kunden, Mitarbeitern und sich selbst zu gewährleisten. Der Abstand in der Warteschlange ist mit Aufklebern markiert, das Eis gibt es nur noch abgepackt in kleinen Bechern und die Kunden gehen durch eine Tür rein und eine andere raus.

Jörg Lenhardt ist in den Verkaufszeiten zwischen 15 und 18 Uhr ständig auf dem Hof unterwegs, um Kunden daran zu erinnern, das Eis doch bitte nicht auf dem Gelände zu öffnen, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Den sonst so verkaufsstarken Sonntag hält die Familie geschlossen, weil sie Sorge hat, bei dem zu erwartenden Andrang die Sicherheit nicht mehr gewährleisten zu können.

Dreieich: Ordnungsamt kontrolliert mehrmals am Tag

„Ich kann ein Buch schreiben, wenn diese Corona-Geschichte vorbei ist“, sagt Sylvia Lenhardt. Der inzwischen tägliche Besuch der Ordnungspolizei kostet sie unendlich Nerven. „Das macht mich mental wirklich fertig. In der vorletzten Woche standen die Mitarbeiter vom Ordnungsamt auf dem Hof und verboten uns, das Eis zu verkaufen.“ Nach einem Gespräch mit Bürgermeister Martin Burlon konnte das verhindert werden. Zwei Tage später kam die offizielle Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt, dass das Eis in geschlossenen Bechern über die Theke gehen darf.

Bei den Kontrollen seien die Ordnungspolizisten nicht eben freundlich – weder zu ihnen noch zu den Kunden. „Als ein Mann, dessen Frau gerade das Kind im Fahrrad festschnallte, an der Hofausfahrt sein Eis öffnete, haben sie den Vater darauf hingewiesen, dass es auf dem Hof verboten sei, das Eis zu essen. Da hat sich dann ein anderer Kunde eingeschaltet, dass der Mann ja lediglich die Verpackung geöffnet habe und man es auch übertreiben könne. Darauf entbrannte ein richtiger Streit“, berichtet die Landwirtin, „Das möchte ich natürlich auch nicht. Und jetzt zucke ich schon jedes Mal zusammen, wenn ich das Auto nur sehe – und das ist manchmal sogar öfter als nur einmal am Tag der Fall.“

Dreieich: Hofgut ist beliebtes Ausflugsziel

Dabei versuchen die Landwirte nur, ihren Betrieb am Laufen zu halten. Das meiste ruht: keine Kindergruppen, kein Cafébetrieb und keine Geburtstagsfeiern. „Wir versuchen mit den Einnahmen aus dem Hofladen, den wir ja offiziell als Erzeuger öffnen dürfen, auch unsere Mitarbeiter zu retten“, sagt Lenhardt.

Auch auf dem Hofgut Neuhof – ebenfalls ein beliebtes Ausflugsziel der Dreieicher – kennt Eigentümer Conrad Schumacher die täglichen Kontrollgänge rund um die geöffnete Backstube. „Es ist eine Herausforderung“, sagt er. „Zunächst gab es keine Kritik an den zehn Meter auseinander gestellten Bänken. Dann mussten sie weg. Bei der nächsten Kontrolle auch die Stehtische, eben alles, was Menschen lockt, auf dem Gelände zu verweilen. Ich denke schon nachts darüber nach, die Wege der Kunden und auch die der Mitarbeiter so zu gestalten, dass es keine Begegnungen mehr gibt“, berichtet der Gutsbesitzer.

Dreieich: Betreiber haben Verständnis für Kontrollen

Inzwischen ist das Wiesengrundstück hinter dem Ausflugslokal mit Flatterband abgesperrt, damit sich dort niemand mehr mit einem Stück Bienenstich in der Sonne niederlässt. Andererseits sei er sehr froh, dass es Deutschland gelinge, die Situation so gut unter Kontrolle zu halten. „Ich bin international vernetzt, Freunde aus Schweden, England und den USA sagen, sie wären jetzt gerade lieber in Deutschland“, zeigt Schumacher Verständnis für Kontrollen, wenn auch nicht unbedingt in dieser Häufigkeit.

Claudia Scheibel erklärt, die Corona-Pandemie mit den neuen Verordnungen stelle die Ordnungskräfte vor Herausforderungen. Es seien Hotspots in der Stadt identifiziert worden, die Anlass zu Überprüfungen gäben, so die Sprecherin der Stadt. Dazu gehören auch Ausflugsziele wie der Neuhof oder der Bauernhof Lenhardt. An diesen Orten gehe es auch um das Einhalten der Verordnungen durch die Anbieter. „Es hat sich mittlerweile eingespielt und es gibt weitgehend ein Verständnis aller dafür. Von Routine zu sprechen, die keiner Kontrolle mehr bedarf, wäre aber leichtsinnig“, sagt Scheibel und kündigt weitere regelmäßige Kontrollen an. Dass dies manchmal unangenehm empfunden werde, liege in der Natur der Sache.

VON NICOLE JOST

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare