Große Herausforderung

Schließung von Tagespflege-Einrichtungen stellt Senioren und ihre Angehörigen vor Probleme

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Dreieich: Die Schließung von Tagespflege-Einrichtungen stellt Senioren und ihre Angehörigen vor Probleme. (Symbolbild)

Die ganze Republik spricht von gestressten Eltern, die ihre Kinder im Homeoffice beschulen müssen, von Kleinstkindern, die möglicherweise noch wochenlang nicht betreut werden können und ja, auch von den Senioren, die in den Pflegeheimen erst langsam und unter Auflagen wieder Besuch von Familienangehörigen bekommen können.

Dreieich – Karlheinz Kaiser hat sich an die Redaktion gewandt, um auf ein anderes Problem aufmerksam zu machen, das nach seiner Meinung komplett untergegangen ist. Rund 75 000 Senioren in Deutschland werden in Tagespflege-Einrichtungen betreut, einer von ihnen ist der 93 Jahre alte an Demenz erkrankte Vater des Sprendlingers. Doch das Angebot der Tagespflege ist in Zeiten von Corona natürlich ausgesetzt. „Am Abend des 16. März habe ich den Anruf aus dem Haus Dietrichsroth erhalten, dass ab dem nächsten Morgen keine Betreuung mehr möglich ist. Sie haben uns den alten Herrn sinnbildlich vor die Tür gestellt und wir müssen sehen, wie wir zurechtkommen“, erzählt Kaiser mit einem Lächeln.

Gemeinsam mit seinen vier Geschwistern, die glücklicherweise alle im Umkreis von 15 Kilometern wohnen, bewältigt die Familie diese neue Aufgabe. Seit einigen Jahren besucht Kaiser Senior viermal in der Woche das Haus Dietrichsroth als Tagesgast. Normalerweise wird er um acht abgeholt und um halb fünf heimgebracht. Jetzt musste der Tagesablauf neu organisiert werden: „Unser Vater ist ein sehr lieber Mensch, er macht es uns leicht, hat immer ein Lächeln und einen lustigen Spruch auf den Lippen. Aber wir können ihn mit seiner Demenz- Erkrankung natürlich nicht 14 Stunden alleine lassen“, berichtet Karlheinz Kaiser aus seinem neuen Alltag als Teilzeit-Seniorenbetreuer. Er und seine Geschwister machen sich auch Sorgen um die mentale Verfassung des Vaters. „Mein Vater war Postzusteller, er braucht Menschen um sich, er liebt die Kommunikation.“

Der Bruder von Karlheinz Kaiser kümmert sich morgens um den 93-Jährigen, bleibt dann den Vormittag da und bereitet das Mittagessen zu. Am späteren Nachmittag, nach dem Arbeiten, übernimmt er die Betreuung. Wer abends noch mal nach ihm schaut, legen die fünf Geschwister in einem wöchentlich neu erstellten Plan fest.

In den ersten Wochen sei der Senior gut zurechtgekommen, jetzt werde er zunehmend unruhiger und es komme auch schon mal vor, dass er vergisst, dass er bereits zu Mittag gegessen hat und sich alleine eine zweite Mahlzeit in der heimischen Küche zubereitet.

„Nachdem die Situation inzwischen schon acht Wochen andauert und auch noch kein Ende in Sicht ist, fehlt meinem Vater nicht nur der Kontakt zu seinen ,Leidensgenossen’, sondern insbesondere die guten und anregenden Beschäftigungsangebote der Einrichtung. Das können wir als Kinder einfach nicht leisten, zumal wir selbst auch an unsere Belastungsgrenzen kommen. Die Pflege von demenzkranken Menschen ist nun einmal sehr herausfordernd“, hat Kaiser größte Achtung vor dem Pflegepersonal. Ein Gespräch mit der Heimleitung eröffnete die Möglichkeit, den Vater für ein paar Wochen in eine Kurzzeitpflege zu bringen. Bis die Bestimmungen vielleicht weiter gelockert werden. Aber diese Option wird die Familie Kaiser nicht nutzen, weil sie dem Vater die Isolation von zwei Wochen Quarantäne im Haus Dietrichsroth, die verpflichtend wäre, ersparen will.

Karlheinz Kaiser geht es darum, dass die pflegenden Angehörigen, die im Augenblick die ganze Last schultern, auch von der Politik gesehen werden. Denn sicher gebe es Fälle, in denen die Pflege nicht so gut aufgeteilt werden kann, weil die Angehörigen weit entfernt leben oder es vielleicht auch nur ein oder gar kein Kind gibt. „Die angespannte Situation der Pflegebedürftigen, die durch die zeitgleich geschlossenen Tagespflege-Einrichtungen entstanden ist, wird nach meiner Auffassung vollständig ignoriert und spielt weder in der Politik noch in der öffentlichen Wahrnehmung irgendeine Rolle. Es scheint so, als gäbe es diese Menschen und ihre Angehörigen einfach nicht“, kritisiert der Sprendlinger. Er hat die eingesparten Kosten der Pflegeversicherungen grob überschlagen: Bei 75 000 ganztags betreuten Menschen sparten die Kassen im Monat derzeit 75 Millionen Euro im Monat ein. „Da könnte eine finanzielle Hilfe für Menschen, die derzeit wegen der Pflege der Angehörigen nicht oder zumindest nicht voll arbeiten können, auch helfen“, sagt Karlheinz Kaiser.

Seine Kritik gilt ausdrücklich nicht dem Haus Dietrichsroth, die Leitung setze ja nur die Bestimmungen um. Kaiser betont auch, dass die andauernde Schließung der Tagespflege richtig war und ist. „Wir tragen diese Entscheidung für das Wohlergehen unseres Vaters zu einhundert Prozent mit.“

VON NICOLE JOST

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