Gesang ist Seelenmassage

Schwerpunkt an der Musikschule mit ganz unterschiedlichen Angeboten

+
Mit Kollegen bildet Musikschulleiter Martin Winkler (rechts) das Gesangs-Ensemble enCHANTed, das beim Jubiläumskonzert im November natürlich dabei sind wird.

„Singen“, sagt Musikschulleiter Martin Winkler, „war früher etwas für höhere Töchter. “ Im November sind es 30 Jahre, in denen Winkler die Geschicke der Musikschule leitet – ebenso lange fördert er den Gesang in Dreieich.

Dreieich – Selbst erfolgreicher Dirigent, geht es ihm um weit mehr als um „jugendliche Spitzenleistung“, wie er sagt. „Wir haben es in den vergangenen Jahren geschafft, dass der Gesang eine breite Entwicklung nimmt“, erläutert der Chef der Musikschule.

Vor 30 Jahren habe es vier Gesangsschüler gegeben: „Das nannte sich dann Opernschule“, erzählt Winkler schmunzelnd. Heute dagegen werden in den Räumen im Haus des Lebenslangen Lernens von den Gesangslehrern hervorragende Solisten unterrichtet. Derzeit sind es an die zehn, aber es gibt auch agile Seniorinnen, die mit knapp 80 ein Gesangsquartett bilden – und einfach dabei sind, weil es ihnen große Freude bereitet. „Singen ist Seelenmassage“, ist Winkler überzeugt, der Mensch kehre im Gesang sein Innerstes nach außen – eine sehr innige und zufriedenstellende Erfahrung, die er möglichst vielen ermöglichen möchte.

Er will Freude bereiten, die Sänger dort abholen, wo sie stehen. Der künstlerische Anspruch spiele dabei zunächst einmal eine untergeordnete Rolle. In den Gesang könne man in jeder Altersklasse einsteigen. „Wer mit 65 die Geige erlernt, wird nur noch wenig Freude daran haben. Aber wer regelmäßig zur Gesangsprobe kommt, kann nach drei Monaten schon einen Erfolg sehen“, ermuntert Winkler. Außerdem habe Singen einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung, es sei „unglaublich“ zu sehen, wie Menschen sich beim Singen entfalten.

„Natürlich hat jede Musikschule ihren Schwerpunkt. Martin hat nun einmal Gesang studiert und hat große Chöre mit Erfolg geleitet. Sein Ruf lockt vermehrt Sänger nach Dreieich“, weiß Ehefrau und Mitarbeiterin Kirsten Winkler-Bohnstaedt. Dieser musikalische Schwerpunkt lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Von den rund 500 Schülern widmen sich 20 Prozent, knapp hundert, dem Gesang. „Das ist weit über dem Durchschnitt“, weiß Winkler. Dabei ist er für alle Genres offen: A cappella, klassischer Gesang, Chormusik, Volkslied, Gospel oder Pop und Rock – in Dreieich gibt es die passenden Lehrer.

Ein paar Projekte haben dabei einen ganz besonderen Charakter. Da ist beispielsweise die Gesangsstunde für die InteA-Klasse der Max-Eyth-Schule. Den Unterricht mit den jungen Flüchtlingen übernimmt der Chef selbst. „Es bereitet mir große Freude, zu sehen, wie viel Interesse sie haben, mehr über unsere Kultur zu erfahren, deutsches Liedgut zu lernen und sich auch für die eigene Integration zu engagieren.“ Und auch die jungen Männer haben ihren Spaß in der Singstunde: „Ich singe zum ersten Mal in meinem Leben vor anderen Menschen. Aber es bedeutet mir viel. Es ist eine Stunde, in der ich alles vergessen kann. Die Probleme in meiner Heimat, den Stress mit meinen Deutschprüfungen, ich verpasse keine Singstunde“, sagt Zaheer Afzal aus Afghanistan.

Eine neue Kooperation freut Winkler besonders: Einmal in der Woche ist mit Fabienne Grüning eine Gesangslehrerin in der Selma-Lagerlöf-Schule, um mit den Grundschülern in Buchschlag zu singen. „Damit sind wir zum ersten Mal fest in einem Stundenplan verankert – ein großer Erfolg“, ist der Musikschul-Chef zufrieden.

Mit enCHANTed hat Winkler vor sieben Jahren ein Profi-Gesangs-Ensemble gegründet. Mit Ronny Rickfelder (Bariton), Renata Grunwalder (Sopran), Beate Leisner (Alt), Florian Bauer (Tenor) und ihm (Bass) singen fünf Musikschullehrer zusammen. „Das ist manchmal nicht ganz einfach, weil wir uns dabei auch gegenseitig coachen und singen ja auch etwas sehr Intimes ist, aber es ist eine sehr fruchtbare Arbeit“, freut sich der Musikschulleiter auf viele gemeinsame Auftritte. Auch mit enCHANTed bleibt er seiner Richtung treu. Er müsse nicht immer wieder die ganz großen Klassiker singen – viel wichtiger sei ihm die Botschaft der Musik.

Ein großes gemeinsames Konzert ist bereits in Arbeit. Anlässlich seines 30-jährigen Dienstjubiläums wird die „Salzburger Domfestmesse“ in St. Stephan gesungen. Der Musikschulchor „d‘aChor“ wird ebenso dabei sein, ehemalige Sänger, 16 Vokalsolisten von „a cappella leopolis“ (Ukraine), Vertreter der Intea Klasse – insgesamt rund 150 Sänger, die von dem 50-köpfigen Barockorchester L’arpa Festante begleitet wird. Sicher ein Genuss für Freunde der Musik, die sich schon einmal den Montag, 4. November, freihalten sollten.

VON NICOLE JOST

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare