Lebensraum für die Stadt

Stadtbücherei Sprendlingen: Mit zwei Schränken fängt es 1950 an

Klaus Leopold (rechts im Bild) ist der Gründer der Sprendlinger Bücherei und leitete die Ausleihe in den Jahren von 1950 bis 1972 ehrenamtlich.
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Klaus Leopold (rechts im Bild) ist der Gründer der Sprendlinger Bücherei und leitete die Ausleihe in den Jahren von 1950 bis 1972 ehrenamtlich.

Die Stadtbücherei in Sprendlingen wird 70. Ein Grund zu feiern und zurück zu schauen.

Dreieich – Die Bücher fein säuberlich nach Größe geordnet, das Team gut gelaunt – die Schwarz-Weiß-Fotografie, die die damalige Bücherei-Leiterin Renate Hille (damals Rauffmann) mit ihren Mitarbeitern zeigt, stammt aus den frühen 80er Jahren. Hille, die in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feierte, erinnert sich gerne: „Wir waren damals noch in dem Anbau, in dem heute die Jugendbücherei untergebracht ist. Es war ein tolles Team und wir haben viel gemeinsam erreicht. Die große Stadtbücherei, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Den Neubau haben wir erst 1989 feierlich eingeweiht“, erzählt die ehemalige Chefin über die Bücher.

Ihr Name ist untrennbar verbunden mit der Entwicklung der Sprendlinger Stadtbücherei, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Als 1950 die ersten beiden Bücherschränke im Besitz der Stadt Sprendlingen aufgebaut werden, ist sie gerade einmal zehn Jahre alt. Ihr Vater Karl Leopold, Ingenieur, Stadtverordneter und vor allem begeisterter Leser, setzt seine Idee der öffentlichen Bücherei um. „Er träumte davon, Literatur jedem Menschen in der Stadt zugänglich zu machen und kostenlos bereitzustellen“, berichtet Hille. Unterstützt wird Leopold vom damaligen Bürgermeister und späteren Landrat Jakob Heil.

Am 14. April startet das Abenteuer mit alten Bänden einer aufgelösten Gewerkschaftsbibliothek und mit Öffnungszeiten, über die die Leser heute nur schmunzeln würden: Bestseller wie Jack London gehen nur Freitagsabends zwischen halb sieben und viertel vor neun über die Theke. Immer mit dabei: die kleine Renate, die ihrem ehrenamtlich wirkenden Vater hilft. Die kommenden Jahre sind bewegt, die Stadtbücherei zieht mehrfach um: aus dem Rathaus in die Pestalozzischule, 1956 wandern die inzwischen 1 900 Bücher in einen Laden in der Gartenstraße, den zehnten Geburtstag feiert Karl Leopold in der Turnhalle der Schillerschule. Als die Bücherei 1963 wieder in die Pestalozzischule zurückzieht, gibt es schon drei Öffnungstage am Dienstag, Mittwoch und Freitag.

„Für mich war dieses Ehrenamt meines Vaters entscheidend: Ich konnte mir eigentlich nie einen anderen Beruf vorstellen, als Bibliothekarin zu werden“, sagt Hille. Sie lernt den Beruf von der Pike auf, studiert an der Hochschule der Medien in Stuttgart (wo übrigens die heutige Leiterin Doris Bohländer-Schäfer ebenfalls ausgebildet wurde) und sammelt Berufserfahrung in unterschiedlichen Bibliotheken.

1972 gibt Karl Leopold „seine Sprendlinger Bücherei“ aus den Händen. Er lässt Tochter Renate ans Ruder, die die erste professionelle und hauptamtliche Bibliothekarin von Sprendlingen wird. Am neu erbauten Bürgerhaus stehen der Bücherei 200 Quadratmeter Platz und 8 500 Medien zur Verfügung. Hille haucht der Ausleihe neues Leben ein: Es gibt Vorlesestunden für Kinder, Büchertauschbörsen und die Ausstellung prämierter Kinder- und Jugendbücher. Aber bei so viel Licht gibt es auch ein bisschen Schatten: „Wir hatten es etwas schwer. Das Bürgerhaus war DER große Kulturtempel und hatte die viel größere Lobby als die Stadtbücherei“, erzählt Hille davon, dass es nicht immer ganz leicht war, neben dem großen Gustav Halberstadt zu bestehen.

Dem Wachstum steht das aber nicht im Wege: Mit Irene Rehwald stößt 1974 eine zweite hauptamtliche Bibliothekarin dazu. Mit der Gebietsreform 1977 wird Hille die Chefin über die Dreieicher Büchereien. 1982 kam Doris Bohländer-Schäfer ins Team. Auch sie ist also schon 38 Jahre an Bord. Gemeinsam lassen sie die Bücherei groß werden. Es gibt viel Leseförderung für Kinder, Lesungen mit bekannten Autoren für Erwachsene. Renate Hille organisiert selbst die Dämmerstunde, bei denen sie für zwei Stunden am Freitagabend für literarische Unterhaltung sorgt.

1989 folgt wieder ein Meilenstein: Der Erweiterungsbau wird eingeweiht – damit ist Sprendlingens Stadtbücherei 1000 Quadratmeter groß, hat mit der schönen Galerie einen perfekten Veranstaltungsort und bietet auf drei Ebenen ganz viel Service. Die Leserzahlen explodieren, es entstehen erste Arbeitsplätze für Schüler, seit 1999 sitzen auch die Mitarbeiterinnen an PC-Arbeitsplätzen. Die Bücherei wird zum Lebensraum in der Stadt. 2000 feiert das Team den 50. Geburtstag der Bücherei mit einer ganzen Serie von Veranstaltungen – und läutet langsam auch den Abschied ihrer langjährigen Chefin ein. „Mit der Einführung der EDV im Laufe der 90er Jahre wurde ich nie so richtig warm. Meine Zeit war irgendwie gekommen, Abschied zu nehmen“, berichtet sie von einer wehmütigen, aber auch schönen Abschiedsfeier 2001, nach der Bohländer-Schäfer die Zügel übernimmt. Die Chefin will die 70 Jahre der Bücherei angemessen feiern – „Vermutlich müssen wir Corona-bedingt 70 plus eins feiern“, kündigt sie eine Verschiebung auf 2021 an. Von Nicole Jost

Sie schwelgen in Erinnerungen: Doris Bohländer-Schäfer (links) und Renate Hille betrachten alte

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