Bürgerhaus-Programm

Theaterstück „Abschiedsdinner“ auf der Kippe ‒ Kunst des Improvisierens ist gefragt

„Das Abschiedsdinner“ im Bürgerhaus Dreieich
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„Das Abschiedsdinner“ entwickelt sich ganz anders als geplant. Saskia Valencia, Michael von Au und Ralf Komorr liefern sich wunderbare verbale Scharmützel.  

Etwa 200 Besucher amüsierten sich am Montagabend bei der Komödie „Das Abschiedsdinner“ im Bürgerhaus in Dreieich. Turbulent ging es nicht nur auf der Bühne zu.

Dreieich – Hinter den Kulissen rotierte Betriebsleiter Benjamin Halberstadt bis zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn – am Mittag hatte die Landesregierung die Corona-Regeln verschärft. Wer in der Veranstaltungsbranche arbeitet, muss improvisieren können. Doch selbst ein erfahrener Kulturmanager wie Halberstadt gerät momentan ab und an ins Schwimmen. Am Montag hieß es zunächst, ab einem Inzidenzwert von 50 seien bei öffentlichen Veranstaltungen in Hessen „ab sofort“ nur noch 100 statt wie bisher 250 Teilnehmer zugelassen. Für die Komödie am Abend waren 234 Karten verkauft worden. Jetzt war guter Rat teuer. Halberstadt setzte sich mit dem Pandemiestab der Stadt in Verbindung und bekam von Bürgermeister Martin Burlon gegen 17.45 Uhr grünes Licht für die Vorstellung, wie sie geplant war. Die Stadt hatte die neue Verordnung des Landes noch nicht vorliegen, konnte sie mithin auch nicht umsetzen.

Dem Bürgerhauschef fiel ein Stein vom Herzen. Hätte die neue Regelung gegriffen, hätte er die Vorstellung vermutlich abgesagt. „Bei uns haben zahlreiche Leute angerufen und gefragt, ob gespielt wird“, berichtet Halberstadt. Am Abend blieben etwa 30 Stühle leer. „Ich hatte mit mehr Leuten gerechnet, die nicht kommen.“ Im Abo-Bereich sind’s normal so um die fünf Prozent, die bei einer Vorstellung fehlen. Am Montag waren’s 15 Prozent. „Ich freue mich, dass viele unserem Hygienekonzept vertrauen, aber einige sind halt verunsichert und bleiben zu Hause“, sagt Halberstadt.

Wenn heute Abend die Musikerin Jelena Poprzan auftritt, sind 100 Zuhörer zugelassen. Die Karten sind alle weg, zehn Musikfreunde mit Reservierungen müssen vom Bürgerhausteam vertröstet werden. Das ist noch überschaubar, aber das Gastspiel des Kabarett- und Comedy-Duos Ohne Rolf nächste Woche bereitet Halberstadt heftiges Kopfzerbrechen. 235 Tickets sind abgesetzt. Heißt: ausverkauft. „Die Show kann man aber nicht trennen. Die brauchen zwei Stunden Spielzeit. Soll ich 140 Leute ausladen oder die Plätze verlosen?“ Die Entscheidung steht noch aus. Bei einer Absage bekämen die Künstler eine Ausfallgage und die Kartenkäufer ihr Geld zurück. Ohne Rolf würden dann in der nächsten Spielzeit nach Sprendlingen kommen.

Besser sehe es bei Philipp Weber aus. Auch dessen Gastspiel am 14. November ist ausverkauft, aber der Kabarettist könnte nach Halberstadts Worten vielleicht zweimal auftreten. Das wäre auch von daher gut machbar, weil’s an einem Samstag ist.

Der Betriebsleiter der Bürgerhäuser hat Verständnis für die Corona-Restriktionen zum Schutz vor Infektionen. Er wünscht sich aber ein bisschen mehr Differenzierung. „Es gibt keinen Grund dazu, unsere Branche weiter zu beschneiden. Durch Kulturveranstaltungen sind die Zahlen nicht gestiegen“, sagt Halberstadt. „Wir als Profis sind in der Lage, Konzepte beispielsweise zur Hygiene 1a umzusetzen. Wenn nicht wir, wer dann?“ Natürlich könne eine Ansteckung nicht ausgeschlossen werden, aber die Gefahr sei vergleichsweise gering.

Und wie gut, dass das Stück am Montag nicht gecancelt werden musste. Saskia Valencia, Michael von Au und Ralf Komorr sezierten das Thema Freundschaft auf pointierte Art. Zur Freude des Publikums, das dankbar lange Applaus spendete. (Frank Mahn)

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