Ballungsraum lechzt nach mehr

Sommerserie: Weg des Wassers von der Förderung bis in den Haushalt und ins Klärwerk

Aus acht von zwölf Tiefbrunnen fördern die Dreieicher Stadtwerke das kostbare Nass. Ein Teil des Trinkwassers für die Einwohner muss der Energieversorger hinzukaufen.
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Aus acht von zwölf Tiefbrunnen fördern die Dreieicher Stadtwerke das kostbare Nass. Ein Teil des Trinkwassers für die Einwohner muss der Energieversorger hinzukaufen.

Es zählt zu den Selbstverständlichkeiten im Alltag, über die man sich kaum Gedanken macht. Das Aufdrehen des Wasserhahns genügt und schon fließt das wertvolle Nass. Doch so einfach ist die Sache natürlich nicht. Mit der Selbstverständlichkeit sind etliche Vorgaben und einiges an Arbeit verbunden.

Dreieich – In unserer Sommerserie beschreiben wir den Weg des Wassers – von den Brunnen im Wald über das Wasserwerk, Hochbehälter und Leitungen bis in den Haushalt und ins Klärwerk. Zum Auftakt geht es um die Voraussetzungen, Trinkwasser überhaupt zur Verfügung stellen zu können. Und das ist auch ein Politikum, wie das Gespräch mit Steffen Arta, Geschäftsführer der zuständigen Stadtwerke, zeigt.

Im vergangenen Jahr lag der Wasserverbrauch in Dreieich bei 3,035 Millionen Kubikmetern. Hinzu kommen noch Löschwasser und eine Menge an Eigenbedarf, um Kanäle zu spülen. „Wir haben 3,3 Millionen Kubikmeter Wasser benötigt“, rechnet Arta vor. Dafür stehen in Dreieich zwei Bezugsquellen zur Verfügung – zum einen fördern die Stadtwerke das Wasser aus acht Tiefbrunnen im Wald, zum anderen gibt es einen Bezugsvertrag mit dem Zweckverband Wasser für Stadt und Kreis Offenbach (ZWO). Er sichert die Versorgung von Offenthal, aber auch von Teilen von Götzenhain und Dreieichenhain.

Denn das ist eine Besonderheit der Stadt. Als die Infrastruktur für die Wasserversorgung im 20. Jahrhundert entstand, war von der Gebietsreform 1977 noch keine Rede. So kommt es, dass es wassertechnisch keine Verbindung von Sprendlingen, wo das Wasserwerk angesiedelt ist, in den Stadtteil Offenthal gibt.

„Es ist schön, dass wir aus eigenen Brunnen fördern können“, betont Arta. Doch das geht nicht grenzenlos. Die Menge, die entnommen werden darf, wird durch das jeweils für 20 Jahre geltende Wasserrecht geregelt. Und dafür ist das Regierungspräsidium zuständig. Momentan dürfen die Stadtwerke 2,3 Millionen Kubikmeter jährlich fördern und eine Million vom ZWO beziehen. Das sind die aktuell benötigten 3,3 Millionen. „Wir sind heute schon bei 100 Prozent“, merkt der Stadtwerke-Chef an.

Was passiert, wenn Dreieich auf Dauer mehr Wasser benötigt? Durch den Bevölkerungszuwachs im Ballungsraum ist das eine Frage, vor der alle Kommunen der Region stehen. Im Rekordjahr 2018 mit seinen lange anhaltenden Hitzeperioden ist das Limit bereits überschritten worden, was aber aufgrund der klimatischen Bedingungen in diesem Jahr erfreulicherweise keine Konsequenzen hatte.

„Wir könnten über unsere Brunnen durchaus mehr Wasser beziehen“, betont Arta. Denn diese fördern aus tief gelegenen Grundwasserschichten und haben so keine Auswirkungen auf den darüber liegenden Wald. Auch wenn es dort reichlich Grundwasser gebe, seien die Auswirkungen weiter entfernt beim im Neu-Isenburger Stadtwald gelegenen Gehspitzweiher zu spüren, was verhindert werden soll. Denn es handelt sich dabei um kein natürliches Gewässer, sondern um einen renaturierten Baggersee.

Arta spricht von einer großen Herausforderung: „Denn der Bedarf an Trinkwasser geht in einem wachsenden Ballungsraum nicht zurück – eher im Gegenteil.“ Wassersparen ist seiner Ansicht nach auch keine Alternative, da seien die Möglichkeiten so gut wie ausgereizt. So seien die Haushaltsgeräte heute wesentlich wasserschonender als früher. In den 90er Jahren habe der Verbrauch noch bei 150 Litern pro Kopf und Tag gelegen, heute bei 120. „Da ist der Boden erreicht“, so Arta. Eine Möglichkeit sieht er noch durch den Bau von Zisternen in möglichen Neubaugebieten.

Dreieich könne auch nicht auf andere Versorger wie das unter anderem für Frankfurt zuständige Hessenwasser bauen, da die entsprechenden Leitungen fehlen. Auch vom ZWO könne wegen dessen Wasserrechten nicht mehr bezogen werden.

Arta fordert – wie andere in dem Bereich – vielmehr eine Priorisierung der Versorgung durch Trinkwasser, auch auf Kosten anderer wie Landwirtschaft oder Naturschutz. Dann müsste in Kauf genommen werden, dass die Flachwasserzone des Gehspitzweihers größer werde. Auch die Landwirte werden alles andere als begeistert sein.

Für das neue Wasserrecht für Dreieich, das ab dem kommenden Jahr gelten soll, haben die Stadtwerke einen Bedarf von 2,4 Millionen Kubikmetern zur Förderung angemeldet. Da fehlt noch der entsprechende Beschluss. Doch Arta glaubt, dass das Problem bei der Behörde angekommen ist.

Sollte es zu weiteren heißen Jahren mit einem hohen Wasserverbrauch wie 2018 und 2019 kommen, steht der Stadt die in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken von den Stadtverordneten beschlossene Gefahrenabwehrverordnung zur Verfügung. Damit könnten im Ernstfall in heißen Sommern die Gartenbewässerung und Swimmingpools untersagt werden. Arta hofft natürlich, dass diese nicht zur Anwendung kommen muss. Für dieses Jahr sieht er keine Probleme. 2020 sei bisher ein ganz normales Jahr ohne anhaltende Hitzeperioden, in dem es auch immer mal wieder regne. (Holger Klemm)

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