Für Kulturpreisträger ist die Beschäftigung mit Geschichte kein Selbstzweck

Dr. Wilhelm Ott weiß die Gegenwart zu schätzen

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Im Garten von Dr. Wilhelm Ott finden sich zahlreiche steinerne Erinnerungen an die Geschichte. Der Grenzstein, den der Kulturpreisträger in Händen hält, soll im Heckenborn seinen Platz finden.

Dreieich – Wer den Garten von Dr. Wilhelm Ott in der Gartenstraße in Sprendlingen betritt, sieht gleich mehrere schön arrangierte Steine. Dazu zählen neben Grenzsteinen auch Fundstücke an Bahnlinien oder Abbruchhäusern, Stelen und künstlerisch bearbeitete Sandsteine. Von Holger Klemm

„Durch diese Steine erfahren Sie gleich mehr über mich“, sagt der Heimatforscher und frisch gebackene Kulturpreisträger, der sich diesen durch seine zahlreichen Aktivitäten zur Bewahrung der Geschichte redlich verdient hat.

„Der Kulturpreis ist für mich eine Anerkennung für eine zehnjährige Arbeit, die ich aus Spaß an der Freude mache“, betont Ott, der seit 2014 Vorsitzender der Freunde Sprendlingens ist und mit diesen einiges auf die Beine gestellt hat.

Anstoß war ein Artikel von Martin Kaltenbach in einem Jahresband der „Landschaft Dreieich“ über die Ysenburgisch/Hessen-Darmstädtische Grenze von der Gehspitz bis nach Dreieichenhain. Schon als Junge ist der gebürtige Sprendlinger auf einige Grenzsteine gestoßen, ohne damit viel anfangen zu können. Der Artikel brachte ihn dazu, die damit verbundene interessante Geschichte herauszufinden.

Dabei blieb es nicht. Er schloss sich den Grenzsteinobmännern an, die im Namen der Landesverwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation aktiv sind, und übernahm den Westkreis. „Die Aufgabe ist im Prinzip erledigt“, sagt Ott und zeigt auf eine Karte auf seinem Computer mit den von ihm erfassten und dokumentierten Grenzsteinen. Insgesamt sind es mehr als 1 000, die Landes- und Gemarkungsgrenzen, aber auch private Grundstücke kennzeichneten.

Längst umfasst die Beschäftigung mit der Historie nicht nur Steine. Das Spektrum reicht von der Wiederentdeckung des Grünen Borns bei Götzenhain über die Erinnerung an die Juden in Sprendlingen und der jüngsten Rekonstruktion eines Mordfalls bis zur Dokumentation über die Flakstellungen bei Neu-Isenburg „Ich habe mir früher nicht vorstellen können, wie spannend Heimatforschung sein kann“, erzählt der Chemiker im Ruhestand, der in der pharmazeutischen Industrie tätig war und unter anderem in den USA lebte.

Diese Fensterbögen fand Ott beim Abbruch der Wurstfabrik Müller.

Die Beschäftigung mit der Geschichte ist für ihn kein Selbstzweck. „Man kann die Gegenwart schätzen lernen und Schlüsse für die Zukunft ziehen“, so der 72-Jährige. Er erinnert an die kleinen Leute, die Bauern und Handwerker, die früher mit ihren Abgaben für das luxuriöse Leben einer kleinen Oberschicht sorgen mussten. Dafür steht in direkter Umgebung das Schloss Philippseich, für das arme Dörfer aufkommen mussten. Als die Tochter eines Grafen heiratete, wurde eigens eine Sondersteuer, eine „Fräuleinsteuer“, erhoben. Beeindruckend war für ihn die Beschäftigung mit den Flakstellungen bei Neu-Isenburg und die Gespräche mit den Zeitzeugen über ihre erschütternden Erlebnisse. Die Schrecken der Vergangenheit zeigen nach Meinung von Ott, wie wichtig die Weimarer Verfassung war und das Grundgesetz ist. Sicherlich habe die Landschaft Dreieich nicht im Fokus der „großen“ Geschichte gestanden. Doch man kann auch da einiges entdecken und aufzeigen – wie an jedem Wohnort.

Der Heimatbegriff hat für Ott etwas Schillerndes: „Ich spreche gerne von einer Zwiebel.“ Die erste Schale stehe für das Unterdorf, die anderen für Sprendlingen, Dreieich, die Landschaft Dreieich und das Rhein-Main-Gebiet. Ott lebt gerne in Dreieich und spricht von einer vielfältigen Stadt mit vielen Angeboten, guter Infrastruktur und viel Natur. Er schätzt auch die politische Atmosphäre. „Man kann unterschiedlicher Meinung sein und sich trotzdem schätzen.“

Überhaupt findet Ott die Unterstützung für die Heimatforscher vonseiten der Städte und der Stadtarchive sehr positiv. Auch wenn die Beschäftigung mit Geschichte einen Acht-Stunden-Tag bedeutet, hat sich Ott seine Neugier bewahrt und zahlreiche Ideen, die er mit anderen Heimatforschern und Geschichtsvereinen angehen möchte. Ein aktuelles Projekt der Freunde Sprendlingens ist der geplante Brunnen im Heckenborn. Ein weiterer Wunsch ist es, die Ysenburger Grenze vom Gehespitz bis zum Rutschbach deutlich zu machen. Auf seiner Homepage „Steine in der Dreieich“ schreibt er monatlich über „Neues aus der Vergangenheit“ – wie aktuell über eine bislang wenig beachtete Abbildung des Herrenhauses auf Philippseich.

So leben wir nachhaltiger

Mit der Verleihung des Kulturpreises hofft er auf mehr Aufmerksamkeit für die Freunde Sprendlingens, damit es vielleicht doch noch klappt, die 100er Marke bei den Mitgliedern zu knacken. Momentan sind es um die 60. Neben der Geschichte findet Ott noch Zeit für sein anderes Hobby, das Motorradfahren. „Und ich habe vier Enkel.“

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