Wunderbare Fabeln mit vielen schrägen Vögeln

Walter Renneisen widmet sich auf der Parkterrasse auf amüsante Art allem, was kreucht und fleucht

Walter Renneisen unterhält das Publikum mit tierischen Fabeln, Geschichten und Gedichten.
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Walter Renneisen unterhält das Publikum mit tierischen Fabeln, Geschichten und Gedichten.

Eigentlich hatte Walter Renneisen sein Programm ja mit Drehorgel und Gesang geplant – beides fiel coronabedingt flach. Umso mehr freute sich das Publikum im Bürgerhaus Sprendlingen, dass sich im Rahmen von „Luft & Liebe“ wenigstens der Auftritt des geschätzten Rezitators hatte retten lassen.

Dreieich – Und so lud Renneisen am Freitagabend auf der Parkterrasse dazu ein, die Welt mit einem lachenden Auge zu betrachten und sich, der widrigen Umstände zum Trotz, wenigstens einen Abend lang zu amüsieren.

Für „Tierisch satirisch“ versammelt der bekannte Schauspieler alles, was die Tierwelt zu bieten hat – von Fontanes altem Marabu über Wilhelm Buschs Finken und Heinz Erhardts polyglotte Katze bis hin zu James Thurbers unsichtbarem Einhorn. Den Auftakt aber macht einer, dessen Scharfzüngigkeit bis heute ungeschlagen ist und der die Menschheit als das entlarvte, was sie ist: eine leidlich entwickelte Spezies, die ihre Abstammung vom Affen nur allzu gern vergisst. „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen“, spottete Erich Kästner anno 1932.

Von Kästner geht es in die Antike, und da darf natürlich einer nicht fehlen: der für seine tiefsinnigen Fabeln bekannte griechische Dichter Aesop. Ihm – was Stil und Moral der tierischen Geschichten angeht – recht ähnlich, ist James Thurber, aus dessen Feder vier Kurzgeschichten stammen. Von dem hierzulande nur wenig bekannten US-Satiriker bringt Renneisen unter anderem „Das Einhorn“ zu Gehör, eine Geschichte, die vor allem die männlichen Zuschauer schmunzeln lässt.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, darf Robert Gernhardt nicht fehlen, dessen Parabel vom ehrgeizigen Uhu, der den Hasen im Wettlauf besiegen will, einmal mehr verdeutlicht, wie gut es der unvergessene Frankfurter verstand, Humor und Weisheit miteinander zu verbinden. Doch nicht nur Maden, Mastodons und Möpse versammeln sich an diesem Abend, auch an Drachen und Rittern herrscht kein Mangel. So gibt Renneisen Otto Sommerstorffs Ballade vom unromantischen Ritter „Kunz von Wendelstein“ zum Besten, der angesichts des fortgeschrittenen Alters der zu rettenden Jungfrau kurzerhand den Drachen ungeschoren lässt, und widmet sich dann mit „Ritter Fips“ und anderen Erhardt-Gedichten ausführlich dem Komiker, dessen Schüttelreime viele ältere Zeitgenossen bis heute mitsprechen können. Zwischendrin hat Goethes „Erlkönig“ einen kurzen Auftritt, in verballhornter Form freilich, bevor es mit Wilhelm Busch und einem Hühnerstall voll Federvieh weitergeht.

Heinz Erhardts „Made“, eine gleichmütig käuende Kuh, eine bellende Katze – es ist eine seltsame Tierschar, die Renneisen bei seiner Reise durch die Tierliteratur ausgegraben hat, aber sie zeigt: Witze machen lässt sich über alles, und je kürzer der Reim, desto besser die Pointe!

Und weil gute Literatur in der Regel auch lehrreich ist, erfahren die Zuschauer an diesem lauen Sommerabend, warum der Buchfink so belesen ist. Sie bekommen erklärt, warum ein Kabeljau einen Hai immer nur einmal trifft und lernen, dass das Reh deshalb so hoch springt, weil es so viel Muße hat. Dank Bertolt Brecht um die Erkenntnis reicher, dass ein Pferd ohne Intellekt es durchaus zum Politiker bringen kann, begegnen sie am Ende einer Kellerassel im Schlamassel und lachen über Ernst Jandls unbeholfenen Mops, bevor sie Christian Morgensterns von Renneisen als „Vegetarier-Gedichte“ deklarierten Reimen lauschen. Dass das „Ästhetische Wiesel“ und der vom Dorfschullehrer nur mäßig gebeugte Werwolf da nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst.

Schön, dass Gastgeber und Künstler trotz Pandemie diese kleine Auszeit möglich machten. (Von Maren Cornils)

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