Dreieicher Bilderstreit

Abdullah Öcalan
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Das 1993 entstandene Corpus Delicti mit dem Gesicht von Abdullah Öcalan.

Dreieich - Große Aufregung um ein kleines Foto und um ein noch kleineres Motiv innerhalb dieses Fotos. Sogar von „Skandal“ war die Rede. Von Klaus Hellweg

In der türkischen Boulevard-Zeitung „Türkiye Avrupa“ war gar nachzulesen, dass die Stadt Dreieich die Freundschaft zwischen dem deutschen und türkischen Volk gefährde, weil sie im Rathaus ein Porträt des türkischen Staatsfeindes und Terroristen Abdullah Öcalan ausgehängt habe.

Öcalan wurde 2002 als Führer der auch in Deutschland verbotenen kurdischen PKK wegen Hochverrats und Bildung einer terroristischen Vereinigung zunächst zum Tode verurteilt, später wurde das Urteil in eine lebenslange Haft umgewandelt. Und das Porträt eines solchen Mannes hängt im Dreieicher Rathaus aus?

Was war geschehen? Irgendwann Anfang März hielt sich ein Mann türkischer Abstammung im zweiten Stock des Sprendlinger Verwaltungsgebäudes auf. Es heißt, er habe sich um die Stelle als Hilfspolizist bewerben wollen, doch das wird im Rathaus nicht bestätigt.

Fotografie einer Litfaßsäule in Frankfurt

Dabei muss ihm ein gerahmtes Foto etwa in der Größe von 13 mal 18 Zentimetern aufgefallen sein, versehen mit der Nummer 168. Es handelt sich um ein Bild mit künstlerischem Anspruch, angefertigt von dem inzwischen verstorbenen Fotografen Wolfgang Bagus. Bagus hatte in Buchschlag gelebt und war im Alter nach Frankfurt umgezogen.

Seinen fotografischen Nachlass hatte seine Familie der Stadt Dreieich als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Das war im Jahr 2005. Bürgermeister Dieter Zimmer: „Wir haben die Bilder gerne ausgehängt, denn es sind Arbeiten eines Dreieicher Künstlers, die es verdienen, einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.“

So hing dieses Bild - die Fotografie einer Litfaßsäule in Frankfurt - neben vielen anderen Bildern an den Wänden der zweiten Rathaus-Etage. Sechs Jahre lang und ohne alle Anstände.

Zwölf Millimeter großer Kopf von Öcalan

Bis eben im vergangenen Monat jener türkische Mitbürger ins Rathaus kam und feststellte, dass auf diesem 13 mal 18 Zentimeter großen Kunstfoto ein zwölf Millimeter großer Kopf des verurteilten Kurdenführers Abdullah Öcalan zu erkennen ist - als Motiv eines Plakates, das an die von Bagus abfotografierte Litfaßsäule geklebt war. Damit ging der Ärger los.

Besagter Türke setzte sich mit dem Dreieicher Ausländerbeirat in Verbindung, der dann seinerseits einen seiner türkischen Vertreter ins Rathaus schickte. Zusammen mit ihm suchte Stephan Heegen, Ressortleiter bei der Stadtverwaltung, nach dem Corpus Delicti. Man streifte durch die Rathausflure, aber man fand nichts. Vielleicht auch deshalb nicht, weil anfangs die Rede davon war, Dreieich habe ein Plakat (!) mit dem Antlitz des PKK-Terroristen Öcalan öffentlich ausgehängt. Ein solches Plakat gab es nicht.

Mehr Erfolg brachte dann Tage später eine zweite Suche, als nämlich der Vertreter des Ausländerbeirates mit detaillierteren Angaben aufwarten konnte. Man fand das Bild Nummer 168 mit dem zwölf Millimeter großen Kopf Öcalans am oberen Rand.

Türkische Zeitung bauscht „Skandal“ auf

Damit war dann eine Lawine des Entsetzens losgetreten. Von einem Angriff auf die Freundschaft zwischen den Völkern war die Rede, die türkische Presse griff den „Skandal“ auf.

Reichlich verschreckt entfernte die Stadt das inkriminierte Foto. Die türkische Gazette aber bauschte die Angelegenheit auf, rückte mit Reportern im Rathaus an, um dann Bürgermeister Dieter Zimmer so zu zitieren: „So etwas wird niemals wieder vorkommen.“

Die Zeitung unterrichte ihre Leser ausführlich darüber, wie die Stadt mit diesem ihrer Meinung nach so skandalträchtigen Vorgang umgegangen ist: „Bürgermeister Dieter Zimmer berief wegen der Empörung der Bürger eine Sitzung ein. An dieser Sitzung nahmen teil der Vorsitzende des Eyüp-Moschee-Vereins, Herr Sefa Sahin, der zuständige Mitarbeiter des Vereins für religiöse Angelegenheiten, Herr Semsettin Bostanci, Büroleiter Stephan Heegen, die Integrationsbeauftragte Karin Scholl und der Vorsitzende des Ausländerbeirates, Betül Gülmez-Götzmann.“

Dieter Zimmer enttäuscht und verärgert

Ergebnis laut türkischem Zeitungstext: Damit der türkisch-deutsche Dialog nicht leide, habe die Stadt das Bild sofort abgehängt.

Dieter Zimmer selbst empfindet den Vorgang als ein wenig aufgebauscht. Nie und nimmer hätte man dieses künstlerisch gestaltete Bild des Buchschlagers Wolfgang Bagus aufgehängt, wenn man den Mini-Öcalan auf ihm entdeckt hätte. Mit Enttäuschung und Verärgerung reagiert er darauf, dass man auf türkischer Seite anfangs behauptet habe, im Rathaus hänge ein Öcalan-Plakat.

Und der Vorsitzende des Moschee-Vereins? Sefa Sahin äußert sich in der Gazette „Türkiye Avrupa“ so: „Wir alte und junge Türken halten uns in dieser Region an Regeln und Gesetze. In Angelegenheiten, in denen wir empfindlich reagieren, erwarten wir vom deutschen Staat auch Verständnis.“ Und wenn es nur um eine zwölf Millimeter große Abbildung geht, die zudem noch Teil einer künstlerischen Arbeit eines Buchschlagers darstellt.

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