„Bekommen keine klare Aussage“

Familie fühlt sich im Stich gelassen: Zwillinge (2) noch immer ohne Kita-Platz

Im heimischen Garten: Lukas Stegmann und seine Frau Natalie wünschen sich für die Zwillinge Marisa und Melina dringlichst zwei Kitaplätze. Die große Schwester Klara geht bereits in den Kindergarten.
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Im heimischen Garten: Lukas Stegmann und seine Frau Natalie wünschen sich für die Zwillinge Marisa und Melina dringlichst zwei Kitaplätze. Die große Schwester Klara geht bereits in den Kindergarten.

Familie Stegmann aus Dreieich bei Offenbach sucht verzweifelt Kita-Plätze für ihre Zwillinge. Doch niemand hilft ihnen. Der Ärger ist riesig, die Stadt redet sich raus.

Dreieich – Die fast drei Jahre alten Zwillinge Melina und Marisa toben durch den Garten des Reihenhauses im Sprendlinger Norden. Immer wieder rufen sie nach ihrer Mama, sie solle ihnen die Hand beim Rutschen halten, ein Polster hinlegen, damit die Landung weich ist, oder helfen, dem Einhorn den Sand aus der Mähne zu waschen. Auch die ältere Schwester Klara (5) rutscht, schaukelt und spielt gut gelaunt im Sand. „Ja, bei uns wird es nie langweilig“, sagt Vater Lukas Stegmann mit einem Blick auf seine Mädels.

Gemeinsam mit seiner Frau Natalie ist der Familienvater im Januar 2017 aus Frankfurt nach Dreieich gezogen. „Wir haben uns die Suche nach einem Haus nicht leicht gemacht und Dreieich sehr gezielt ausgesucht, weil es hier eine tolle Infrastruktur an Schulen und Kitas gibt“, erklärt Stegmann, „und die Suche nach Kitaplätzen in Frankfurt aussichtslos schien“, ergänzt er. Bei Tochter Klara gab es kleine Verzögerungen, das Mädchen bekam aber mit dreieinhalb Jahren einen Platz in einer städtischen Einrichtung. Die Zwillinge werden im August drei und sind längst fristgerecht zur Kinderbetreuung angemeldet. Natalie Stegmann hat als Wirtschaftswissenschaftlerin ihrem Arbeitgeber ihre Arbeitskraft als Finanzanalystin nach mehr als fünf Jahren Elternzeit zugesagt.

Dreieich bei Offenbach: Stadtverordneten streichen wichtige Regel

Dann kam die Hiobsbotschaft aus dem Dreieicher Rathaus: Es wird in diesem Sommer keine Plätze für die Mädchen geben. In dem Brief aus dem Fachbereich Kinderbetreuung erläutert die Verwaltung, dass sie der Familie den Rechtsanspruch auf die Plätze nicht abspreche, aber keinen Betreuungsplatz anbieten könne. Lukas Stegmann hat seitdem alle Hebel in Bewegung gesetzt. Er steht im Mailverkehr mit dem Fachbereich, mit Bürgermeister Martin Burlon und hat sich an das Jugendamt des Kreises in Dietzenbach gewandt, das für den Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze zuständig ist.

„Ich ärgere mich, fühle mich benachteiligt und bin auch sehr enttäuscht. Ich dachte, es gibt die Regelung, dass Geschwisterkinder Vorrang haben und auch Mehrlingsgeburten bevorzugt werden, so sagte uns das die Einrichtungsleitung im Kindergarten unserer Großen“, erzählt der Familienvater. Diesen Vorrang bei Mehrlingsgeburten gab es – er ist aber aus der neuen, im November 2020 von den Stadtverordneten beschlossenen Kitasatzung herausgenommen worden.

Dreieich bei Offenbach: Familie ärgert sich über mangelnde Kommunikation

Aus dem Kreis bekamen die Stegmanns die Rückmeldung, dass das Jugendamt bei der Stadt Dreieich nachgefragt habe und es derzeit keine verfügbaren Kindergartenplätze gebe. Die Familie fühlt sich alleine gelassen: „Wir bekommen keine klare Aussage, wann die Chance auf einen Platz besteht. Wir haben keine Planungssicherheit und ich habe den Job im Sommer zunächst einmal abgesagt“, berichtet Natalie Stegmann. Lukas Stegmann ergänzt, er habe auch nicht den Eindruck, dass die Stadt alles tue, um dem großen Bedarf an Betreuungsplätzen gerecht zu werden. Die Familie befürchtet, dass ihre Zwillinge erst im Sommer 2022 – mit vier – einen Platz bekommen. In den Augen der Eltern ist das auch aus entwicklungspädagogischer Sicht ein Problem. Das Paar ärgert sich über die mangelnde Kommunikation der Behörden.

Die Stadt hat vor allem ein personelles Problem. Auf der Warteliste für den Ü3-Bereich stehen 150 Kinder. Die Pressesprecherin der Stadt, Claudia Scheibel, teilt mit, dass gesamtstädtisch 5,4 Stellen nicht besetzt sind – klingt gar nicht so schlecht. Bei der Berücksichtigung der zurzeit nicht ausgelasteten, aber dringend benötigten Plätze, stellt sich die Situation allerdings anders dar. Um alle in absehbarer Zeit neu geschaffenen Plätze (Heckenborn: 48 U3-Plätze, Am Wilhelmshof: 100 Ü3-Plätze, Winkelsmühle: 36 U3-Plätze, Gravenbruchstraße: 66 Ü3-Plätze) auslasten zu können, fehlen der Stadt zusätzlich zwischen 22 und 24 Vollzeitkräfte.

Während Natalie Stegmann sich darauf einrichtet, dass Marisa und Melina erst im nächsten Jahr in den Kindergarten gehen, will der Vater das nicht so stehen lassen und zieht auch eine Klage gegen den Kreis Offenbach ernsthaft in Betracht. (Nicole Jost)

Zuletzt wurde der Kreis Offenbach zu einem hohen Schadensersatz verurteilt. Eine Mutter hatte geklagt, weil ihr Kind im Kreis Offenbach keinen Kita-Platz bekommen hatte.

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