Dreieicher engagiert sich

Neue Heimat für Tschernobyl-Opfer

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Edith und Erhard Haller engagieren sich seit fast zwölf Jahren für den Verein Heim-statt Tschernobyl, der weißrussischen Familien hilft, eine neue Heimat zu finden.

Dreieich - Seit fast zwölf Jahren engagiert sich Erhard Haller für den Verein Heim-statt Tschernobyl. Mit vielen anderen Helfern aus Deutschland und Weißrussland hat er es Familien ermöglicht, aus dem verstrahlten Areal an der ukrainischen Grenze umzusiedeln. Auch eine Behindertenwerkstatt ist dem Verein zu verdanken. Von Nicole Jost

Häuser zu bauen ist ihm als Architekt nicht fremd, sich zu engagieren liegt ihm schon lange am Herzen. Der Super-GAU, der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986, ist schon 21 Jahre her, als Erhard Haller eher durch Zufall von dem Verein Heim-statt Tschernobyl erfährt. Der Vater des heutigen Mannes seiner Tochter ist Teil der Gruppe von Menschen, die der weißrussischen Bevölkerung an der Grenze zur Ukraine helfen will, aus dem verseuchten Gebiet umzusiedeln. Die Menschen sind von Atemwegserkrankungen betroffen, haben eine hohe Anzahl von Leukämiefällen und Nierenerkrankungen. Es gilt, die verstrahlte Region zu verlassen und am anderen Ende des Landes ein komplett neues Leben anzufangen.

Unzählige Stunden hat Haller beim Hausbau in Weißrussland Hand angelegt – und dabei viel gelernt.

„Als wir 2007 dazu stießen, waren die ersten Häuser schon gebaut“, berichtet der Sprendlinger. Gemeinsam mit seiner Frau Edith nimmt er drei Wochen seines Urlaubs, steigt in den vom Verein organisierten Bus und reist 26 Stunden in die russische Fremde. „Das, was wir dann dort erlebt haben, war einfach ein so gutes Projekt, dass ich heute noch gerne hinfahre, die Ärmel hochkrempele und mit anpacke“, sagt Erhard Haller.

Bis 2017 sind in Drushnaja und Lepel zwei Siedlungen mit je 30 selbstgebauten Siedlungshäusern, einer eigenen Krankenstation und einem Dorfgemeinschaftshaus entstanden. Immer wieder ist Haller Teil des Teams deutscher Rentner, deutscher Studenten und weißrussischer Baufachleute, das die Häuser gemeinsam mit viel Muskelkraft baut. Unterstützung gibt es dabei von den künftigen Bewohnern, die sich vor ihrem Einzug verpflichten, bei den Bauarbeiten zu helfen, und von weißrussischen Studenten, die die Übersetzungsarbeit für eine reibungslose Kommunikation übernehmen. Das Team wächst zusammen, gemeinsam schaffen die Helfer eine neue Heimat für die Menschen. Haller schwärmt auch von der Bauweise der Siedlungshäuser: „Das ist ganz nachhaltiges Bauen, mit Holz, Lehm und Schilfmatten als Dämmmaterial. Ich würde bei uns sofort genauso biologisch wertvoll, nachhaltig und mit gutem Wohnklima bauen – aber diese Art wäre hier unbezahlbar“, sagt Haller. Und die Arbeit ist anstrengend: Der Lehm wird mit den Holzschnitzeln vermengt und mit viel Kraft in die Wände eingebracht. „Als wir 2007 nach den drei Wochen nach Hause kamen, war ich urlaubsreif – so sehr hat mich das körperlich beansprucht“, erinnert sich Edith Haller, die in den folgenden Jahren ihren Mann alleine in die Ferne „geschickt“ hat.

Novum in Weißrussland: Die Behindertenwerkstatt, die mit Hilfe des Vereins Heim-statt Tschernobyl entstand, wurde 2018 in Lepel eröffnet.

Es gibt auch Hindernisse in Weißrussland: Die Bevölkerung hat durchaus Vorbehalte gegenüber den Deutschen. Es braucht gerade bei alten Menschen Zeit, bis das notwendige Vertrauen aufgebaut ist. Auch fehlt das ein oder andere an Material – oder der zuständige Traktorist ist zu betrunken, um zu arbeiten. Da helfen nur Kaffee und Geduld.

Der Verein Heim-statt Tschernobyl macht sich einen solch guten Namen, dass die weißrussische Regierung die Gruppe für ein Pilotprojekt ins Boot holt: Im Sommer 2017 entsteht ebenfalls in Lepel eine Werkstatt für behinderte Menschen. Ein Novum in Weißrussland, solche Einrichtungen gibt es dort nicht. „Das war ziemlich berührend, weil die Leute uns bei der Arbeit geholfen haben. Als im vergangenen Jahr alles fertig war, bin ich wieder nach Lepel gereist und habe gemeinsam mit dem Team die große Einweihung gefeiert. Das war sehr schön“, erinnert sich Haller. Überhaupt habe sich das Land in den vergangenen zehn Jahren enorm entwickelt. Von den Pferdegespannen, die 2007 noch durch die Dörfer zuckelten, sei heute nichts mehr zu sehen. „Die Kreisstädte sind sehr modern geworden.“

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Das Ehepaar ist sich einig: Natürlich war es gut und wichtig, in den ersten Jahren nach dem Reaktorunfall ukrainischen und weißrussischen Kindern Freizeiten und Erholung zu schenken, indem man sie für Kuraufenthalte nach Deutschland holte. „Aber sie wurden danach wieder in das verstrahlte Gebiet zurückgeschickt. Heim-statt hat den Menschen eine echte Zukunft ermöglicht“, sagt Edith Haller.

Das Siedlungsprojekt in den beiden kleinen Städten ist mittlerweile abgeschlossen, 58 Häuser sind entstanden. Die Behindertenwerkstatt soll im kommenden Jahr erweitert werden. Dann will auch Erhard Haller wieder nach Weißrussland reisen. Bis dahin hat der 68-Jährige aber kein bisschen Langeweile: Er ist bei den Dreieicher Bienenzüchtern aktiv, beim Fahrzeug-Veteranen-Verein, bei den Freunden Sprendlingens und im Lehr- und Kräutergarten in den Baierhansenwiesen. Dazu betreut er gemeinsam mit seiner Frau eine syrische Flüchtlingsfamilie mit sechs Kindern. „Man braucht nicht bis nach Weißrussland reisen, um aktiv zu sein. Das kann man auch ziemlich gut in Dreieich“, sagt Haller mit einem Schmunzeln.

Verein sucht helfende Hände

Weitere Informationen über den Verein gibt es auf der Internetseite www.Heimstatt-tschernobyl.org. Dort ist auch ein Beitrag über das nächste Workcamp zu finden, für das helfende Hände benötigt werden. In diesem Jahr steht die Dämmung zweier Siedlungshäuser in Drushnaja an. Einen Buchtipp gibt es noch zum Thema: „Wir mussten völlig neu anfangen: Opfer der Tschernobyl-Katastrophe berichten“. In dem Taschenbuch von Melanie Arndt und Margarethe Steinhausen erzählen Betroffene, wie sie durch das Lehmhausprojekt des deutschen Vereins nach Jahren der Resignation wieder Mut für einen Neuanfang in einer unverstrahlten Region gefunden haben.

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