Trotz Fortschritten sieht ehemalige Leiterin noch einen weiten Weg

Dreieicherin blickt auf Arbeit in der Behindertenhilfe zurück

Ingrid Schmalhorst-Behrendt hat die Arbeit der Behindertenhilfe Offenbach geprägt.
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Ingrid Schmalhorst-Behrendt hat die Arbeit der Behindertenhilfe Offenbach geprägt.

Anfang des Monats ist die Dreieicherin Ingrid Schmalhorst-Behrendt bei der Behindertenhilfe Offenbach in den Ruhestand gegangen. Sie blickt auf die Entwicklungen in der Behindertenarbeit zurück. Trotz Fortschritten gibt es da noch einiges zu tun.

Dreieich – Ingrid Schmalhorst-Behrendt sitzt auf ihrer gemütlichen Terrasse in der Sonne. Die gepflegten Rosen tragen schon erste Knospen und Hündin Tessa liegt entspannt im Gras. „Daran kann ich mich gewöhnen, ich habe Anfang April direkt zwei Gänge herunter geschaltet und es fühlt sich außerordentlich gut an“, erzählt die 64 Jahre alte Götzenhainerin.

27 Jahre lang hat die studierte Diplompädagogin in der Behindertenhilfe Offenbach gearbeitet, seit 2003 war sie Leiterin des ambulanten Dienstes und damit verantwortlich für 17 Beschäftigte in Verwaltung und Koordination, und 130 Mitarbeiter, die zum Teil auch freiberuflich mit den behinderten Menschen arbeiten. Anfang des Monats ist sie in den Ruhestand gegangen.

Als sie 1994 mit einer Halbtagsstelle ihren Dienst als Koordinatorin antrat, waren ihre beiden Söhne noch klein und der Club Behinderter und ihrer Freunde (CBF), wie es damals noch hieß, in Sprendlingen beheimatet. „Es war eine Selbsthilfeorganisation und es herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Behinderte Menschen wollten wahrgenommen werden und es ging darum, ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“, sagt Ingrid Schmalhorst-Behrendt. Diese Intention hat sich bis heute nicht geändert – aber der Wunsch nach Selbstbestimmung war damals für die Öffentlichkeit noch neu. Es galt, schwer behinderte Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen. „Wir hatten zu dieser Zeit viele Zivildienstleistende. Sie waren es, die den Menschen in ihrem Alltag Arme und Beine ersetzen konnten, ihnen ermöglichten, mit zum Einkaufen zu gehen, um nur ein Beispiel zu nennen“, erzählt die ehemalige Leiterin.

Mit der Einführung der Pflegeversicherung werden diese Rechte Mitte der Neunzigerjahre im Gesetz verankert: Gleichzeitig kommen viele Auflagen – zur Qualifikation der Mitarbeiter, zur Dokumentationspflicht oder zur Deckelung der Kosten. Der CBF schließt sich mit der Behindertenhilfe Offenbach zusammen, das Büro zieht nach Offenbach um. „Die Aufgabenstellung ist dann im Laufe der Jahre gewachsen und hat sich auch verändert“, so Schmalhorst-Behrendt. War es zu Beginn oft die Organisation einer 24-Stunden-Betreuung, gibt es dieses Angebot rund um die Uhr heute deutlich seltener. Die Menschen, die auf sehr viel Hilfe angewiesen sind, ziehen in Wohnheime, bleiben bei Angehören oder gehen in ein betreutes Wohnen.

Angebote wie Fahrdienste oder Gruppenangebote für Urlaubs-Freizeiten, wöchentliche Freizeitangebote, Ausflüge oder auch Seminare gibt es bis heute. Ingrid Schmalhorst-Behrendt hat beispielsweise die Nachmittagsbetreuung für die Fröbelschule in Offenbach organisiert: Erheblich zugenommen hat in den vergangenen Jahren zudem der Bedarf an schulischer Integrationshilfe. Dabei bekommen Kinder mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten einen Mitarbeiter zur Seite gestellt. Sie verbringen dann den ganzen Schultag mit dem Kind im Unterricht. „Das waren anfangs vielleicht 20 Kinder, die wir mit Teilhabeassistenten betreut haben, heute sind es mehr als 50. Dazu kommt, dass es noch vier oder fünf andere Anbieter in Offenbach gibt“, erklärt die ehemalige Leiterin.

Wichtig sei ihr immer die sozialpädagogische Fortbildung für die Mitarbeiter gewesen, wie sie sich in den Schulalltag integrieren, wo ihre Aufgabenfelder liegen und wo nicht: „Da haben wir viel Zeit und Geld in Schulungen investiert und das lohnt sich. Die Mitarbeiter sind ihrer Aufgabe gewachsen, bleiben uns damit erhalten und Eltern und Kinder fühlen sich auch wohler.“ Sie war als Leiterin oft Ansprechpartnerin im Alltag oder Krisenmanagerin. Wichtig war das Vertrauen in die Mitarbeiter und die Kunst des Delegierens. „Das habe ich mit den Jahren auch gelernt“, so die Ruheständlerin augenzwinkernd.

Mit dem Bundesteilhabegesetz 2017/18 habe sich die Situation behinderter Menschen weiter verbessert. Damit hat ein behinderter Mensch einen Rechtsanspruch auf Teilhabe, muss sich nicht als Bittsteller fühlen. „Der Weg ist aber noch weit, denn Barrierefreiheit bedeutet viel mehr als ein abgesenkter Bordstein oder ein Fahrstuhl. Ein Mensch mit geistiger Einschränkung hat Barrieren, die können wir nur als Gesellschaft aus dem Weg schaffen“, hat Schmalhorst-Behrendt für ihre Nachfolger noch viel Aufklärungsarbeit hinterlassen.

Sie selbst will sich künftig um ihr Privatleben kümmern. Sie freut sich darauf, mit ihrem Mann Ullrich zu reisen, das Ferienhaus in Italien öfter zu besuchen, mit Hündin Tessa zu joggen, im Garten zu buddeln oder Zeit mit dem Malen zu verbringen. „Vielleicht habe ich auch noch mal Lust, in der Politik aktiv zu werden“, sagt die Götzenhainerin, die in der Vergangenheit zwei Legislaturperioden für die Grünen im Stadtparlament saß.

Von Nicole Jost

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