Dreieichlotsen sind jetzt zu sechst

Aufklärer in Diensten der Natur

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„Da hinten ist der Horst, auf dem sich Störche ansiedeln könnten“, sagt Dreieichlotsin Stephanie König, die sich gestern gemeinsam mit ihren Kollegen Torsten Jens, Kristina Will und Andrea Weidt (von rechts) einen ersten Eindruck von den Rohrwiesen verschaffte. In der Mitte Hundehalterin Monika Pfeiffer aus Dietzenbach, die in dem Gebiet gerne mit ihren zwei Lieblingen Gassi geht.

Dreieich - Torsten Jens deutet nach oben. „Das ist die Feldlerche, der Frühling kommt“, sagt der Geschäftsführer der Naturschule Hessen. In den Rohrwiesen ist davon gestern Morgen – vom Vogelgesang abgesehen – bei eisigem Wind wenig zu spüren. Von Frank Mahn 

„Das Gebiet ist ja riesig“, ergänzt seine Kollegin Stephanie König. Die beiden waren im vergangenen Jahr als Dreieichlotsen in den Baierhansenwiesen unterwegs. Ihre schwierige Mission: zwischen den Freizeitinteressen der Bürger und den Anliegen des Naturschutzes vermitteln. Seit dieser Woche suchen sie nicht nur im schlagzeilenträchtigen Landschaftsschutzgebiet zwischen Buchschlag und Sprendlingen den Kontakt zu Spaziergängern und Gassigehern, sondern auch in den Rohrwiesen zwischen Götzenhain, Offenthal und Dietzenbach. Schlichten, vermitteln, informieren, sensibilisieren. Der Magistrat startete im Frühjahr 2015 ein Pilotprojekt mit Torsten Jens und Stephanie König, weil der Streit um die Nutzung der Baierhansenwiesen phasenweise eskalierte. Die unter Regie der städtischen AG Umwelt und Naturschutz angelaufene Renaturierung ist vor allem einigen Hundehaltern ein Dorn im Auge. Ihre Vierbeiner sollen nicht mehr über die Wiesen flitzen, schon gar nicht in der Brut- und Setzzeit von Anfang März bis Mitte Juni.

Die Veränderungen in den Baierhansenwiesen sind für den Diplom-Forstwirt Torsten Jens eine „absolute Aufwertung“. Wenn er diese Meinung äußert, bekommt er schon mal zu hören, er sei „gekauft“, erzählt Jens kopfschüttelnd und spricht von einer kleinen beratungsresistenten Minderheit, die Stimmung in dem Gebiet mache. Sie fühle sich gegängelt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Man muss auch mal ein Gewohnheitsrecht aufweichen“, sagt Stephanie König dazu. Unter dem Strich sind die Erfahrungen der Lotsen, die in gleicher Funktion am alten Flugplatz Bonames mit solchen Konflikten seit Langem vertraut sind, in Dreieich positiv. „Es kommt vor, dass Leute erstmal Dampf ablassen, dann aber offen sind“, berichtet Jens. Mit den meisten sei ein konstruktiver Dialog möglich.

Auch der Magistrat hat den Einsatz der Lotsen als Erfolg eingestuft und deshalb eine Verlängerung des Engagements beschlossen. 200 Stunden sind bis Mitte Juni vertraglich vereinbart – dafür stehen im Haushalt 15 000 Euro bereit. Erster Stadtrat Martin Burlon betont, nicht nur die Hundehalter seien im Fokus. Die seien „eine Zielgruppe“, aber eben nicht die alleinige. Es gehe um die Freizeitnutzung in Landschaftsschutzgebieten insgesamt.

Gewachsen sind nicht nur Einsatzbereich und Budget. Jens und König haben personell aufgestockt. In den nächsten Monaten sind insgesamt sechs Lotsen in den Baierhansen- und den Rohrwiesen auf „Patrouille“. Zu den Neuen gehört Kristina Will. „Ich habe von dem Pilotprojekt in der Zeitung gelesen und fand es sinnvoll und gut“, schildert die Dreieicherin ihr Motiv, sich zu bewerben.

Mit solch einsichtigen Hundehaltern wie mit Monika Pfeiffer wird Kristina Will es nicht immer zu tun bekommen. Die Dietzenbacherin schneit gestern mit ihren beiden Hunden in den Ortstermin rein. „Penelope“ und „Paolo“ lässt sie in der Regel frei laufen. „Aber Sie haben ja gesehen, sie sind ganz nah bei mir, auf die Wiesen dürfen sie nicht“, versichert Pfeiffer, die gerne nach Götzenhain kommt. „Dreieich und Dietzenbach sind die einzigen Kommunen im Kreis, in denen es keinerlei Leinenverordnung gibt“, sagt der städtische Ressortleiter Karl Markloff. Kein Wunder, dass die Rohrwiesen bei vielen Hundehaltern aus der Umgebung als „Ausflugsziel“ beliebt sind.

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Es ist noch nicht lange her, dass ein Storchenpaar dort gebrütet hat. Auch Monika Pfeiffer hat die Vögel gesehen. „Aber dann waren sie auf einmal weg.“ Warum die Störche den Horst verlassen haben, ist nicht bekannt. Womöglich war ihnen zu viel „Betrieb“ auf den Wiesen. Die sind sehr feucht und liefern ihnen ein ausgezeichnetes Nahrungsangebot. „Wir hoffen natürlich, dass sich dort wieder ein Storchenpaar ansiedelt“, sagt Martin Burlon. Nicht zuletzt deshalb sollen die Lotsen dort Präsenz zeigen und Aufklärungsarbeit betreiben.

Um sich ein Bild von den Gewohnheiten der Nutzer machen zu können, haben Torsten Jens und Stephanie König einen Fragebogen entwickelt. Woher kommen Sie? Wie oft sind Sie hier? Warum kommen Sie hierher? Wie lange halten Sie sich hier auf? Platz ist auch für Wünsche und Anregungen. Die Antworten sind anonym möglich. „Das haben wir in Frankfurt so ähnlich auch schon gemacht und hatten einen guten Rücklauf“, berichtet Torsten Jens. Auf dem Parkplatz an den Baierhansenwiesen werden die Betreiber der Naturschule eine Box für die Fragebögen installieren. Für Götzenhain suchen sie noch nach einem geeigneten Standort.

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