Mit klarer Haltung und offenem Herzen

Dreieichs Integrationsbeauftragte Karin Scholl geht in Ruhestand

Respekt und Toleranz sind für Karin Scholl die Grundlage der Integration.
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Das letzte Interkulturelle Sommerfest vor 10 Jahren: Karin Scholl (links) und Semra Kanisicak (2.von rechts).

Das Büro im ersten Stock des Dreieicher Rathauses ist aufgeräumt. An den Wänden hängen noch ein paar persönliche Bilder, die vielen Blumen und kleinen und großen Geschenke sind Zeichen der Wertschätzung für eine beliebte Kollegin. Nach 38 Jahren packt Karin Scholl die Kisten und verabschiedet sich in den Ruhestand.

Dreieich - „Es fühlt sich komisch an, weil ich an dieser Arbeit hänge, selbst sehr viel dabei gelernt habe und wir gemeinsam in den Integrationsfragen viel erreicht haben“, berichtet die Ressortleiterin Integration und Asyl. Aber sie sagt auch: „Es ist vielleicht gut, dass jetzt mal neue Menschen mit anderen Ansätzen diese Aufgabe übernehmen.“

Es hört sich fast an, als sei sie zufällig in dem Arbeitsbereich gelandet, den sie so viele Jahre engagiert geleitet hat. In Dreieich aufgewachsen macht Scholl an der Ricarda-Huch-Schule ihr Abitur und studiert Diplom-Pädagogik an der Uni Frankfurt. Schon während ihres Studiums arbeitet sie im Kinder- und Jugendbereich und bei den Ferienspielen als Honorarkraft für die Stadt. So ist sie bekannt, als die Stadtverwaltung jemanden sucht, der die Asylanten im Hotel Andre betreut. Von 1983 bis 1995 kümmert sie sich um die Menschen, die dort ankommen. „Das war eine schöne Zeit. Es herrschten beengte Verhältnisse, aber wir konnten viel für die rund 140 Bewohner tun, die in der Frankfurter Straße 55 lebten“, berichtet Karin Scholl. Das Hotel ist damals die größte Asylunterkunft im Kreis Offenbach.

Scholl installiert Hausaufgabenbetreuung für die Kinder, Sprachkurse für die Mütter und immer herrscht ein großer „Durchlauf“. Heute begegnen ihr immer wieder Menschen auf der Straße, die im Hotel Andre ihre Kindheit verbracht haben. „Sie sagen, es war eine schöne Zeit mit vielen Kindern. Was mich besonders freut: Diese zweite Generation hat es geschafft, Fuß zu fassen. Einige sind Lehrer oder Ingenieure geworden. Das ist schön zu sehen. Das wird auch bei vielen Kindern klappen, die 2015 nach Deutschland kamen“, ist Karin Scholl überzeugt.

1995 nimmt sie eine andere Herausforderung an und ist für zwei Jahre Leiterin einer Dietzenbacher Kita. Aber schon 1997 zieht es Scholl zurück in die Dreieicher Stadtverwaltung und sie übernimmt die Ausländerberatung. Ab 2002 leitet sie im Rathaus eines der ersten Integrationsbüros im Kreis Offenbach. Die Flüchtlingswelle 2015 beschreibt sie als die anstrengendste Zeit ihres Berufslebens. „Es war die Anzahl der Leute und insbesondere die Frage ihrer Unterbringung, die uns so belastet hat. Wir bekamen jede Woche 15 bis 20 Menschen vom Kreis geschickt. Rückblickend haben wir es mit der dezentralen Unterbringung gut gemacht. Obwohl ich mir manchmal gewünscht hätte, wir hätten in einer großen Unterkunft einmal erklären können, wie das in Deutschland ist, mit dem Müll, der Mülltrennung und dem Lärm nach 22 Uhr“, erzählt sie und muss schmunzeln. Denn immer wieder gab’s Probleme mit der Nachbarschaft. Interkulturelle Konfliktbewältigung gehört in diesem Aufgabenbereich auf jeden Fall dazu.

Karin Scholl ist sehr klar in ihrer Haltung. Bei all den Bemühungen und dem persönlichen Einsatz für die Menschen, die aus aller Welt in Dreieich landen, weiß sie: „Die Probleme der Integration müssen offen angesprochen werden, damit sie gelingen kann. Es gibt nicht nur gut und böse, vieles spielt sich in der Mitte ab. Ich kann viel für diese Menschen tun und trotzdem sagen: ,Bekomm’ endlich mal deinen Hintern hoch und mach deinen Deutschkurs fertig!‘“

Eine Weile habe das Flüchtlingsthema alles andere überstrahlt. Dabei hat die 64-Jährige so viele Projekte in Dreieich installiert, die der Integration und der Verständigung zwischen den Kulturen dienen: Fahrradkurse für Migrantinnen, „Mama lernt Deutsch“ und echte Herzensprojekte wie die Entwicklung des Forums der Religionen, das 2019 den Hessischen Integrationspreis gewonnen hat, die Interkulturellen Wochen oder auch das Interkulturelle Sommerfest, das allerdings seit zehn Jahren aus Kostengründen eingestellt ist.

Das Thema Integration wird sie weiterhin beschäftigen, aber jetzt will sie sich erst mal sortieren und freut sich, ohne Termindruck die Dinge machen zu können, die sie interessieren. Zum Beispiel Radfahren und Reisen.

Von Nicole Jost

Respekt und Toleranz sind für Karin Scholl die Grundlage der Integration.

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