Angeklagter nicht wieder zu erkennen

Drohbriefe gegen Landrat: Ex-Reichsbürger muss Geldstrafe zahlen

Dreieich - In zweiter Instanz wurde ein ehemaliger Reichsbürger am Dienstag vor dem Landgericht Darmstadt zu 1350 Euro Geldstrafe verurteilt. Von Silke Gelhausen

Der 62-jährige Sprendlinger hatte im Mai 2017 Landrat Oliver Quilling gedroht, auf die Behörde einzuwirken, damit ihm seine Waffenbesitzkarten nicht entzogen werden. Der Landrat ging darauf nicht ein, sondern zeigte ihn an. Fünf Monate später brummte ihm der Amtsrichter in Langen wegen versuchter Nötigung eine Haftstrafe von drei Monaten ohne Bewährung auf. Der Bauingenieur ging in Berufung.  In der erneuten Verhandlung ist der Angeklagte nicht wieder zu erkennen.

Der bockige, auf Krawall gebürstete Szene-Anhänger, der im Amtsgericht den Richter beleidigte und ihm Papier auf das Pult knallte, präsentiert sich als braver, vorbildlicher Bürger. Als Grund der „Läuterung“ benennt der Sprendlinger eine schwere Krankheit, wegen der auch die ersten beiden Verhandlungstermine im Frühjahr und Spätsommer abgesagt werden mussten: Im März erlitt der Mann einen Herzinfarkt, bekam im Krankenhaus schwere Infektionen.

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„Ich hatte eine Nahtoderfahrung, habe meine Lebenseinstellung grundsätzlich verändert. Ich weiß heute, dass alles ein großer Fehler war“, erklärt er. Brav und gut gekleidet sitzt der Mann neben seinem Verteidiger – im Langener Prozess hatte er auf einen Rechtsbeistand verzichtet.

Richterin Barbara Bunk fragt zur Reichsbürger-Bewegung: „Was bringt einen gutbürgerlichen, gebildeten und intelligenten Menschen überhaupt dazu, sich mit so etwas zu identifizieren?“ Der Angeklagte erwidert: „Die Sache war mir bis zu einem gewissen Punkt schlüssig. Ich habe damals den Kardinalfehler im Konstrukt nicht erkannt!“ Anfangs hatte seine Frau von einem Bekannten eine Geschichte gehört, woraufhin er im Internet recherchierte. „Ich bin da in etwas hinein gerutscht, was mir heute nicht mehr passieren würde!“, lautet seine Erklärung.

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Den Tatbestand gibt er unumwunden zu: Im Mai letzten Jahres bekommt der 61-Jährige Post von der Waffenbehörde des Kreises. Die will aufgrund seiner Reichsbürgergesinnung bis Anfang Juni acht Lang- und sieben Kurzwaffen einziehen. Als sein Widerspruch erfolglos bleibt, schickt der Sprendlinger ein Schreiben an den Landrat, in dem er für diese „Ungeheuerlichkeit“ vom Kreis binnen 22 Stunden 100 .000 Dollar „Pfandrecht“ fordert. Als keine Reaktion folgt, verfasst er zehn Tage später ein zweites Schreiben. Diesmal will er bei Nichtzahlung an Quillings Privatvermögen. Bei der Berufung geht es denn allein um ein milderes Strafmaß. Und der 62-Jährige kommt glaubhaft genug rüber, dass das Gericht dem nachkommt. Die Geldstrafe nimmt der Mann sofort an, auch Oberstaatsanwalt Andreas Kondziela verzichtet auf Einspruch. Damit ist das Urteil rechtskräftig. Allerdings kommen 900 Euro dazu: Diese Geldstrafe verhängte das Amtsgericht Langen vergangene Woche wegen Richterbeleidigung gegen den Mann.

Rubriklistenbild: © dpa

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