„Wir kamen uns vor wie Zaungäste!“

Ehepaar aus Bad Kreuznach darf in Götzenhain nur im Vorraum der Trauerhalle an der Trauerfeier ihres Neffen teilnehmen

Helga Leber aus Bad Kreuznach hatte in der vergangenen Woche ein für sie sehr trauriges Erlebnis auf dem Götzenhainer Friedhof. Ihr Mann und sie sind ohnehin schockiert über den plötzlichen Tod ihres einzigen Neffen Manfred Leber. Es ist für sie keine Frage, dass sie zur Trauerfeier des bekannten Handballfunktionärs in die alte Heimat anreisen.

Dreieich - Doch es kommt anders als gedacht. „Unser Sohn hat sich extra frei genommen, damit er uns fahren kann. Die Verbindung zu Manfred war eng, wir wollten uns persönlich von ihm verabschieden. Er hat uns erst in der Woche zuvor mit seinen Kindern besucht. Und dann kommen wir auf dem Friedhof in Götzenhain an und dürfen gar nicht richtig bei der Trauerfeier dabei sein, weil wegen Corona noch immer die Plätze auf 20 reduziert sind“, berichtet die Seniorin.

Die Stühle sind besetzt von den Eltern des Verstorbenen, Frau und Kindern und engen Freunden. Für das Ehepaar aus Bad Kreuznach ist kein Platz übrig. „Wir sind alle drei zweimal geimpft, es wäre noch ausreichend Platz gewesen, ein paar Stühle mit Abstand zu stellen. Überall werden die Bedingungen gelockert, nur auf dem Friedhof nicht“, ist Helga Leber traurig. Vor der Friedhofshalle zu warten, ist keine Option, zu stark scheint die Sonne an diesem Tag. Lebers Mann kann zudem nicht lange stehen.

Die Mitarbeiter des Friedhofs verweisen auf die Vorhalle. Dort stehen zwei Bänke, die sie noch mit jeweils zwei Personen besetzen können. „Auch da durften wir als Familie nicht auf eine Bank. Mein Sohn und mein Mann saßen auf einer Bank, ich mit einer mir fremden Frau auf der zweiten. Wir konnten wegen der starken Spiegelung der Glastür nichts sehen und auch die Trauerrede war draußen kaum zu verstehen. Wir kamen uns vor wie Zaungäste, dabei gehören wir zur Familie“, bedauert die Bad Kreuznacherin, dass ihr der Abschied von ihrem Neffen so schwer gemacht wurde.

Andrea Mansfeld, Geschäftsführerin des Friedhofszweckverbandes Neu-Isenburg/Dreieich, tut die Erfahrung von Helga Leber leid. „Ich verstehe den Unmut der Besucherin. Wir versuchen, es so pietätvoll wie möglich zu gestalten, aber wir müssen uns an die geltenden Regeln der hessischen Landesregierung halten“, wirbt sie um Verständnis. Die Trauerhalle in Götzenhain ist klein, die 20 Besucher sind genau auf die Anzahl der Quadratmeter ausgerechnet, um die 1,50 Meter Abstand zu wahren. Ausnahmen könne es leider nicht geben. Viele Trauerfeiern, berichtet Mansfeld, werden im Augenblick komplett draußen abgehalten. Der Zweckverband investiert in neue Technik, um die Lautsprecheranlagen zu verbessern. „Sicher hätte unser Friedhofsverwalter der Familie gerne Stühle unter einen Baum in den Schatten gestellt, damit sie die Trauerreden von außen hätten verfolgen können“, so Mansfeld.

Sie selbst hat die sich derzeit oft verändernden Regeln ständig im Blick. „Im Moment ist es aber so, dass für die Innenräume, wie in Trauerhallen, immer noch die 3G- sowie die Abstands- und Hygieneregeln gelten und wir damit die Hallen nicht voll besetzen können.“

Von Nicole Jost

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