Vom Reichstag bis zum Elbtunnel

Eine Erfolgsgeschichte aus Dreieichenhain: Vom Müller zum Bau-Mogul

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In der Kreuzmühle wuchs er auf: In der Mühle am Hengstbach wurde Johann Philipp Holzmann 22. April 1805 geboren. Ab 1835 wurde die Kreuzmühle mit Dampfkraft betrieben – und folglich Dampfmühle genannt. Das Porträt zeigt den einstigen Müller, der heute vor 150 Jahren verstarb.

Die Philipp Holzmann AG war mal Deutschlands größtes Bauunternehmen. Völlig unspektakulär begann dagegen die Erfolgsgeschichte im Jahr 1849 in Dreieichenhain mit dem Müller Johann Philipp Holzmann. Vor 150 Jahren, am 15. Februar 1870, ist der Firmengründer gestorben.

Dreieich – Vom Reichstag in Berlin über die Edertalsperre in Nordhessen bis hin zum Elbtunnel in Hamburg reicht die lange Liste der Holzmann-Projekte. Aber der Frankfurter Konzern, der am 21. März 2002 Insolvenz anmeldete – und damit die größte Pleite in der deutschen Baubranche produzierte – war zu seinen florierenden Zeiten weltweit tätig: Riad, Dubai, Bagdad und Teheran. Von den 1960er Jahren an war die Philipp Holzmann AG, groß im Geschäft in Saudi-Arabien. Innerhalb von etwa 20 Jahren realisierte Holzmann hier mehr als 50 Projekte im Gesamtwert von über 17 Milliarden Mark. Größter Einzelbau war das International Sportstadion in Riad für 2,3 Milliarden. Schon 1903 sorgte Holzmann im heutigen Irak mit dem Bau der 1600 Kilometer langen Bagdadbahn für Aufsehen.

Mit dem Eisenbahnbau begann auch die Geschichte des Unternehmens. 1840 lieferte der Müller Johann Philipp Holzmann, Besitzer der Kreuzmühle am Hengstbach in Dreieichenhain, aus seinem Dampfsägewerk Schwellen für den Bau der Taunusbahn, der ersten Eisenbahn im Raum Frankfurt. Es folgten Beteiligungen an der Main-Neckar-Bahn und der Main-Weser-Bahn. Schon bald führte Holzmann auch die Erdarbeiten aus, baute Brücken und Unterführungen. Und die Familie war immer dabei, zog mit den Arbeitern von Baustelle zu Baustelle – bis auf die älteren Söhne Philipp und Wilhelm, die eine höhere Schule in Darmstadt besuchten. „Menschen und Pferde haben alle unter einem Dach gewohnt. Und Mutter hat für alle Leute gekocht“, erzählte Sohn Philipp Jahrzehnte später.

Die Holzmann-Veteranen wie Harald Zapke erinnern an die Familie Holzmann und den Baukonzern. Das Grab des Formengründers befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Sein Todestag ist der 15. Februar 1870. Foto: Rainer Rüffer

Die Holzmanns waren bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) im Dorf Bonames nördlich von Frankfurt ansässig. Um 1700 wanderte von dort der Müller Hans Georg Holzmann nach Dreieichenhain aus und übernahm die aus dem Mittelalter stammende Bergmühle am Hengstbach. Sein Enkel Johannes Holzmann (1743-1801) wechselte daraufhin bachabwärts in die Anfang des 18. Jahrhunderts gebaute Kreuzmühle.

Hier wurde der spätere Firmengründer Johann Philipp Holzmann am 22. April 1805 geboren. Der Junge musste schnell erwachsen werden: Er war erst 13, als sein Vater mit gerade mal 40 Jahren starb. Mutter und Sohn betrieben von da an die Mühle allein, der Sprendlinger Bürgermeister Johann Christian Kiefer war Vormund des Jungen. Die Mühle lief gut, denn Philipp hatte Erfolg mit seinen Ausbaumaßnahmen. Und so traute der junge Müller sich, um die Hand der 18-jährigen Elisabetha, Tochter des Dreieichenhainer Bürgermeisters Jacob Laux, anzuhalten – mit Erfolg: Am 12. Mai 1833 war Hochzeit. Das Paar bekam neun Kinder (drei Söhne und sechs Töchter).

Wenige Kilometer von der heimischen Mühle entfernt beobachtete Philipp Holzmann 1845 den Bau der Eisenbahnstrecke Frankfurt-Darmstadt – ein Schlüsselerlebnis für ihn. Das Mühlengeschäft lief zunehmend schlechter, seine Zukunft sah er daher im Eisenbahnbau. 1849 gab Holzmann die Kreuzmühle ganz auf, zog nach Sprendlingen und gründete dort sein Bauunternehmen. Das war bald über die Region hinaus bekannt für seine gute Arbeit. Als wieder einmal ein Eisenbahn-Teilstück fertig war, lobte der Auftraggeber Holzmann überschwänglich: Er habe „seine Arbeiten in jeder Beziehung solid, schön und ganz zu rechter Zeit vollendet“.

1851 siedelte Holzmann nach Frankfurt über, baute in der Obermainstraße (Ostend) eine Holzschneiderei und ein Dampfsägewerk. Den Bahnanschluss für das Gelände am nördlichen Mainufer hatte er zuvor selbst geschaffen. Ende des Jahres 1864 ging es Holzmann gesundheitlich immer schlechter. Zum 1. Januar 1865 übertrug er daher laut Handelsregister Frankfurt „aus gesundheitlichen Gründen die seither von ihm […] betriebene Handlung“ seinen Söhnen Philipp und Wilhelm. Der Firmengründer starb am 15. Februar 1870 im Alter von 64 Jahren.

Obwohl keine größeren Aktivitäten auf der Mühle in Dreieich stattfanden, blieb sie bis etwa 1908 im Besitz der Holzmanns. Am 23. August 1883 wurde laut Gewerbebuch Heinrich Mathis Echternach als Mahlmüller zur „Mehlproduktion in Maßen“ beschäftigt. Ab 15. Juni 1892, betrieb er zusätzlich einen „Flaschenbierhandel“. Nach 1908 erwarb der Frankfurter Kaufmann und Verleger Karl Klimsch die Dampfmühle, wie sie mittlerweile genannt wurde, und weitere Grundstücke. Er legte auf dem Areal einen Park mit Teichen, Badehäuschen, Tennisplätzen und Gewächshäusern an. Auf der Dampfmühle wurde aber weiter Landwirtschaft betrieben: Die dortige Dreschmaschine nutzten die Bauern ringsum. 1936 kaufte der Frankfurter Kaufmann Jacques Adolf Odenwald das Gelände. Heute zeugt aber nichts mehr von dieser Vergangenheit. Das Mühlenareal in Dreieichenhain ist seit den 50ern mit Wohnhäusern bebaut. Jedoch ist die Straße an der Dampfmühle heute nach dem berühmten Sohn der Stadt benannt – und heißt Philipp-Holzmann-Straße.

VON JÜRGEN WALBURG UND JULIA RADGEN

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