Entschleunigen mit Dschingis Khan

Hayner Burgfest: Drei Tage Spektakel auf mittelalterliche Art 

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Kamele, Pferde, Hunde, Greifvögel und wilde Krieger. Auf dem Turnierplatz konnten die Besucher erleben, wie Dschingis Khan und seine Mannen auf die Jagd gingen. 

Im Mittelalter wäre der Mann etliche Wochen unterwegs gewesen, um seine Waren in Dreieichenhain feilbieten zu können. 

Dreieichenhain – Zwar ist es auch im Automobil-Zeitalter kein Klacks, mal eben von Budapest ins Rhein-Main-Gebiet zu kommen, „aber mit genügend Kaffee sind die tausend Kilometer kein Problem“, sagt Attila Toth. Der Ungar verkauft beim Hayner Burgfest filigran gearbeitete Reiterbögen aus Eschenholz, Leder und Fiberglas. So um die 20 seiner Sportgeräte setzt er an einem solchen Wochenende ab. Vor allem an Leute, die in einem Verein mit historischen Bögen schießen.

Welch buntes Treiben: Etwa 100 Handwerker, Händler und Schankwirte bevölkern bis gestern Abend das Areal rund um die einstige Reichsburg „Hayn in der Dreieich“ und tauchen mit tausenden Besuchern in die Welt des Mittelalters ein. Drechsler, Bader, Bierbrauer, Schmied, Schneider, Schuh- und Fahnenmacher – überall gibt’s was zu gucken. Die Kultur-Gesellschaft Hayner Vereine um Roger Heil hat bei der Auswahl für den Mittelaltermarkt „Herrenborn“ wieder größten Wert auf Qualität und Authentizität gelegt. Das Spektakel in und um die Burg gehört zu den größten dieser Art in Deutschland. „Wir sind im Prinzip das ganze Jahr mit den Vorbereitungen beschäftigt“, sagt Heil. Alles ehrenamtlich. Ein knappes Dutzend Leute gehört zum Organisationsteam. Heil und seine Mitstreiter würden sich freuen, wenn aus dem Rathaus mehr Unterstützung für das Burgfest kommen würde. Aber ums Stadt-Marketing sei es nicht gerade zum Besten bestellt, bedauert er.

Für genug Unterhaltung gesorgt 

Gaukler, Jongleure, Schauspieler und Feuerkünstler sorgen drei Tage lang für Unterhaltung und Staunen. Jahr für Jahr finden auch bekannte Mittelalter-Bands den Weg aufs Burgfest – am Freitagabend begeistern Fabula mit ihrer Sackpfeifenmusik, am Samstag sind unter anderem keltische Melodien von Rapalje angesagt. Die vier Musiker in ihren Kilts versetzen einen unweigerlich in die Highlands, bei ihren vom Sound des Dudelsacks angetriebenen Liedern können die Füße nicht stillhalten.

Gekonnt ist gekonnt: Das Duo Con Filius versteht sich auf Jonglage und Musik. 

Zu einem jeden Burgfest gehört ein Show-Spektakel unter einem speziellen Motto. In diesem Jahr geht es um „Samarkand – Geheimnisse des Orients“. Dazu haben die Veranstalter die Horus-Falknerei engagiert. Chefin Klaudia Brommund hat unter anderem Steppenadler, Gerfalken, Bussarde und drei Windhunde mitgebracht. „Kamele, Pferde und Darsteller buchen wir dazu“, erzählt Brommund. Das Ensemble zeigt in den Vorführungen die mehr als 4000 Jahre alte Jagdtradition der Mongolen um den sagenumwobenen Herrscher Dschingis Khan. „Die Vögel fliegen nicht immer so, wie wir wollen“, sagt Brommund. Sie seien keine „Befehlsempfänger“ und hätten ihren eigenen Kopf. Als ob er’s gehört hätte, ignoriert ein Steppenadler sein Ziel und landet auf einem Baum am Rande es Festgeländes. „Wir haben ihn auf einen Schimmel trainiert. „Jetzt sitzt der Reiter mit dem Handschuh auf einem braunen Pferd. Das hat den Vogel irritiert“, berichtet Falkner Patrick Jäger, der den Greif aber schnell wieder zu sich gelockt hat.

Majestätisch: Bei Falknerin Klaudia Brommund und ihrem Team gab’s viel zu staunen. 

Im Palas präsentiert Detlef Möbius eine höchst sehenswerte Ausstellung mit Lokalkolorit. Der Langener Fotograf hat sie gemeinsam mit der Freyen Gefolgschaft zum Hayn konzipiert. Sie könnte unter dem Stichwort Mittelalter versus Moderne firmieren. Da sitzen sich zum Beispiel zwei Ritter in ihren Rüstungen am Laptop gegenüber und zocken ein Computerspiel. „Die meisten Bilder sind nicht bierernst, aber es gibt auch ein paar sozialkritische“, schildert Möbius. Die Schau kommt bei den Besuchern bestens an. „Die meisten sind richtig geflasht“, freut sich der Fotograf. Der Langener ist bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Dreieichenhain aufgewachsen, hat von daher eine besondere Beziehung zur Burg. „Ich bin da als Bub auf den Mauern rumgekraxelt.“

Fotograf Detlef Möbius bereicherte das Burgfest mit einer sehenswerten Ausstellung. 

Und was macht nun die Faszination eines solchen Marktes aus? Steffi Tillmann, Frau des Dreieicher Stadtbrandinspektors, wird einmal im Jahr zum Mittelalter-Fan – „dann aber für drei Tage“, erzählt sie. „Es entschleunigt. Es ist ganz anders als zum Beispiel Kerb, nicht so laut“, führt Tillmann weiter aus. Gestern Abend hat sie ihr Marktfrauen-Gewand abgelegt und im Schrank verstaut. Nächstes Jahr um diese Streiche wird sie es garantiert wieder rausholen, um eine Zeitreise zu unternehmen.

VON FRANK MAHN

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