Entstehung der Stadt Dreieich zum 1. Januar 1977 gingen heftige Geburtswehen voraus

Alles andere als eine Liebesheirat

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Die drei „Pfrommer“-Steine an den Ortseingängen von Dreieichenhain zeugen bis heute vom Widerstand gegen die Fusion zur Stadt Dreieich. Die Sprendlinger dagegen weihten 1977 den Hooschebaa-Brunnen am Lindenplatz ein (Bild unten). Er wurde von den Freunden Sprendlingens, die sich für Pflege und Erhalt des Brauchtums in der einst selbstständigen Stadt einsetzen, in Auftrag gegeben.

Dreieich - Wenn heute um Mitternacht die Sektkorken knallen, um das neue Jahr zu begrüßen, können die Dreieicher auch auf einen Geburtstag anstoßen. Am 1. Januar vor 40 Jahren entstand ihre Stadt. Von Holger Klemm 

Das wird in den kommenden zwölf Monaten mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Doch im Entstehungsjahr war den wenigsten Dreieichern zum Feiern zumute. Die damalige Gebietsreform, in deren Folge die Städte Sprendlingen und Dreieichenhain sowie die Gemeinden Götzenhain, Buchschlag und Offenthal zusammengelegt wurden, war höchst unpopulär. Aus heutiger Sicht sind die damaligen Querelen für die meisten kaum noch nachvollziehbar. Heute gilt Dreieich als attraktive Stadt im Grünen mit einer guten Infrastruktur, die es ohne die Fusion wohl so nicht gegeben hätte. Doch damals war die Rede von einer „Zwangsfusion“, von einem „anonymen Großgebilde, das bürgerfremd wirkt und die Gefahren von Fehlentwicklungen mit sich bringt“. Die Folge war, dass die erfolgsverwöhnte SPD ihre Vormachtstellung in Sprendlingen, Dreieichenhain und Götzenhain einbüßte.

Der Journalist Peter Holle beschrieb in seinem Buch über den langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten Rüdiger Hermanns und in einem Beitrag für den Sammelband „Dreieich - eine Stadt“ den Weg, der zur Fusion führte. Demnach hatte sich die damalige SPD/FDP-Landesregierung Anfang der 70er Jahre eine vor allem von den Freidemokraten forcierte Gebiets- und Verwaltungsreform auf die Fahnen geschrieben. Zur Regierung gehörte mit Sozialminister Dr. Horst Schmidt (SPD) auch ein Sprendlinger. Ihr Ziel war es, hunderten von Mini-Gemeinden, die nur wenig Infrastruktur aufwiesen, durch den Zusammenschluss zu Geld, Straßen, Jugendzentren, Bürgerhäusern und Sportplätzen zu verhelfen. Zudem sollten die Probleme im Großraum Frankfurt gelöst werden, wo viele Gemeinden vor sich „hinwurstelten“, als ob sie allein auf der Welt wären. Doch in den bis dahin unabhängigen Dreieich-Kommunen gab es dafür nur wenig Verständnis. Das Quintett betrachtete sich als wirtschaftlich und finanziell gut aufgestellt. Auch Offenthal, das als Kellerkind galt, sah keine Notwendigkeit für den Zusammenschluss und befürchtete, buchstäblich an den Rand gedrängt zu werden. „Erst werden in Sprendlingen Teppiche auf den Straßen liegen, dann ist Offenthal an der Reihe“, sagte 1975 ein dortiger Kommunalpolitiker.

Neben der großen Lösung tauchte in der Diskussion als Alternative auch ein Zusammenschluss von Sprendlingen/Buchschlag sowie von Dreieichenhain/Götzenhain/Offenthal auf. Während sich im Sprendlinger Stadtparlament die Mehrheit aus SPD und FDP gegen die CDU für die große Lösung aussprach, die vom damaligen hessischen Innenminister Hanns Heinz Bielefeld (FDP) favorisiert wurde, befürworteten die anderen Parlamente die kleine. Die Rede war von einer „Abwehrlösung gegen den 5er-Zusammenschluss zu einem Groß-Sprendlingen“. Ursprünglich war auch dieser Name als Arbeitstitel für den Zusammenschluss geplant, bevor daraus Dreieich wurde. Bei einer Versammlung in Buchschlag machte sich der Sprendlinger Bürgermeister Erich Scheid (SPD) mit seiner Aussage unbeliebt: „...dass es auch für die Buchschlager eine Lust sein wird, Sprendlinger zu sein“.

Sogar die SPD-Landtagsfraktion soll sich zumindest zeitweise für die kleine Lösung ausgesprochen haben. Doch letztendlich setzte sich die Koalitionstreue gegenüber den Liberalen durch. Am 19. Juni 1974 votierte die Landtagsmehrheit von SPD und FDP für das „Offenbach-Gesetz“. In Paragraf 9, Absatz 1 hieß es: „Die Städte Dreieichenhain und Sprendlingen und die Gemeinden Buchschlag, Götzenhain werden zu einer Stadt mit dem Namen Dreieich zusammengeschlossen.“ Als Stichtag wurde der 1. Januar 1977 bestimmt, die erste Kommunalwahl nach der Fusion für den 20. März des selben Jahres.

Nur der Sprendlinger Bürgermeister Scheid freute sich über eine „Sternstunde der engeren Heimat“. Seine Kollegen waren dagegen alles andere als begeistert. Der Offenthaler Albert Zimmer (Freie Wählervereinigung) fürchtete ein Stadtranddasein seiner Gemeinde. Von einem „Kuhhandel“ sprach der Götzenhainer Klaus Tielmann (SPD). „Bislang ist keiner bei mir gewesen, der sachliche Gründe dafür vortragen konnte“, klagte er. Der Dreieichenhainer Hans Pfrommer (SPD) traute sich in der Endphase des Gesetzgebungsverfahrens in keine Hainer Gaststätte mehr. Er sprach von einer „schmerzlichen und außerordentlich zu bedauernden“ Zwangsfusion. Aus Protest ließ er im Herbst 1976 drei tonnenschwere Findlinge an den Ausfallstraßen Hainer Chaussee, Geißberg und Koberstädter Straße mit der Aufschrift „Dreieichenhain – selbständige Stadt 1256 bis 1976“ platzieren. Die „Pfrommer“-Steine wurden so fest einbetoniert, dass sie bis heute von der Unabhängigkeit Dreieichenhains über viele Jahrhunderte zeugen.

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Buchschlags Bürgermeister Hans Meudt (CDU) lehnte gar beide Lösungen ab. Er soll gesagt haben: „Aus Sicht der Gemeinde gleicht die Frage derjenigen an einen Menschen, ob er lieber geköpft oder gehenkt werden sollte.“ Und doch wurden er und seine Partei zu den großen Gewinnern der Fusion. Bereits bei der Landtagswahl 1974 straften die zukünftigen Dreieicher die SPD und ihren Lokalmatadoren ab. Dr. Horst Schmidt verlor sein Direktmandat an Claus Demke (CDU), der ein „kleines Wunder im Westkreis“ sah. Bei der Kommunalwahl 1977 holte die CDU 51,2 Prozent, die SPD nur 40,1. Die Union wurde in allen Stadtteilen stärkste Fraktion. Die Tage des staatsbeauftragten Bürgermeisters Scheid waren somit gezählt. Am 6. Juni 1977 wählten die Stadtverordneten Hans Meudt zum Bürgermeister. Dieses Amt hatte er bis 1987 inne. Zur ebenfalls siegreich gestalteten Kommunalwahl 1981 wartete die CDU dann mit dem Slogan „Fünfmal Heimat – ein Dreieich“ auf. „Obwohl wir jetzt alle Dreieicher sind, sind wir trotzdem auch und vor allem Sprendlinger, Offenthaler, Götzenhainer, Dreieichenhainer und Buchschlager geblieben“, brachte es Meudt auf den Punkt.

Die Identität der fünf Stadtteile hat sich über die 40 Jahre hinweg erhalten und trotzdem kann man mittlerweile auch von einem Dreieich-Gefühl sprechen. So sagte Stadtverordnetenvorsteherin Bettina Schmitt bei der Vorstellung des Jubiläumsprogramms: „Dreieich ist aus meiner Sicht eine Erfolgsgeschichte und eine der schönsten Städte in Rhein-Main.“ In diesem Sinne wird 2017 kräftig gefeiert. Erster Termin im Festkalender ist das Dreieich-Neujahrskonzert am Sonntag, 22. Januar, um 16 Uhr im Bürgerhaus.

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