Spendenkampagne nimmt an Fahrt auf

Erasmus-Alberus-Gemeinde Dreieich: Neuer Kirchturm in Aussicht

Gezeiten von Jahrhunderten sind nicht spurlos an dem Dachstuhl der Kirche vorbeigegangen.
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Gezeiten von Jahrhunderten sind nicht spurlos an dem Dachstuhl der Kirche vorbeigegangen.

Die Erasmus-Alberus-Gemeinde hat bereits 92 000 Euro für die Sanierung ihres Kirchturms gesammelt. Die Arbeiten sollen Anfang 2022 beginnen.

Sprendlingen – Zwei Dinge stimmen Winfried Gerlitz derzeit positiv. Einerseits der Blick aufs Spendenbarometer für die Sanierung des Kirchturms der Erasmus-Alberus-Gemeinde. Andererseits der Blick auf den Kirchturm selbst. Denn wenn alles klappt wie geplant, „können wir Anfang nächsten Jahres endlich mit der Sanierung beginnen“, berichtet der seit kurzem verrentete Pfarrer.

Lange Zeit habe seine Gemeinde darauf warten müssen, viel Zeit und Geld sei in die Ursachenforschung geflossen, bereits anberaumte Arbeiten mussten immer wieder verschoben werden. Bislang waren für die Sanierung gut  600 000  Euro veranschlagt. Ein Sechstel davon wollte die Gemeinde selbst finanzieren, 50 000 Euro habe das Denkmalschutzamt in Aussicht gestellt, den Rest müsse die Landeskirche übernehmen, fasst Gerlitz den Finanzplan zusammen.

Den Eigenanteil, den die Gemeinde selbst aufbringt, habe man mittlerweile um 20 000 Euro erhöht – „angesichts der gestiegenen Preise für Baumaterial im vergangenen Jahr“, wie Wolfgang Deißler vom Kirchenvorstand erklärt. Dank einer erst kürzlich eingegangenen Großspende eines anonymen Gönners zeigen sich die beiden Männer aber durchaus hoffnungsvoll, das Ziel bis Ende des Jahres zu erreichen. Ein Blick aufs Spendenbarometer mit einem Stand von aktuell knapp 92 000 Euro unterstützt diese Zuversicht.

Dabei können die beiden auf weitaus mehr als nur die finanzielle Unterstützung bauen. „Die Sprendlinger fühlen sich verbunden mit ihrer alten Kirche und ihren Glocken“, sagt Gerlitz. Und fügt hinzu: „Die werden hier wirklich vermisst.“ Denn egal ob Gottesdienst, Konfirmation oder Trauung – schon seit Jahren müssen sich die Anwohnerinnen und Anwohner damit begnügen, dass aus dem Kirchturm der Gemeinde nur noch eine einzelne Glocke ertönt.

Dabei transportieren diese mitnichten nur fröhliche Botschaften. Auch bei Beerdigungen auf dem Friedhof werden sie schon seit Längerem schmerzlich vermisst. Schließlich habe man in der Vergangenheit bei Beisetzungen immer die Glocken gehört, „das fehlt den Angehörigen schon, denn das Läuten hat für viele eben auch eine tröstende Funktion“, weiß der Pfarrer im Ruhestand.

„Alles aus Eiche“, sagt Wolfgang Deißler beim behutsamen Betreten des ausladenden Dachstuhls der Erasmus-Alberus-Kirche. „Da sieht man mal, was das noch für ein Zimmermannshandwerk gewesen ist“, schwärmt er auf dem verschlängelten Weg hinauf zum Glockenturm, vorbei an einem massivem Geflecht aus drei Jahrhunderte altem Gebälk. Dort oben hängen, dicht gedrängt nebeneinander, die drei Glocken: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ steht auf der großen Glocke, „Friede auf Erden!“ auf der mittleren, „und den Menschen ein Wohlgefallen“ auf der kleinen. Erst kürzlich wurde die Weihung der Glocken vor einhundert Jahren im Rahmen eines Gottesdienstes gefeiert.

Warten auf die Sanierung: Wolfgang Deißler, Kirchenvorstand Martin Bucher und Winfried Gerlitz.

Warum die drei Glocken so viel jünger als die Kirche selbst sind? „Im Ersten Weltkrieg wurden vielerorts Bronzeglocken vom Reichsmilitärfiskus beschlagnahmt und als kriegswichtiges Material eingeschmolzen“, klärt Deißler über das Schicksal der ursprünglichen Glocken auf. Erst nach Ende des Krieges und einer erfolgreichen Spendensammlung habe die Gemeinde im Jahr 1920 drei neue Glocken in Auftrag geben und diese ein Jahr später erstmals Läuten lassen können.

Unzählige Untersuchungen habe man in den vergangenenn Jahren beauftragt, erinnert sich Winfried Gerlitz im Angesicht der massiven Gussstahlglocken. Und ausgerechnet sie sind nun ein Teil des Problems, das zwar bereits seit Jahren bekannt ist, doch noch immer nicht gelöst wurde. Denn sind alle drei Glocken in Benutzung, gerät die mehr als 300 Jahre alte Fachwerkkonstruktion des Kirchturms in Bewegung. Das Gewicht von über zwei Tonnen Stahl macht dem alten Gebälk mit zunehmendem Alter spürbar zu schaffen. Ausgerechnet dieses Gebälk, „das die Gezeiten von Jahrhunderten ausgehalten hat“, wie Deißler sagt, erweist sich nun also selbst als sanierungsbedürftig.

Für die Dauer der mit einem Jahr veranschlagten Sanierung werde das Gebäude sowohl eingerüstet als auch von innen abgestützt werden müssen, berichtet Gerlitz. Befürchtungen, die Maßnahmen könnten den regulären Kirchenbetrieb zum Erliegen bringen, weiß er jedoch aus dem Weg zu räumen. Die Stützmaßnahmen im Inneren werden „sehr dezent“ ausfallen, „sodass auch weiterhin wie gewohnt Gottesdienste, Konfirmationen und Trauungen stattfinden können“, versichert er. (Joel Schmidt)

Spendenkampagne

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann unter Angabe des Verwendungszwecks „Turmsanierung“ auf das Konto der Erasmus-Alberus-Kirche (IBAN: DE55 5059 2200 0106 1259 48) spenden.

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