Spannende Kirchenchronik

Erasmus-Alberus-Gemeinde: Erdbeben und Heuschreckenplage

Sprendlingen - Im Jahr der 300. Kerb kann Sprendlingen auf ein weiteres Jubiläum zurückblicken. Exakt am 15. April 1716 legten die Einwohner den Grundstein für den Neubau der Kirche. Dazu gibt es eine kleine Feier des Kirchenvorstands am morgigen Freitag um 18 Uhr vor der Gotteshaus. Von Holger Klemm 

Historisches Schmuckstück am Lindenplatz: die Erasmus-Alberus-Kirche. Unter dem Wappen und dem Bibelspruch hat sich der damalige Pfarrer verewigt. 

„Das Datum war sicherlich bekannt, aber es ist in Vergessenheit geraten“, berichtet Wolfgang Deißler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kirchenchronik in die heutige Schrift zu übertragen und damit zugänglich zu machen. Und dabei stieß er auf das Datum. „In der Chronik ist die Grundsteinlegung genau beschrieben“, berichtet der 74-Jährige, der Mitglied im Kirchenvorstand, bei den Freunden Sprendlingens und den Familienforschern ist. Demnach erfolgte die Zeremonie am 15. April 1716 abends um 6 Uhr an der nordwestlichen Gebäudeecke der alten Kirche. Exakt zur selben Stunde gibt es morgen die Feierstunde, bei der Deißler einige historische Details erläutern möchte. Eigentlich war es kein völliger Neubau. Die alte Kirche, die ursprünglich dem Hl. Laurentius geweiht und nach der Reformation lutherisch geworden ist, war für die wachsende Zahl an Gemeindemitgliedern zu klein geworden. Der Chor und Teile der alten Längswände wurden in die Erweiterung integriert. Geändert wurde aber die Ausrichtung von west-östlicher in nord-südlicher Richtung.

In der Chronik heißt es weiter: „Vier Monate später, am 18. Aug. wurde das Mauerwerk nach dem Dorfe zu unter Dach gestellt, nachdem 8 Tage vorher das Dachwerk von der alten Kirche und dem Kirchturme abgebrochen worden war. Am 14. Okt. wurde auf der Ecke des Daches, wo der Grundstein liegt, aus der Straße unten am ersten Schieferstein das Gräflich Isenburgische Wappen angeschlagen.“ Deißler verweist da auf eine Besonderheit. Unter dem Wappen und dem Bibelspruch „Bewahre deinen Fuß...“ finden sich die Initialen IPC, mit denen sich der damalige Pfarrer Johann Philipp Capeller verewigt hat. „Der ist übrigens durch Norddeutschland und die Niederlande gereist, um bei den lutherischen Glaubensbrüdern Geld für den Kirchenbau zu sammeln“, berichtet Deißler. Bei der Einweihung im Jahr 1718 war Capeller aber bereits in eine andere Gemeinde versetzt worden. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Auch den Bibelspruch sollte man sich genauer anschauen. Statt Fuß steht dort Eus. „Die Steinmetze konnten damals nicht lesen und schreiben. Sie arbeiteten nach Vorlagen“, erzählt Deißler. Und da dürfte damals ein Strich zuviel gesetzt worden sein. Es folgte später noch eine weitere Grundsteinlegung im Bereich des Chors, bei dem das steinerne Kreuz der alten Kirche Verwendung fand. „Bei Grabungen in dem Bereich müsste man es finden“, ist sich der 74-Jährige sicher.

1739 entstanden die Ausmalungen des Kircheninneren, die im Laufe der Jahre übertüncht, 1986 wieder herausgearbeitet wurden und seitdem wieder zu sehen sind. Mehrmals erfolgten auch umfangreiche Sanierungen wie 1832 und 1986, die am Erscheinungsbild des historischen Gebäudes aber nichts geändert haben.

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Die Kirche hatte übrigens damals keinen Namen, da sie die einzige in Sprendlingen war. Erst in den 50er Jahren wurde sie nach dem Theologen und Reformator Erasmus Alberus benannt, als mit der Christuskirche eine weitere evangelische Gemeinde entstand.

Seit eineinhalb Jahren beschäftigt sich Deißler mit der Kirchenchronik – und ein Ende ist nicht abzusehen. „Da ist noch viel Arbeit mit verbunden.“ Aber er ist schon auf eine Menge Geschichten und Anekdoten gestoßen, die das Leben im alten Sprendlingen lebendig werden lassen. Die jeweiligen Pfarrer haben nicht nur über Vorgänge in ihrer Gemeinde berichtet, sondern auch Stürme, Unglücksfälle oder Ernteausfälle festgehalten. Es finden sich beispielsweise Berichte über Erdbeben oder eine große Heuschreckenplage im Jahr 1857/58 mit schlimmen Auswirkungen auf die Ernte. Aktuell befindet sich Deißler in der Zeit des deutsch-französischen Kriegs 1870/71. Damals wurden an die 1 000 Mann in Sprendlingen einquartiert. Und die nahmen die Vorräte der Bevölkerung in Anspruch. Gar nicht so einfach ist es, die alten Texte mit ihrer Orthografie und Rechtschreibung zu entziffern. Immer wenn ein neuer Pfarrer die Chronik übernommen hat, muss Deißler erst einmal ein Gefühl dafür gewinnen, wie dieser schrieb und formulierte. Doch bislang ist ihm das immer gelungen.

Rubriklistenbild: © Strohfeldt

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